Gewebte Bilder im 20. Jahrhundert

Sylphiden über der zerstörten Stadt, Detailfoto - Heike Spencker-Gyamfi
Sylphiden über der zerstörten Stadt, Detailfoto - Heike Spencker-Gyamfi
Eine kleine Impression über Wandbehänge, Gobelins, Tapisserien

Wandbehang, Gobelin, Tapisserie, alle Bezeichnungen meinen dasselbe, nämlich einen gewebten Bildteppich. „Die Tapisserie“, so steht es im französischen Sprachlexikon Robert, „ist ein Kunstwerk aus Stoff, auf einem Webstuhl und mit der Hand hergestellt, in dem die Darstellung aus der Struktur selbst hervorgeht, und das als Wandbehang gedacht ist.“

Eine sehr alte Tradition

Die Kunst des Webens ist eine Technik die bereits bei sehr alten Kulturen eine wichtige Rolle spielte. Schon die klassischen Griechen und Römer haben ihre Paläste und Villen mit Tapisserien geschmückt. Die damals angewandte Technik des Webens hat sich im Laufe der Zeiten kaum geändert.

Im 20. Jahrhundert

In Deutschland engagierten sich die Mitglieder des Bauhauses ab 1919 für die künstlerische Durchdringung des gestaltenden Handwerks. Kein Geringerer als Paul Klee leitete die Klasse für Weberei. Jean Lurçat begann 1939 in Aubusson die Gobelinweberei neu zu beleben. Er ging davon aus, dass der Zweck eines Bildteppichs der ist, eine kahle Wand zu schmücken und eine große Fläche künstlerisch zu bewältigen. Lurçat beschäftigte sich eingehend mit den technischen Erfordernissen und Aubusson galt lange Zeit international als exzellenter Ausbildungsort für Handweber.

Wie ein Gewebe entsteht

Ein großformatiges Gewebe mit der Hand zu fertigen braucht sehr viel Zeit, also auch Geduld, handwerkliches Können und natürlich eine gestalterische Idee. Anders als ein Gemälde, wo auf Papier oder Leinwand Farbe aufgetragen wird und wiederholt übermalt werden kann, entsteht ein Gobelin. Der künstlerische Entwurf wird in Originalgröße auf einen Karton gezeichnet und gilt als detaillierte Vorlage für die handwerkliche Ausführung. Der Karton ist hinter der Kette des Webstuhls angebracht. Bei der Gobelinweberei verlaufen die Webfäden nicht über die ganze Webbreite. Die Fäden werden mit der Hand verwirkt, genau nach der Vorgabe des Entwurfs. Anders als zum Beispiel bei einem Kelim dürfen bei den Farbübergängen keine Schlitze entstehen.

Der schöpferische Prozess beim Weben ist das Aufbauen, Faden für Faden. Die Textilkünstlerin Marlies Fraling versteht dieses Tun als einen Dialog zwischen ihr und dem entstehenden, wachsenden Gobelin. Nur ein kleiner Bildausschnitt ist während des Webens sichtbar, bedingt durch die Konstruktion des Hochwebstuhls. Ein Übermalen, ein Überweben ist nicht möglich. Erst dann, wenn die Arbeit fertig gestellt ist, ist sie auch für die Künstlerin zum ersten Mal in voller Größe sichtbar. Zur Fertigstellung von 1 qm Gewebe benötigt die Weberin etwa drei bis vier Wochen. In der heutigen Überfülle der schnellen digitalen Bilderwelt scheint so ein langwieriger Entstehungsprozess fast absurd. Aber darin liegt wahrscheinlich die Faszination des Handwebens. In der Beständigkeit über viele tausend Jahre und in der archaischen Schlichtheit der Technik.

Entwurf und Ausführung

Auf dem Foto ist ein Ausschnitt aus dem Gobelin „Sylphiden über der zerstörten Stadt“ von der Weberin Marlies Fraling aus dem Jahr 1953 zu sehen. Das Gewebe besteht aus pflanzengefärbter Wolle; die Kette ist aus Baumwolle. In diesem Fall liegt der künstlerische Entwurf und die Ausführung in zwei Händen. Ein Beispiel für die enge Zusammenarbeit von bildenden Künstlern und Handwerkern. Der Entwurf stammt von Alexander Camaro.

Quelle: Kunst +Handwerk, Ausgabe 4/1983

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Gabriele Caspers - Interessen: Kunst Kultur Architektur alltagsnah

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