
- Ewiges Eis doch nicht ewig? - Markus Müller
Schon in 20 oder 30 Jahren könnte der Nordpol in den Sommermonaten vollkommen eisfrei sein. Schmilzt das mehrjährige Packeis weiterhin so rasant ab, steht das Nordpolarmeer der Schifffahrt schon in wenigen Jahren offen. Dies ergab die Studie eines Forscherteams um den britischen Wissenschaftler Pen Hadow. Die Forscher waren von März bis Mai 2009 73 Tage lang auf Skiern in der Arktis unterwegs, um die Auswirkungen des Klimawandels auf das Packeis genauer zu untersuchen – die Ergebnisse sind erschreckend.
Das Packeis in der Arktis schmilzt rasant
Pen Hadow und seine Kollegen vermaßen auf ihrer 450 Kilometer langen Route das einjährige Eis und das mehrjährige Packeis und sammelten mehr als 6.000 Daten über Dicke und Dichte des Eispanzers. Die durchschnittliche Dicke des "anfälligen" einjährigen Eises, das eine viel größere Fläche als früher bedeckt, betrug demnach nur 1,8 Meter. Damit war es eindeutig "zu dünn, um die Eisschmelze des nächsten Sommers zu überstehen", so Peter Wadhams von der Universität Cambridge. Einen Beitrag zur Regeneration des mehrjährigen Packeises, das immer schneller abschmilzt, konnte es damit nicht leisten. Satellitenaufnahmen zeigten derweil, dass die arktische Eisfläche im Sommer 2009 zum dritten Mal in Folge extrem geschmolzen war. Die berühmt-berüchtigte Nordwest-Passage vom Atlantik zum Pazifik war im Rekordsommer 2007 erstmals eisfrei und damit schiffbar, so die Europäische Raumfahrtagentur ESA. Sehr altes mindestens sechsjähriges Eis, das vor etwa 20 Jahren noch etwa 20 Prozent der arktischen Region ausgemacht habe, sei 2008 auf nur mehr sechs Prozent geschrumpft. Laut dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung betrug die Eisfläche im Nordpolarmeer am 12. September 2009 nur noch 5,1 Millionen Quadratkilometer. Eine Rückkehr zur historischen Eisausdehnung von mehr als sieben Millionen Quadratkilometern, wie sie von 1979 bis 2000 noch regelmäßig auftrat, sei ausgeschlossen.
Im Juni 2009 brach das Greenpeace Schiff „Arctic Sunrise“ zu einer mehrmonatigen Arktis-Expedition auf. Auf ihrer sommerlichen Forschungsreise stellten die beteiligten Wissenschaftler fest, dass das Eis im Nordpolarmeer täglich um 106.000 Quadratkilometer schrumpfte. Ähnlich verhielt es sich im Rekordsommer 2007. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte das Meer Greenpeace zufolge bereits in zehn Jahren eisfrei sei. Das wäre einmalig in den vergangenen Million Jahren, meint das Magazin für Umweltschutz Biospäre.
Der Klimawandel und seine Folgen
Auch der Klimaexperte der Naturschutzorganisation WWF, Martin Sommerkorn, beschäftigte sich mit den Forschungsergebnissen seiner Kollegen und zeichnete ein düsteres Bild. "Die Eisschmelze schreitet schneller voran als gedacht. Ohne die Polkappen werden wir eine ganz andere und wärmere Welt haben", so Sommerkorn. Das Abschmelzen des vermeintlich "ewigen Eises" und das dadurch hervorgerufene Ansteigen des Meerwasserspiegels werden Überschwemmungen nach sich ziehen, von denen ein Viertel der Weltbevölkerung betroffen sein könnte, so der Klimaexperte weiter. Das Verschwinden des arktischen Eispanzers könnte laut Sommerkorn auch einhergehen mit einem gewaltigen Anstieg der Treibhausgasemissionen durch frei werdende Kohlenstoffspeicher. Abgesehen davon wird sich das Meerwasser nach dem Verschwinden des Packeises erheblich schneller erwärmen, mit kaum absehbaren Folgen für die maritime Flora und Fauna. Die Folgen der globalen Erwärmung sind auch 2010 spürbar – Jahrhundertflut in Pakistan und die achtwöchige extreme Hitzeperiode mit verheerenden Waldbränden in Russland. Solche extremen Wetterereignisse dürften sich in Zukunft häufen. Gegen den allgemeinen Trend könnte in West- und Mitteleuropa mit einer möglichen Abschwächung des warmen Golfstromes sogar ein spürbarer Abkühlungseffekt eintreten.
