
- UNO Spezialtrupp übt Einsatz gegen Drogenmafia. - UN Photo/Marco Dormino
“Das organisierte Verbrechen macht sich weltweit breit und hat sich zu einer der führenden wirtschaftlichen und bewaffneten Mächte entwickelt“, sagte Antonio Maria Costa, der Chef des Wiener UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) anlässlich der Veröffentlichung eines Anti-Mafia-Berichts. Die Studie wurde unter dem Titel „Globalisierung des Verbrechens: Gefahreneinschätzung der Internationalen Organisierten Kriminalität“ am 17.Juni im New Yorker Rat für Internationale Beziehungen vorgestellt. Sie beleuchtet die wichtigsten Schmuggelkanäle für Drogen, Waffen, gefälschte Markenprodukte, gestohlene Naturschätze, und von Menschen zur Prostitution, Zwangsarbeit oder illegaler Migration. Auch wurde die Piraterie auf hoher See und im Internet analysiert.
Regionen unter Stress
Da internationale Mafiosi heute Waffen und Gewalt, aber auch Geld und Korruption zum Kauf von Wahlen, Politikern, Macht und sogar des Militärs einsetzen, äußerten sich UNO-Mitgliedsländer, der Weltsicherheitsrat und die G8-Staaten zunehmen besorgt über die vom organisierten Verbrechen ausgehende Gefahr. „Der kriminelle Markt spannt sich mittlerweile über den gesamten Planeten“, sagt Costa. Die illegalen Güter stammen von einem Kontinent, werden durch einen anderen gelotst und auf einem dritten vermarktet, ganz gleich ob in den stärksten Industrienationen oder den am wenigsten entwickelten Ländern. Mit den besonders gefährdeten Gebieten, die kaum in der Lage sind, sich aus eigener Kraft gegen die Mafia zu wehren, beschäftigt sich der Bericht im Kapitel „Regionen unter Stress“.
Die Analyse zeigt, dass es allein in Europa geschätzte 140.000 Opfer des kriminellen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung gibt, die den Urhebern einen jährlichen Bruttoumsatz von drei Milliarden Dollar einbringen. Die derzeit am häufigsten genutzten Routen zum Schmuggel illegaler Einwanderer führen von Afrika nach Europa und von Lateinamerika in die USA. In die Vereinigten Staaten werden jährlich bis zu drei Millionen Einwanderer eingeschleust, was den Schleusern ein Einkommen von 6,6 Milliarden Dollar beschert.
Almosen für die Bauern, Milliarden für die Drogenbosse
Während Länder wie Afghanistan oder Kolumbien mit den größten Anbaugebieten für Opium beziehungsweise Coca am stärksten unter Beobachtung und in der Kritik stehen, wird der höchste Profit in den reichen Endverbraucher-Staaten gemacht. So verbleiben etwa vom globalen Handel für afghanisches Heroin im Umfang von 55 Milliarden Dollar lediglich fünf Prozent für die einheimischen Farmer, Händler und Rebellen. Am 72 Milliarden Dollar schweren Kokain-Markt in Nordamerika und Europa holen sich die Zwischenhändler in den Konsumenten-Ländern mit 70% den Löwenanteil.
In Europa wird mit 20 Milliarden US-Dollar der höchste regionale Heroinumsatz gemacht, wobei Russland mit 70 Tonnen pro Jahr zum größten nationalen Heroinkonsumenten der Welt avancierte. Laut Costa töten die Drogen jedes Jahr 30-40.000 junge Russen, das sind doppelt soviel wie Rotarmisten während der Afghanistan-Invasion in den 1980er Jahren.
Waffenschmuggel ebenso gefährlich wie Epidemien
Auf 170 bis 320 Millionen Dollar pro Jahr wird der illegale Waffenhandel geschätzt, der zehn bis 20 Prozent des legalen Marktvolumens ausmacht. Auch wenn Waffenschmuggel nur episodisch - etwa im Zusammenhang mit nationalen Konflikten - floriert, ist das Ausmaß so groß, dass dadurch mehr Menschen als durch manche Pandemien getötet werden können.
Eine relativ neue Profitquelle erschlossen sich Gangstersyndikate mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, dem Schmuggel exotischer Tiere und dem Handel mit gefälschten Markenartikeln. Das UNODC schätzt den Wert illegaler Einfuhren von Holzprodukten aus Asien in die EU und nach China im Jahr 2009 auf über 2,5 Milliarden Dollar. Die Menge billiger Fälschungen von Markenerzeugnissen, die an den europäischen Grenzen sichergestellt wurden, hat sich in der letzten Dekade auf einen Umfang von zehn Milliarden Dollar verzehnfacht. Allein die Hälfte aller in Afrika und Südost-Asien getesteten Medikamente sind nicht echt und von minderer Qualität, was das Krankheitsrisiko eher steigen als sinken lässt.
Cybercrime führt zu persönlichen Verlusten und gefährdet Sicherheit
Im Internet haben mehr als 1,5 Millionen Menschen weltweit den Diebstahl ihrer persönlichen Identifikation oder ihrer Passwörter erlitten. Der Gesamtschaden beläuft sich auf eine Milliarde Dollar. Computerkriminalität gefährdet aber auch die nationale Sicherheit vieler Staaten, da Hacker in Stromnetze, Flugleitsysteme und atomare Anlagen eindringen.
“Gangster werden durch Profit motiviert, also sollten wir ihnen den Geldhahn abdrehen“, meint Antonio Maria Costa und fordert eine robustere Durchsetzung der UNO-Konvention gegen Korruption, effektivere Methoden gegen die Geldwäsche und die Aufhebung des Bankgeheimnisses.
