
- Gesellschaftlicher Wandel - Stefan Dassler
Beispielsweise gibt es die Modelle der Agrargesellschaft, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft und Informationsgesellschaft. Eine Gesellschaft ist nicht statisch, sondern dynamisch. Sie wandelt sich. Eine Gesellschaft kann unter anderem in Alter, Geschlecht, Familienstand, Konfession, Beruf und Einkommen gegliedert werden. Dies bezeichnet man in der Soziologie als Sozialstruktur. Die Veränderung der Sozialstruktur einer Gesellschaft über die Zeit stellt einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel dar.
Grundlegende Gesellschaftsmodelle
Wenn man sich mit Sozialstruktur beschäftigt, ist auch die Kenntnis von grundlegenden Gesellschaftsmodellen von Bedeutung. Die Art und Weise eines gesellschaftlichen Wandels kann langsam, rasch, kontinuierlich oder abrupt sein. Nachfolgend werden einige Gesellschaftsmodelle genannt:
- Jäger und Sammler. Merkmale: Vorgeschichte. Kein beziehungsweise einfacher Tauschhandel. Keine nennenswerten Wirtschaftssektoren. Technologie sind Steinwerkzeuge. Geringe soziale Unterschiede, keine Ansammlung von Reichtum. Zusammenleben in der Sippe.
- Agrargesellschaft. Merkmale: Epochen sind Jungsteinzeit, Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit. Wirtschaftlich sind von Bedeutung Ackerbau, Handwerk und Manufaktur. Es geht um den primären Sektor. Technologien sind Keramikgefäße, Ackerbau und Viehzucht. Aus sozialer Sicht gibt es wachsende soziale Unterschiede, kaum Mobilität, die Großfamilie und Vielgenerationenfamilie.
- Industriegesellschaft. Merkmale: Mitte 18. Jahrhundert bis Mitte 20. Jahrhundert. Industrie herrscht vor. Es handelt sich um den sekundären Sektor. Technologien sind Dampfmaschine, Auto, Massenproduktion und Fließband. Mit der Zeit zeigt sich eine zunehmende soziale Mobilität. Zu Beginn der Industriegesellschaft gibt es häufig die Großfamilie, später Kleinfamilien und kinderlose Ehen.
- Informationsgesellschaft. Merkmale: Seit den 1970er Jahren herrscht die Informationstechnik. Es geht um den tertiären Sektor. Technologien sind PC, Informationstechnologie und Bio-Technologie. Aus sozialer Sicht zeigen sich stärker wachsende soziale Unterschiede (Schere zwischen arm und reich), sehr hohe soziale Mobilität und hohe soziale Aufstiegs- und Abstiegschancen. Das Zusammenleben sind unter anderem durch „Restfamilie“, Lebensabschnittspartner und Alleinerziehende geprägt.
Marktwirtschaft und kommunistische Planwirtschaft
In Deutschland hat sich seit der Nachkriegszeit gesellschaftlich sehr viel verändert. In den Jahren nach 1945 bildeten sich auf den Gebieten der drei westlichen Besatzungszonen und der sowjetisch besetzten Zone zwei Staats- und Gesellschaftssysteme heraus – einerseits Demokratie und Marktwirtschaft, andererseits kommunistische Planwirtschaft. Mit der Wiedervereinigung 1990 wurde das Staats- und Gesellschaftssystem der BRD zu einer Art „Muster“ für die frühere DDR.
Der Werdegang von Männern und Frauen
Betrachtet man den Werdegang von Männern und Frauen in den 1950er Jahren in Deutschland, so zeigt sich beim Mann eine vorhersehbare Vollbeschäftigungsbiografie, die Frau kümmerte sich um Küche und Kinder. Das Fahrrad war für die meisten Menschen das schnellste Fortbewegungsmittel. Fernsehen kam gerade auf. Man heiratete früh – eine Scheidung war peinlich. Der Kirchgang am Sonntag war selbstverständlich.
Gesellschaftlicher Wandel
Der gesellschaftliche Wandel in Deutschland zeigt sich heute in verschiedener Form:
- Berufstätigkeit der Frauen: Für Frauen ist Karriere mehr und mehr zur Alternative für Küche und Kinder geworden. Viele Frauen versuchen auch Beruf und Familie zu vereinbaren. Etwa 58 Prozent aller Frauen sind heute im Beruf aktiv. So besteht zunehmend Bedarf an Teilzeitbeschäftigungen, Kinderbetreuungen und Altenpflege.
- Veränderung der Arbeitswelt: Immer schneller verschwinden, fusionieren oder wandern Firmen heute aus. Zwei Drittel der Erwerbstätigen sind im Dienstleistungssektor beschäftigt.
- Säkularisierung (Verweltlichung): Eine Entkirchlichung unseres Lebens ist unübersehbar. Regelmäßige Kirchenbesuche sind nur noch für 25 Prozent der Bevölkerung im Westen selbstverständlich – im Osten weit weniger. Kirchliche Taufen, Trauungen und Bestattungen sind wesentlich zurückgegangen.
- Mobilität: Räumliche Mobilität ist heute Normalität. Berlin, Paris, New York, Tokio liegen quasi um die Ecke. Jeder Deutsche zieht heutzutage durchschnittlich siebenmal im Leben um. Die Schattenseite dieser Mobilität ist Bindungs- und Orientierungsverlust.
- Einwanderung: Jeder zehnte Einwohner in Deutschland kommt aus der Fremde. Gesellschaftlich sind Begriffe wie Assimilation, Integration, Multikulti oder Migrationshintergrund aktuell.
- Medizinischer Fortschritt: Die Menschen leben heute wesentlich länger. Männer werden durchschnittlich 75 Jahre alt, Frauen 82 Jahre. Möglich ist dies durch den medizinischen Fortschritt – Antibiotika, bessere Operationsmethoden, verbesserte Vor- und Nachsorge.
- Überalterung der Gesellschaft: Heute werden nur noch etwa halb so viele Kinder geboren wie im Jahr 1950. Das Verhältnis von Kindern zu 65-Jährigen beträgt heute 1:1. Dies hat wesentliche Auswirkungen auf die Sozial- und Rentensysteme. Finanzierungsprobleme sind die Folge. Die demografische Entwicklung ist unter anderem eine Folge der Einführung der Pille in den 1960er Jahren.
Literatur:
- Kübler, H.-D.: Mythos Wissensgesellschaft: Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen. Eine Einführung. Vs Verlag 2008. Fachbuch. 230 Seiten. Euro 24,90.
- Muhlack, U.: Historisierung und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland im 19. Jahrhundert. Oldenbourg Akademieverlag 2003. Fachbuch. 238 Seiten. Euro 49,80.
