Gewerbetopografie in der mittelalterlichen Stadt

Die räumliche Verteilung von Töpfern, Webern, Bäckern und Co.

Die ergrabene Bäckerei in Höxter (gr. rot. Pkt.) - Christian Peitz
Die ergrabene Bäckerei in Höxter (gr. rot. Pkt.) - Christian Peitz
In den Städten des Mittelalters unterlagen die Handwerker zahlreichen Zwängen, die bei der Wahl des Standortes eine Rolle spielten.

In vielen Städten mit einem mittelalterlichen Kern erinnern scheinbar noch heute die Straßennamen daran, wer hier früher einmal seinem Gewerbe nachging. Doch nicht immer lebten und arbeiteten hier auch tatsächlich diejenigen Handwerker, deren Berufsbezeichnung auf dem Straßenschild steht.

Mittelalterliche Steuerlisten und archäologische Ausgrabungen helfen, die Gewerbetopografie in den Städten des Mittelalters zu erforschen. Archäologischer Befund und historische Überlieferung decken sich jedoch nicht immer. Während zum Beispiel die Gerber wegen der Erfordernisse ihrer Arbeit oder auch aufgrund von städtischen Verordnungen meist tatsächlich am Stadtrand in den nach ihnen benannten Gassen ansässig waren, ist diese Bild für viele andere Gewerke weniger eindeutig.

Ausnutzung von Standortvorteilen

Die Gerber waren nicht die Einzigen, deren Berufsausübung an bestimmte räumliche Voraussetzungen geknüpft war und die in vielen Städten immer wieder an ähnlichen Standorten zu finden waren. So haben sich Seiler meist am Stadtrand in der Nähe der Mauer niedergelassen, da sie hier am besten die langen Reeperbahnen errichten konnten. Hufschmiede unterhielten ihre Werkstätten oft verkehrsgünstig an den Torstraßen.

All diejenigen Handwerker, die den alltäglichen Bedarf der Bewohner deckten, wie Bäcker, Schuhmacher und Schneider, waren meist gleichmäßig über die Stadt verteilt. Doch auch hier gab es Ausnahmen. So saßen die Kieler Schuhmacher fast alle in der Haßstraße und „Bei der Mauer", die Goslarer Bäcker konzentrierten sich an der Bäckerstraße.

Bei den Metzgern war die Streulage, so sie nicht ohnehin aufgrund einer Verordnung in die Vorstädte abgedrängt wurden, ebenfalls der Normalzustand, doch gab es gerade bei den Angehörigen dieses Berufes viele Ausnahmen. Die Lübecker Metzger konzentrierten sich in der Nähe des Schlachthauses, die Göttinger Metzger im Nicolai-Viertel und die Metzger in Hamburg am nördlichen Stadtrand zwischen dem Schlachthof und den Fleischschrangen – den Verkaufsständen. Gründe für diese Konzentrationen sind wohl überwiegend wirtschaftlicher und weniger rechtlicher Natur. Der Bezug von Rohstoffen und Produktionsmitteln dürfte für diese Konzentrationen Anlass gewesen sein.

Immer ein wenig außen vor – die Töpfer

Zu den Handwerkern, die meist freiwillig am Stadtrand, in den Vorstädten oder gar ganz außerhalb der Städte lebten und arbeiteten, gehörten auch die Töpfer. Überhaupt war das Töpferhandwerk traditionell eher auf dem Land angesiedelt, weswegen die Töpfer nur langsam den Weg in die Städte fanden. Denn dort war die Versorgung mit Ton, Holz und Wasser, den Rohstoffen für das Töpferhandwerk, ungleich schwieriger als außerhalb der Mauern.

Reine Töpfervorstädte sind zum Beispiel aus Mayen bekannt, wo die Töpfer zwar in Sichtweite der Genovevaburg, aber von dieser durch einen Graben getrennt lebten, aus Siegburg, wo die Töpfer an der Aulgasse nördlich der Stadt angesiedelt waren, und aus Regensburg. Hier waren die Töpfer in der Prebrunn- (Brennbrunn-) Siedlung ansässig, die mit dem Prebrunntor auch einen eigenen Zugang zur Stadt aufwies.

Starker Stoff – die Weber

Die Situation der Wollweber stellt sich in den einzelnen Städten sehr unterschiedlich dar. Das liegt daran, dass in einigen Städten sehr feine Wolltuche hergestellt wurden, die zu einem großen Teil in den Export gingen. Die Wollweber gehörten hier zu den reicheren Leuten und wohnten daher auch eher in den teureren Lagen im Stadtzentrum. In den Städten, in denen Tuche vor allem für den lokalen Markt erzeugt wurden, wohnten die Wollweber über die Stadt verstreut. Gänzlich abweichend war die Wohnsituation der Wollweber in Hildesheim, Braunschweig, Göttingen und Würzburg. Hier lebten die Tuchmacher in den Vorstädten. Das lag aber nicht an ihrer sozial schwachen Stellung, sondern daran, dass hier – in Hildesheim und Braunschweig belegt, in Göttingen und Würzburg zumindest sehr wahrscheinlich – flandrische Weber angeworben und in eigens für sie errichteten Vorstädten untergebracht wurden.

Viel schlechter als den Wollwebern ging es den Leinewebern. Im Spätmittelalter zählten sie in manchen Regionen gar zu den unehrlichen Leuten, da sie wegen des reichlichen Abfalls, der auf dem Weg vom Flachsstängel zum fertigen Leinen anfällt, weniger Fertigprodukte auslieferten, als sie vorher Rohstoff erhalten hatten. Den Verdacht, unterwegs ein wenig davon in die eigene Tasche abzuzweigen, wurden sie nicht los. Da sie es mit ihrer Arbeit nicht zu Wohlstand bringen konnten, wohnten sie in den ärmeren Gegenden am Stadtrand.

Sehr gefragt – die Bäcker

Die Bäcker gehörten zu den für die örtliche Versorgung unbedingt nötigen Handwerkern. Entsprechend waren ihre Wohn- und Arbeitsstätten meist recht gleichmäßig in der Stadt verstreut. In manchen Städten, so auch in Göttingen, siedelten sich ein paar mehr Bäcker am Marktplatz an. Auch in Höxter lebten zwischen 1482 und 1517 die meisten der 14 in den Schoßregistern nachweisbaren Bäcker in der Nähe des alten und des neuen Marktes sowie verkehrsgünstig an der Westerbeke, dem Strang des Hellweges durch die Stadt.

Mancherorts waren besonders Eckgrundstücke bei Bäckern beliebt. Auch hier war wohl wieder die gute Erreichbarkeit für die Kunden ausschlaggebend. Ein in Höxter ergrabener Backofen aus dem 15. Jahrhundert lag ebenfalls in einem Eckhaus, doch ist es verwunderlich, dass dieses Grundstück keinem der in Höxter urkundlich erwähnten Bäcker zugeordnet werden kann.

Lesetipps

H. Jansen, G. Ritter, D. Wiktorin, E. Gohrbandt u. G. Weiss: Der historische Atlas Köln, Köln 2003.

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg/Stadt Zürich (Hrsg.): Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch, Stuttgart 1992.

H. Rüthing: Höxter um 1500, Paderborn 1986.

H. Steenweg: Göttingen um 1400, Göttingen 1990.

Christian Peitz, Sabine Peitz

Christian Peitz - Schon fast mein ganzes Leben begleiten mich Modelleisenbahnen und ihre Vorbilder. Speziell die Zeit der Dampfloks hat es mir in Vorbild ...

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