Daryl Bem hatte bis 2007 einen Lehrstuhl für Psychologie an der renommierten Cornell University (NY) inne. Doch auch nach der Emeritierung arbeitet er dort weiter. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung der eigenen sexuellen Orientierung. Aber auch die experimentelle Überprüfung von PSI-Phänomenen ist für ihn kein neues Forschungsgebiet.

Die Zukunft fühlen: der experimentelle Beweis für Präkognition?

Letztes Jahr veröffentlichte Bem im "Journal of Personality and Social Psychology" seine Studie "Feeling the Future: Experimental Evidence for Anomalous Retroactive Influences on Cognition and Affect" ("Die Zukunft fühlen: Experimentelle Beweise für anomale rückwirkende Einflüsse auf Kognition und Gefühl"). Die Studie ist im Internet zugänglich.

Bereits mit dem Erscheinen dieser Studie brandete ein Streit auf. Es ging nicht nur um die Beweiskraft der Studie, sondern überhaupt darum, dass sich ein international so bekanntes Magazin wie das Journal of Personality überhaupt zur Veröffentlichung einer solchen Studie herablasse.

"It's craziness, pure craziness (es ist komplett verrückt)", zitiert die New York Times Ray Hyman, Psychologieprofessor an der University Oregon. Sein Kollege Serge Larivee an der Université de Montreal dagegen ist gelassener. Er sei gespannt, ob sich die Ergebnisse reproduzieren ließen.

Neue Studien über außersinnlicher Wahrnehmung (ESP)

Letzte Woche, am 10. Januar 2011, kündigte das British Medical Journal an, es werde einen Artikel über übersinnliche Wahrnehmung veröffentlichen, die deren Existenz durch etablierte psychologische Untersuchungsmethoden stützen würde. Die Häme folgte sofort. Carson Jerema schrieb in der Winnipeg Free Press, dass in den letzten Jahren mehrere wissenschaftliche Journale schlampige Untersuchungen veröffentlicht hätten, deren Ergebnisse nicht hätten reproduziert werden können und deren Schlussfolgerungen nicht den wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen. So sei auch der in BMJ angekündigte Artikel nicht neu, sondern eine bereits veröffentlichte Untersuchung von 1998, die sich lediglich auf Interviews mit zwölf Personen stütze.

Alternative Erklärungen für esoterische Voraussagen: Sensibilität und Modellieren

Tatsächlich sind die meisten "übersinnlichen" Wahrnehmungen wohl zwei äußerst menschlichen Charaktereigenschaften geschuldet. Zum einen sind Menschen mehr oder weniger empfänglich für das, was ihr Gegenüber hören möchte. Das scheinen Hellseher bewusst oder unbewusst auszunutzen. Dies ist aber nicht Hellsicht, sondern (zum Teil betrügerische) Sensibilität. Zum anderen glauben Menschen lieber etwas prägnantes, als etwas unprägnantes. Horoskope und Tarot-Karten liefern zwar keine harten Fakten, lenken aber durch ihre Aussagen die Wahrnehmung der Menschen so, dass diese genau das "sehen", was ihnen passieren soll. Diese Mischform von Aufmerksamkeitslenkung und Zufall führt dann dazu, dass Voraussagen tatsächlich ein statistisch relevantes Phänomen werden.

Skandalöserweise (aber ist es tatsächlich so skandalös?) sind solche Wahrsagungen in ihrem Prozess dem wissenschaftlichen Modellieren sehr ähnlich. Modellieren ist das aktive Hineinsehen eines wissenschaftlichen Modells in die Umwelt. Beim Wahrsagen gibt es auch ein Modell (das je gelegte, konkrete Kartenbild zum Beispiel), nur dass es nicht wissenschaftlich ist.

Doch auch ein anderes Phänomen dürfte dabei eine Rolle spielen. Wessen Zukunft festgelegt ist, der muss dafür keine Verantwortung mehr tragen und auch keine Entscheidungen treffen. Das ist sehr angenehm.

Links

Has a U.S. psychologist uncovered proof of ESP?

Critics blast new study that suggests ESP is real

Science journals in decline

Homepage: Daryl Bem

Homepage: British Medical Journal

Weitere empfohlene Links

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