Die Auswirkungen brutaler Games

Professor Christian Pfeiffer stellt Forschungsergebnisse vor

Gewaltkriminalität bei Jungen ist seit 1984 massiv angestiegen, gleichzeitig haben Mädchen die Jungen in Schule und Karriere überholt. Auslöser können Computerspiele sein

Wieviel Gewalt verträgt das Kindertheater? Als Reaktion auf eine Theaterkritik, die das Kriegs-Kinderstück „Still der Trommler“ an den Städtischen Bühnen Münster als wenig kindgerecht bezeichnet hatte, stellte sich das Theater gemeinsam mit dem Begegnungszentrum Meerwiese und der Forschungsstelle Theater und Musik im Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität die Frage, was Kindern im Theater zuzumuten sei. In einem eintägigen Symposium „Krieg im Kindertheater“ stießen Regisseure, Theaterwissenschaftler und Pädagogen eine Diskussion an, die im Hinblick auf jüngste Gewalttaten Jugendlicher und politische Kontroversen um Jugendstrafrecht und Erziehungscamps aktueller kaum sein kann. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Frage nach der Wirkung virtueller Gewaltdarstellungen – im Fernsehen oder als Gegenstand von Computerspielen.

Jungen sind gewalttätiger und schlechter in der Schule

Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover, präsentierte Forschungsergebnisse, die Pädagogen wie Politiker stutzig machen sollten: Seit 1984 ist die Gewaltkriminalität bei Jungen im Gegensatz zu der von Mädchen massiv angestiegen, gleichzeitig zeigen sie schlechtere Schulleistungen, die sich bis in die Universitäten auswirken. „Heute sind zwei Drittel aller Medizinstudenten und vier Fünftel aller Psychologiestudenten weiblich“, sagt Pfeiffer. Das Argument der Feminisierung des Lehrer- und Erziehungspersonals, das häufig angebracht werde, greife nicht, im Gegenteil. „Wenn Jungen von einem Lehrer unterrichtet werden, beträgt die Wahrscheinlichkeit eine Gymnasialempfehlung zu bekommen – wenn es sich außerdem um Ausländer handelt - nur neun Prozent. Werden sie von einer Frau unterrichtet, sind es immerhin 19 Prozent.“

50 Prozent aller Zehnjährigen spielt Games, die erst ab 16/18 zugelassen sind

Pfeiffer macht für schlechte Schulleistungen auch gewalttätige Computerspiele verantwortlich: 50 Prozent der 10-Jährigen haben bereits Erfahrungen mit Spielen, die erst ab 16 oder 18 zugelassen sind, ein Drittel spielen diese Spiele täglich. Jungen besitzen mehr als doppelt so häufig wie Mädchen eigene Playstations, Computer oder Fernseher. Besonders ausgeprägt ist der negative Effekt auf Schulnoten, wenn diese Spiele aufgrund ihres Suchtcharakters viel Zeit in Anspruch nehmen. „Nach dem Spiel zeigen die Kinder aufgrund der Wucht an Emotionen geringere Konzentrationsleistungen und zudem weniger Empathie, wenn man sie mit Gewalt konfrontiert“, sagt Pfeiffer. Männliche Ausländer seien dem Medieneinfluss besonders stark ausgesetzt, zudem bestehe ein Nord-Süd-Gefälle, das auch mit der Arbeitslosigkeit der Eltern zusammenhänge. „Je höher die Arbeitslosenquote, je ärmer die Familien sind, desto mehr Computer und Fernseher finden sich in den Familien.“

Wer selbst tötet, stumpft ab

Was die Auswirkungen der Computerspiele angeht, sei ein wesentlicher Punkt, dass sie selbst Akteur des Tötens werden im Gegensatz zum passiven Konsumieren von Gewalt im Kino oder Fernsehen. Pfeiffer geht davon aus, dass Computerspiele als Verstärker für gewalttätiges Verhalten wirken, wenn andere Belastungsfaktoren hinzukommen, wie gewaltbereite Freunde und ein gewalttätiges Elternhaus. Was dagegen helfe sei Bildungsförderung, auch im musisch-theatralen Bereich, soziale Integration und eine liebevolle (Pflege-)Familie. Computerspiele lehnt er nicht per se ab. Lernspielen etwa, steht er positiv abwartend gegenüber. Bisher fehlten jedoch noch aussagekräftige Studien über ihre Folgen.

Ob Theaterstücke, in denen es um Gewalt geht, negative Auswirkungen haben könnten, sei noch zu untersuchen. Da es sich jedoch um passives Konsumieren von Gewalt handelt und nicht um aktives Töten, geht er davon aus, dass negative Effekte gering sind, zumal die Kinder beim Applaus sehen, dass alle Schauspieler wohlauf sind und das Ende so positiv gelöst ist. Positiv wertet er auch den Anstoß zur Diskussion, zur Auseinandersetzung mit Themen, die zum traurigen Alltag der Kinder gehören können.

Eindeutiges "Ja" zum Krieg im Kindertheater

In der anschließenden Diskussion waren sich alle Beteiligten einig, dass die Darstellung von Krieg und Gewalt wichtig ist, um auf die alltägliche mediale Konfrontation mit solchen Themen zu reagieren. Dabei sollte besonders großer Wert auf die Einbeziehung kindlicher Phantasie gelegt werden - es muss nicht alles visualisiert werden -, ebenso wie auf anschließende Diskussionen mit Eltern und Lehrern. Kindern etwas zuzutrauen, bedeute aber auch, sie dem Kunstbegriff auszusetzen. Die Frage: „Hast du alles richtig verstanden?“ wird damit zweitrangig.

Isabell Steinböck, Isabell Steinböck

Isabell Steinböck - Isabell Steinböck ist freiberufliche Journalistin mit dem Themenschwerpunkt Kultur (Bühnentanz und Theater) sowie Kinderredaktion. Nach ...

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