Der hoffnungslose Kampf der Eisbären ums Überleben
Für Aufregung und Erstaunen sorgte ein Bär, der 2010 von einem Inuit-Jäger im Nordwest-Territorium Kanadas erlegt worden war. Forscher der kanadischen Umweltbehörde haben jetzt das DNA-Muster des Tieres untersucht und kommen zum Schluss, dass der Vater des Bären ein Grizzly war und die Mutter ein Grolar, also ein Grizzly-Eisbär-Mischling. Der Bär hatte ein weißes Fell wie ein Eisbär, aber einen größeren Kopf, braune Tatzen und längere Krallen. Eine DNA-Untersuchung ergab, dass es sich um einen sogenannten "Hybriden" handelt. Erstmals wurde solch ein Exemplar (Polarbär-Grizzley-Kreuzung) 2006 gesichtet. Auch dies zeigt, wie schlecht es um die Könige der Arktis bestellt ist. Mit der zunehmenden Eisschmelze schwimmt den Eisbären ihr angestammter Lebensraum förmlich unter den Pranken weg. Um den Sommer zu überleben, müssen sie notgedrungen auf das Festland ausweichen. Dort treffen die Polarbären immer öfters auf ihre braunen Artgenossen, die Grizzlybären, die ihrerseits weiter nach Norden vordringen. Da sie anscheinend keine Kontaktschwierigkeiten haben, tut sich für die Inuit-Jäger neuerdings ein lukrativer Geschäftszweig auf. Spitzenpreise bis zu 10.000 Euro pro "Hybridbären-Fell" sind keine Seltenheit. Die Polarforscher der kanadischen Alberta-Universität sind hingegen besorgt. "Dramatisch und schnell" werde es demnächst mit der Eisbärenpopulation bergab gehen. Mit den steigenden Temperaturen gefriere das Eis im Herbst später und im Frühjahr taue es eher auf. Somit bleibe den Tieren weniger Zeit zur Robben-Jagd. Sie magern ab, werden kraftlos und schaffen es oft nicht mehr vom schmelzenden Treibeis zum rettenden Festland – sie verhungern oder ertrinken elendig. Jenen Bären, die das Festland erreichen, geht es kaum besser, denn dort ist das Nahrungsangebot knapp. Ein weiteres Problem sei den Forschern zufolge, dass die Männchen abseits des Eises den weiblichen Duftspuren nicht mehr folgen könnten – schlechte Karten also für reinrassigen Eisbären-Nachwuchs.
Die Politik versagt beim Klimaschutz
Der Motor des Treibhauseffekts ist bekanntlich eine chemische Verbindung aus Kohlenstoff und Sauerstoff, das Kohlendioxid. Viele Klimaforscher gehen davon aus, dass es für über 60 Prozent der Erderwärmung verantwortlich ist. Jedes Jahr werden rund 29 Milliarden Tonnen des klimawirksamen Treibausgases ausgestoßen – Tendenz steigend. Schwellen- und Entwicklungsländer spielen dabei eine immer größere Rolle. Während im 20. Jahrhundert noch die USA und Europa für über die Hälfte der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich waren, hat sich die aufsteigende Wirtschaftsmacht China mittlerweile an die zweite Stelle geschoben. Dass wirtschaftliche Interessen insbesondere in finanziell schwierigen Zeiten einen höheren Stellenwert einnehmen als Umwelt- und Klimaschutz, zeigte sich zuletzt im Dezember 2009 auf dem Kopenhagener Weltklimagipfel. Für die Staats- und Regierungschefs waren die Warnungen der Klimaforscher anscheinend nicht dramatisch genug, denn sie konnten oder wollten sich nicht auf eine verbindliche Begrenzung des CO2-Ausstoßes verständigen – es blieb einmal mehr bei wagen Absichtserklärungen.
