
- Kay: Die Fürsten des Nordens - Piper-Verlag
Ein raues Klima herrscht im Norden. Harte Winter, kalte Winde haben die Landschaft im Griff, erschweren Ackerbau und Viehzucht. Das Volk der Erlinger hat sich an diese Umwelt angepasst und gelernt, darin zu überleben. Mit ihren Drachenschiffen ziehen die Männer aus, um die anderen Völker der bekannten Welt auszurauben. Doch die glorreichen Tage der nordischen Piraten sind vorbei. Der mächtige Volgan ist tot, erschlagen worden im Land der Cyngael. Sie und ihre Nachbarn, die Anglcyn, haben ihre Küsten zuletzt immer erfolgreicher gegen die Überfälle der Erlinger verteidigt. Doch dieses Mal sind es die Söldner von Jormsvik, die der Aussicht auf reiche Beute nicht widerstehen konnten. Diese handverlesenen und gut ausgebildeten Krieger könnten die Kräfteverhältnisse im Norden wieder zu Gunsten der Erlinger verschieben …
Ein historischer Roman in einer Fantasy-Welt
Bei „Die Fürsten des Nordens“ handelt es sich um einen historischen Roman, der in einer Fantasy-Welt spielt. Der Autor Guy Gavriel Kay hat sich die spannende Übergangszeit zwischen Spätantike und frühem Mittelalter zum Vorbild für seine einbändige Nordland-Saga genommen. Die Erlinger und ihre Drachenschiffe stehen für die Wikinger (und werden an manchen Stellen im Buch auch Vikinger genannt), die auf ihren Kaperfahrten die Küstenländer überfallen, Bauernhöfe und Klöster plündern und einen Teil ihrer Beute später Gewinn bringend verkaufen. Die Cyngael, die oft Opfer der Erlinger-Überfälle werden, erinnern dagegen an keltische Völker. Das wird etwa deutlich am Feenglauben, den auch Missionare einer monotheistischen Religion nicht ausrotten können, aber auch an der Zerstrittenheit der drei Stämme. Die Anglcyn schließlich haben den höchsten Zivilisationsgrad der drei nordischen Völker erreicht. Unter ihrem König Aeldred steigen Alphabetisierung und Bildung der Bevölkerung, werden Straßen und Burgen gebaut und die Beziehungen zu den Nachbarvölkern verbessert. Das ans Römische Reich erinnernde, untergegangene Rhodias ist das Vorbild, nach dem Aeldred sein Reich formen möchte.
Feen und Geister mischen sich in Familienprobleme ein
Doch zuvor muss der fortschrittliche Herrscher seine familiären Probleme lösen. Seine Frau Elswith möchte ihn verlassen und in ein Kloster gehen, seine älteste Tochter Judit würde am liebsten in den Krieg ziehen wie ein Mann, seinem ältesten Sohn und Erbe Athelbert fehlt der Sinn für Bildung und seine jüngste Tochter Kendra ist auch nicht mehr die stille und zurückhaltende Person, die sie früher war, sondern entwickelt plötzlich einen Sinn für die Zwischenwelt der Feen und Geister. In „Die Fürsten des Nordens“ haben zum Glück für Aeldred auch die anderen Völker solche Probleme, müssen auch bei den Erlingern Vater-Sohn-Konflikte gelöst werden. Und da die jungen Erwachsenen auch noch alle im heiratsfähigen Alter sind, ergeben sich so manche Chancen für gewollte und ungewollte eheliche Verbindungen.
Viele Figuren- und Perspektivwechsel
Der 1954 in Kanada geboren Kay ist ein hervorragender Erzähler und liebt es, seine Leser mit seinen originellen Ideen zu überraschen. Durch plötzliche Perspektivwechsel gibt er Einblicke in alle wichtigen Charaktere. So wird das einfache Gut-Böse Schema durchbrochen, das in der klassischen Fantasy vorherrscht. Allerdings gewinnt die Handlung durch die Vielzahl der Figuren – vor allem durch Charaktere, die in einem Abschnitt plötzlich auftauchen, um gleich wieder aus der Sicht des Lesers zu verschwinden – an Komplexität, wie sie auch aus den Werken Steven Eriksons und George R.R. Martins bekannt ist. Da „Die Fürsten des Nordens“ jedoch ein Einzelband ist (im Gegensatz zu den Reihen Eriksons und Martins) führt hier die große Anzahl der Personen dazu, dass sich der Leser nur schwer mit einem Helden identifizieren kann. Doch wahre Helden sind eben rar – das lehrt schon die Geschichte.
Guy Gabriel Kay: Die Fürsten des Nordens. Piper-Verlag 2008. Taschenbuch, 560 Seiten. Euro 9,95 (Österreich 10,30).
