
- Giersch - Doppeldolde des Doldenblütlers - Dr. Gerald Albach
"Wiewol der Geyßfuß ein veracht unnd unachtsam Kraut ist/ so hat es doch auch seinen gebrauch in der Artzeney uberkommen/ und wird insonderheit höchlich gelobt zu dem Zipperlein/ Gliedsucht und Hüfftwehe", schrieb Jacobus Theodorus "Tabernaemontanus" anno 1625 in seinem Kräuterbuch über den Geyßfuß. Geißfuß, Giersch, Gänsestrenzel und Ziegenfuß - viele deutsche Namen trägt der Doldenblütler Aegopodium podagraria aus der Familie der Doldenblütengewächse Apiaceae. Heutzutage zerknirschen viele Gärtner beim Anblick des Gierschen, denn für viele Gärtner gilt Giersch wegen seiner stark wuchernden unterirdischen Ausläufer als Inbegriff des lästigen Gartenunkrauts. Doch während auch in modernen Lexika der Giersch als "lästiges Gartenunkraut" beschrieben wird, stellte Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1905 im Eintrag über Aegopodium noch fest: "Die jungen Sprosse geben ein spinatartiges Gemüse."
Giersch - Ein Heilkraut ist Unkraut?
Der Gattungsname Aegopodium bezieht sich auf die Form der fiederteiligen Blätter des Giersches oder Ziegenfußes. Das griechische aigos bedeutet Ziege und podion ist das Füßchen, und den Abdruck eines Ziegenfußes ähnelt das Fiederpaar zweiter Ordnung des Gierschblattes. Dagegen weist der Artname podagraria auf die frühere Verwendung des "Unkrauts" Giersch als Heilkraut hin, genau so wie der deutsche Name "Podagrakraut" und das französische "podagraire". Auch Tabernaemontanus erwähnte schon eine Wirkung gegen "Zipperlein/ Gliedsucht und Hüfftwehe", denn Podagra ist die Gicht des Grundgelenkes der Großzehe.
Die Heilpflanze Giersch - Aegopodii podagrariae herba
Aus dem getrockneten Gierschkraut wird die Droge Aegopodii podagrariae herba gewonnen, welches auch nach dem französischen Abt Gérard de Brogne benannt früher als "Herba Sancti Gerhardi" bekannt war. Das getrocknete Gierschkraut wurde zur innerlichen Anwendung als Teeaufguß getrunken, äußerlich diente das Heilkraut für Umschläge gegen Gicht, oder im Bad gegen Hämorrhoiden. Noch heute werden aus Gierschkraut homöopathische Arzneimittel hergestellt, und in der pharmazeutischen Forschung Inhaltsstoffe wie das bitter schmeckende Polyacetylen Falcarindiol oder ätherische Öle für eine medizinische Verwendung untersucht. Eine weitere Art der innerlichen Anwendung war früher wohl noch populärer, man verwendete Giersch als Nahrungsmittel für Gemüse und Salate.
Vitamin-C-Bombe Giersch in der Neunstärke
Giersch ist Hauptbestandteil der Wildkräutersuppe "Neunstärke", eines jahrhundertealten Frühlingssuppen-Rezeptes aus neun Wildkräutern. Schon im Mittelalter wusste man um die Stärke des Wildkrauts Giersch zur Stärkung der Lebenskräfte - ohne moderne Lebensmittelanalyse. Nach Franke ist Giersch mit 200 Milligramm Vitamin C pro 100 Gramm eine wahre Vitaminbombe, sogar noch mehr Vitamin C enthält das Schmalblättrige Weidenröschen. Giersch enthält somit etwa viermal mehr Vitamin C als die Orange, dem modernen Vitamin-C-Klassiker. So ist es kein Wunder, dass nach dem Lehrbuch der biologischen Heilmittel der Giersch als Gemüse oder Salat im 14. Jahrhundert auch am polnischen Königshofe verspeist worden sein soll. Neben Vitamin C enthält Giersch auch ansehnliche Mengen an Provitamin A und Mineralstoffen wie Calcium und Magnesium, verschiedene ätherische Öle, Polyine (Kohlenwasserstoffe mit Dreifachbindungen), Flavonoide und Abkömmlinge der Kaffeesäure. Somit stellt sich für den Gärtner wohl nicht die Frage, wie man den Giersch aus dem Garten heraus bekommt, sondern wie man den Giersch in den Garten hinein bekommt und wo er im Garten wachsen darf? Wächst er an der falschen Stelle ist aufessen die effektivste "Unkrautbekämpfung". Wächst er noch nicht im Garten, kann man Giersch sicher an Feldweg oder Waldweg bestimmen und eine mitgenommene Pflanze in der Wildgemüse-Ecke des Gartens herumwildern lassen. Das wohlschmeckende Wildgemüse Giersch ist einen Geschmacksversuch wert.
Systematik
Abteilung: Magnoliophyta – Bedecktsamer
Klasse: Rosopsida – Dreifurchenpollen-Zweikeimblättrige
Unterklasse: Asteridae – Asternähnliche
Ordnung: Apiales – Doldenblütlerartige
Familie: Apiaceae – Doldenblütler
Unterfamilie: Apioideae
Gattung: Aegopodium
Art: Aegopodium podagraria – Giersch (Linné 1753)
Weiterführende Literatur:
"Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen - 1500 Pflanzen Mitteleuropas mit 400 Farbfotos" von Steffen Guido Fleischhauer, AT Verlag.
