
- Krank durch Verstrahlung - (c) Stefanie Vogel
Auch heute noch herrscht Uneinigkeit darüber, welche Folgen der Unfall in Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl tatsächlich hatte und hat. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Strahlung und Todesfällen lässt sich nicht immer nachweisen. Dementsprechend schwanken die Angaben zu den Todesopfern je nach Definition zwischen 10.000 und 100.000. Auch besteht Uneinigkeit darüber, ob Menschen, die aufgrund der Strahlung erkrankten und starben, als Opfer von Tschernobyl verstanden werden dürfen und können. Aktuell veröffentlichten die International Physicians for the Prevention of Nuclear War, kurz IPPNW, und die Gesellschaft für Strahlenschutz nun eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl.
Wer ist am schwersten von der Strahlenverseuchung betroffen?
Laut der Studie sind insgesamt 600 Millionen Menschen mehr oder weniger stark von der Strahlung, die durch den Atomunfall verursacht wurde, betroffen. Am direktesten traf die Strahlung die sogenannten Liquidatoren. Hierbei handelte es sich um rund 1 Millionen Soldaten, welche von der Sowjetunion für die Aufräumarbeiten herangezogen wurden. Von diesen sind laut Angaben der Autoren der Studie mittlerweile über 112.000 verstorben. 90 Prozent der Überlebenden gelten als schwer erkrankt.
Veränderungen der Geburtenrate
Direkte Erkrankungen und Todesfälle sind aber nicht die einzigen Folgen des Atomunglücks. Laut der Studie kommt das United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation, kurz UNSCEAR, zu dem Schluss, dass weltweit aufgrund der radioaktiven Verstrahlung zwischen 30.000 bis 207.500 Kinder mit Genschäden geboren werden. In Deutschland zum Beispiel stieg die Zahl der Trisomie 21 Fälle signifikant an. Aber auch die Geburtenrate veränderte sich stark. Totgeburten und Fehlbildungen kamen nach Tschernobyl deutlich häufiger vor als zuvor. Die Studie erklärt, dass nach 1986 in Europa rund 800.000 Kinder weniger geboren wurden als man erwartet hatte. Von diesem Geburtenrückgang waren scheinbar die Mädchen stärker betroffen als die Jungen, denn gerade bei ihnen war der Geburtenrückgang sehr deutlich. Hinzu kommen noch die Abtreibungen, welche aufgrund des Tschernobylunglücks vermutet werden.
Erkrankungen in Westeuropa
Krebserkrankungen jedweder Form traten seit dem Unglück weit häufiger auf als zuvor. Auffällig ist, dass vor allem Kinder vermehrt an Schilddrüsenkrebs erkrankten. Dabei ist es unerheblich, ob die Patienten selbst der Strahlung ausgesetzt waren oder deren Eltern. In Süddeutschland kam es außerdem gehäuft zu recht seltenen Tumorarten wie dem Neuroblastom (Tumor bei Kindern). Laut der Studie ist damit zu rechnen, dass Tschernobyl in ganz Europa für knapp 240.000 zusätzliche Krebsfälle verantwortlich sein wird.
Die Langzeitfolgen sind noch immer nicht deutlich
Diese Prognose bezüglich zukünftiger Krebsfälle zeigt, dass, obwohl das Unglück schon 25 Jahre zurückliegt, noch immer gesundheitliche Spätfolgen auftreten können. Viele Erkrankungen treten erst in den nächsten Generationen auf. Dabei ist als einfache Faustregel zu beachten: Je höher die Strahlenbelastung war, der die Menschen ausgesetzt waren, desto schneller treten die Folgen auf. War die Strahlung hingegen geringer oder war man ihr kurzzeitiger ausgesetzt, kann es sein, dass erst die Kinder oder Enkel gesundheitliche Probleme bekommen werden.
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.
Quellen:
