„Es war einmal ein Mann, der hatte schöne Häuser in der Stadt und auf dem Lande, goldenes und silbernes Tafelgeschirr, verzierte Möbel und reich vergoldete Karossen; aber zum Unglück hatte dieser Mann einen blauen Bart. Dadurch war er so hässlich und so abstoßend, dass es weder eine Frau noch ein Mädchen gab, die nicht bei seinem Anblick davongelaufen wäre.“
Blaubart und Gilles de Rais
Mit diesen Worten beginnt das Märchen „Blaubart“, in dem Charles de Perrault (1628-1703) möglicherweise die Lebensgeschichte des französischen Heerführers Gilles de Rais (1404-1440) literarisch verarbeitet hat. Immer wieder haben die grauenhaften Kindestötungen Gilles’ de Rais die Phantasie der Nachwelt erregt und Anlass zu Spekulationen über Ursache und Ausmaß eines derart pervertierten Lustempfindens gegeben.
Herkunft und Lebenswandel Gilles’ de Rais
1404 wurde Gilles de Montmorency-Laval, Baron de Rais auf Schloss Champtocé bei Angers geboren. Entscheidenden Einfluss auf seine Entwicklung hatte sein Großvater, Jean de Craon, bei dem der junge Baron aufwuchs. Umfangreiche Besitzungen, denen er seinen Reichtum verdankte und die Erziehung zum Feudalherrn, der sich nach Auffassung seines Großvaters als über den Gesetzen stehend fühlen konnte, legten den Grundstein für Gilles’ späteres Leben in Verschwendung und Ausschweifung.
Doch während bei Jean de Craon Skrupellosigkeit und Brutalität mit Durchtriebenheit und Berechnung gepaart waren, lassen sich der Grausamkeit Gilles’ de Rais keinerlei berechnende Züge entnehmen. Gilles ist besessen. Besessen von der Lust zu töten, zu vergewaltigen und sich im Blut und den Eingeweiden der ermordeten Kinder – meist Jungen – zu weiden. Es bereitet ihm ein perverses Vergnügen, den Getöteten die Köpfe abzutrennen und gemeinsam mit seinen Vertrauten einen „Schönheitswettbewerb“ zu veranstalten.
Märchen und brutale Realität
„Nach einigen Augenblicken gewahrte sie, daß der Boden ganz mit geronnenem Blute bedeckt war, worin sich die Leiber von etlichen toten Frauen spiegelten, die längs der Wände befestigt waren“, heißt es in dem Märchen „Blaubart“. Dennoch gibt es wenig Gemeinsames zwischen Blaubart und Gilles de Rais. Dieser tötete nicht seine Ehefrauen, sondern Kinder aus dem Volk, die er sich von Komplizen auf seine Schlösser bringen ließ; Kinder, deren niedrige soziale Stellung der Grund dafür gewesen sein dürfte, dass der Baron de Rais sein grausames Treiben über mehr als sieben Jahre weitgehend unbehelligt ausüben konnte.
Militärische Laufbahn
Die Ereignisse des Hundertjährigen Krieges führten Gilles de Rais an die Seite von Jeanne d’Arc. Gemeinsam kämpften sie gegen die Belagerung von Orléans durch die Engländer. Nach seiner Krönung in Reims 1429 ernannte König Karl VII. Rais zum Marschall von Frankreich. Auch der erfolgreiche Feldherr war schon für seine ungewöhnlichen Grausamkeiten in Kriegszeiten bekannt. Dennoch begannen die Verbrechen, für die Gilles de Rais später eine traurige Berühmtheit erlangen sollte, erst nachdem ihm mit der Beendigung der kriegerischen Tätigkeit auch sein Lebenszweck abhanden gekommen war.
Der Prozess gegen Gilles de Rais
Die Zahl der getöteten Kinder ist nicht genau zu bestimmen. Die Prozessakten sprechen von etwa 140, aber vieles spricht dafür, dass es deutlich mehr – womöglich bis zu 400 – waren. Doch nicht die Morde waren die Ursache dafür, dass Gilles de Rais 1440 verhaftet und sowohl vor ein geistliches als auch ein weltliches Gericht gestellt wurde. Besitzstreitigkeiten hatten ihn zu der wahnwitzigen Idee verleitet, während der Pfingstmesse eine Kirche zu überfallen und den Priester gefangen zu nehmen. Mit diesem Sakrileg hatte Gilles sein Schicksal besiegelt. Auch die Kindesmorde wurden nun zur Anklage gebracht, nachdem man in seinen Schlössern die Überreste zahlreicher Kinderleichen gefunden hatte.
Der Prozess begann im September 1440 zunächst vor dem geistlichen Gericht unter dem Vorsitz des Bischofs von Nantes und des Stellvertreters des Inquisitors. Bezeichnend für Gilles de Rais ist es, dass seine anfängliche Überheblichkeit, mit der er die gegen ihn vorgebrachten Anklagen – Ketzerei, Zauberei, Teufelsbeschwörung, Gewalt gegen Geistliche, Sodomie und Mord an unschuldigen Kindern – leugnet, in demütige Bitten und die Bereitschaft zu einem umfassenden Geständnis umschlägt, als über ihn die Exkommunikation verhängt wird.
Innerer Zwiespalt eines gläubigen Ungeheuers
Auch während seiner größten Exzesse hat Gilles de Rais sich stets in einem bemerkenswerten Zwiespalt befunden. Bereit zu Teufelsbeschwörungen, um seine Ziele zu erreichen, schwebte er doch andererseits in ständiger Furcht vor dem Verlust seines Seelenheils, das zu bewahren oder wiederzuerlangen er bis zum Schluss in geradezu kindlicher Naivität glaubte.
So war denn auch die Exkommunikation der Auslöser für sein – ohne Anwendung der Folter abgelegtes – umfassendes Geständnis. Überzeugt, dass seine aufrichtige Reue ihn den Fängen des Teufels entreißen werde, bittet er überdies die Eltern der getöteten Kinder nicht nur um Vergebung, sondern auch um Gebete zur Rettung seiner Seele.
„Schuldig der Häresie, des Mordes und der widernatürlichen Unzucht mit Kindern“ urteilte das geistliche Gericht nach ausführlicher Zeugenbefragung und infolge des Geständnisses des Angeklagten. Der anschließende weltliche Prozess führte ebenfalls zur Verurteilung und zur Einziehung der Güter Gilles’ de Rais.
Die Hinrichtung
Noch in diesem letzten Abschnitt seines Lebens gelang es Gilles de Rais, seine Ansprüche auf eine Sonderbehandlung durchzusetzen. Dem Urteil entsprechend sollte er gehängt und seine Leiche anschließend verbrannt werden. Doch Gilles erreichte nicht nur das Zugeständnis, dass sein Körper aus den Flammen genommen würde, bevor er vom Feuer versehrt wäre, um anschließend in einen Sarg gelegt und in der Kirche des Karmeliterklosters in Nantes bestattet zu werden. Er forderte – und erhielt – sogar die Zusage, dass eine Prozession des ganzen Volkes mit dem Bischof an der Spitze ihn zur Hinrichtungsstätte geleiten solle, um zu Gott für ihn und seine mitverurteilten Komplizen zu bitten.
Im Märchen stirbt Blaubart durch die Hand der Brüder seiner Frau, ohne vor den Augen der Beteiligten Gnade zu finden. Im Laufe der Zeit hat die Blaubart-Legende verschiedene literarische Ausformungen erhalten. Ein altes bretonisches Klagelied versucht, die Geschichte der sieben Frauen Blaubarts mit den Gräueltaten Gilles’ de Rais in Verbindung zu bringen. In der Vorstellung des Volkes wurden die Schlösser Gilles’ de Rais, in denen er seine Verbrechen beging, Vorlage für das Schloss Blaubarts, in dem seine Frauen sterben mussten – möglicherweise ein Versuch, das Ungeheuerliche des realen Gilles de Rais in der Legende zu verarbeiten. So heißt es auch in der Moral am Schluss des Märchens:
„Wofern man klug ist und gescheit
Und kann der Welt Geschwätz verstehen,
Wird man in der Geschichte sehen
Ein Märchen aus der alten Zeit.“
Literatur:
- Georges Bataille, Gilles de Rais. Leben und Prozess eines Kindermörders, Hamburg 1967
- Charles Perrault, Feenmärchen aus alter Zeit, München o.J.
