
- Glücksfall Alter oder gefährliche Alte ohne Angst - Verlag Herder
Schon der Titel fordert zum Widerspruch auf. Glücksfall Alter? Wieso soll das ein Glück sein, wenn es allmählich überall ziept, Falten unübersehbar werden, die Haare ausfallen und es ein echtes Problem ist, einen neuen Job zu bekommen. Der Untertitel wirkt spannend, fast wie ein Krimi. Alte Menschen sind also gefährlich. Das klingt doch gut. Wer gefährlich ist, der wird zumindest wahrgenommen, bewegt die Menschen. Keine Angst vor der Zukunft? Das kann doch wohl nur gelingen, wenn man Meister der Verdrängung ist, oder?
Das neue Altern als Premiere
Solchermaßen neugierig geworden, schlägt man das Buch auf und überfliegt das Inhaltsverzeichnis. Fünfzehn Kapitel warten auf den geneigten Leser. Das erste heißt dann auch gleich Premierenangst. Man denkt vielleicht an Theater und Primaballerina, an den neuen Führerschein und das berühmte erste Mal. Auch hier ist eine Verbindung zum Thema Alter nicht so leicht zu finden. Man beginnt zu lesen. Alle altern. Immer. Oh ja, das stimmt. Alle wollen möglichst alt werden und schrecken dann doch vor einer Gesellschaft zurück, in der das so ist. Verflixtt, das stimmt auch. Und dann kommt ein wunderbarer Satz: "Gewiss, Träume sterben an der Schwelle zu ihrer Erfüllung, aber dieser Traum hat eben erst begonnen und muss sich keineswegs als Albtraum entpuppen." Alter als Chance also in einer Zeit des Massenalterns bei bereits jetzt weit über 10.000 über Hundertjährigen in Deutschland. Und, so schreiben die beiden Autoren, "Alte sitzen nicht mehr auf der Ofenbank und warten geduldig und schweigend auf den Tod."
Der Professor und die Journalistin beschreiben das Alter als unmerklichen, lebenslangen Prozess, der ständiger Wandlung unterworfen ist. Sie machen klar, dass alt zu werden und zu sein nicht zwangsläufig unglücklich macht. Fehlt also dem neuen Altern nur noch der Sinn, weil es eben ein neu gewonnener Lebensabschnitt ist? Das neue Alter - eine Premiere.
Alzheimer als Segen, Viagra und der Papst, Oma trägt Prada, Sterbehilfe
Die weiteren Kapitel lassen schon an ihren Überschriften erkennen, dass dieses Buch eine ebenso spannende wie unterhaltsame, an Einsichten reichen Lektüre bieten kann. Ein paar Beispiele:
- Alzheimers Segen?
- Viagra oder was man vom Papst lernen kann
- Oma trägt Prada oder auch gar nichts
- Hungerrentner und Sinnhunger
- Wohngemeinschaftsträume
- Dem Tod zuvorkommen. Sterbehilfe
- Gewonnene Zeit. Für Paare. Für alle.
Von der Kommune zur Alters-WG, der Tod als Freund Hain und alter Wein für Hundertjährige
Eine bunte Themenvielfalt. Wer als Student in einer Kommune lebte (Mein Gott, wie schrecklich!) schmiedet jetzt Pläne, mit guten Freunden in einer Alters-WG zusammen zu leben. (Das klingt doch wunderbar!) Wer "Freund Hain" nicht als Feind betrachtet, das Altern nicht als Qual sondern als eine Zeit sinnvollen Tätigseins, der lebt besser. Wer glaubt,als Hundertjähriger besser alten Wein verkaufen zu können denn als junger Spund, der ohnehin am liebsten Bier trinkt - warum nicht? Sterbehilfe als Loslassen der Selbstbestimmung und als Aussicht, sich gelassen den Händen anderer Menschen anzuvertrauen? Auch dieser Gedanke sollte zulässig sein.
Glücksfall Alter - neue Ideen über das Leben im Alter und bis zum guten Ende
Glücksfall Alter - ein Buch, das sich an einem Wochenende weglesen lässt. Wer die Zeit dazu nicht hat, blättert ein bisschen durch die Seiten und liest immerhin die kurzen Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels. Schon diese wenigen Zeilen bringen auf neue Ideen und verführen dazu, das Kapitel darüber eben doch zu lesen.
Dr. rer. Pol. habil. Peter Gross ist Autor und Publizist. Er hatte Professuren für Soziologie in Bamberg und an der Universität St. Gallen inne. Zahlreiche Veröffentlichungen. Er ist verheiratet und zweifacher Vater und Großvater.
Karin Fagetti arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitungen und schreibt heute als freie Journalistin aus St. Gallen regelmäßig über Generationsfragen, Jugend, das Älterwerden und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
Peter Gross, Karin Fagetti, Glücksfall Alter – Alte Menschen sind gefährich, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben, Verlag Herder 2008, Paperback, 192 Seiten, 14,95 Euro
Weitere lesenswerte Bücher über das Altern und über die Weisheit:
- Der Altersangst-Komplex
- Wenn Paare älter werden
- Verweile doch, du hast ja Zeit
- 70 Glücksfenster-Geschichten
