
- Goethe kommt im Alter von 26 Jahren als Gast nach Weimar - frei
Am frühen Morgen des 7. November 1775 erreicht Goethe Weimar. Er war der Einladung des jungen Regenten – seines späteren Chefs und Freundes – Carl August zu Sachsen-Weimar gefolgt. Es wurde ein langer Aufenthalt!
"Musenhof" in zweiter Generation
Goethe taucht ein in eine völlig neue Welt. Er, der Frankfurter Großbürgersohn, sieht sich konfrontiert mit einem höfisch geprägten Leben in der 6.000 Einwohner zählenden Residenzstadt Weimar. Sein Gastgeber, der junge Herrscher Carl August, spricht von sich im Pluralis Majestatis, der „Wir“-Form und er regiert „von Gottes Gnaden“. Der erst achtzehnjährige Herzog des von bitterer Armut der Bevölkerung geprägten sächsischen Duodez-Fürstentums zeigt wenig Interesse an ernsthafter Regierungsarbeit. Geprägt durch Anna Amalia, seine dem Schöngeistigen aufgeschlossene Mutter, sowie den Prinzen-Erzieher Christoph Martin Wieland, umgibt er sich lieber mit jungen Dichtern, Schöngeistern und Genies.
Goethes Einstand: Ausgelassene Feste und Verantwortung
Am 5. Januar 1776 schreibt Goethe seinem Darmstädter Freund Merck, er habe nun „ein paar Herzogtümer vor sich, ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht stünde. . . Ich werd auch wohl dableiben . . .wärs auch nur ein paar Jahre, ist doch immer besser als das untätige Leben zu Hause, wo ich mit der größten Lust nichts thun kann.“
Goethe, der mit seinem Roman „Die Leiden des jungen Werther“ übernacht bekannt geworden war, gelingt es, Einfluß auf den bekennenden „Werther-Fan“ zu nehmen. Für Entsetzen im höfischen Beamtentum sorgen die Feste der jungen Leute, mit denen sich Carl August umgibt: sie trinken, schießen, knallen auf dem Weimarer Markt mit ihren Peitschen, gehen zur Jagd.und baden nackt in der Ilm.
Aber auch Ernsthaftigkeit und Aufbruchstimmung prägen den Neubeginn in Weimar. Goethe übernimmt Pflichten eines Hofbeamten. Am 11. Juni 1776, etwa sieben Monate nach seiner Ankunft, wird er zum Geheimen Legationsrat ernannt. Damit erhält er Sitz und Stimme im Geheimen Conseil, dem Weimarer Regierungsgremium. Die neue Tätigkeit ist mit einem Jahresgehalt von 1.200 Talern ausgestattet. Goethe bezieht damit das zweithöchste Gehalt im Staate.
Großer Widerstand der Weimarer Höflinge
Im Vorfeld der Ernennung kam es zu großem Widerstand der Höflinge gegen die Wahl des Bürgerlichen. Der Intervention der Herzogin-Mutter wie auch der Standhaftigkeit des jungen Monarchen war es zu verdanken, daß Goethe die Aufgabe als Mitglied des Consiliums antreten konnte.
Es kommt zu jener denkwürdigen Stellungnahme Carl August´s gegenüber dem ersten Staatsminister Jakob Friedrich v. Fritsch: „Sie fordern … Ihre Dienstentlassung, weil, sagen Sie, Sie nicht länger in einem Collegio, wovon der Dr. Goethe ein Mitglied ist, sitzen können. Dieser Grund sollte eigentlich nicht hinlänglich sein, Ihnen diesen Entschluß fassen zu machen. Wäre der Dr. Goethe ein Mann eines zweideutigen Charakters, würde ein jeder Ihren Entschluß billigen. Goethe aber ist rechtschaffen, von einem außerordentlich guten und fühlbaren Herzen. Nicht alleine ich, sondern einsichtsvolle Männer wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf und Genie ist bekannt. Sie werden selbst einsehen, daß ein Mann wie dieser nicht würde die langweilige und mechanische Arbeit, in einem Landescollegio von unten auf zu dienen, aushalten. Einem Mann von Genie nicht an den Ort gebrauchen, wo er seine außerordentlichen Talente nicht gebrauchen kann, heißt, denselben mißbrauchen … Was das Urteil der Welt betrifft, welche mißbilligen würde, daß ich den Dr. Goethe in mein wichtigstes Collegium setzte, ohne daß er zuvor weder Amtmann, Professor, Kammer- oder Regierungsrat war, dieses verändert gar nichts. Die Welt urteilt nach Vorurteilen, ich aber und jeder, der seine Pflicht tun will, arbeitet nicht, um Ruhm zu erlangen, sondern um sich vor Gott und seinen eignen Gewissen rechtfertigen zu können, und suchet auch ohne den Beifall der Welt zu handeln.“
Ein kluges Machtwort war gesprochen und Goethe übernimmt die Aufsicht über die Feuerwehr, wird Leiter der Wegebau- und Kriegskommission und zeichnet verantwortlich für das Ilmenauer Bergwerk.
Als Dichter auf Jahre für die Welt verloren
Der Literat und Prinzen-Erzieher Christoph Martin Wieland lotet die neu entstandene Situation 1776 auf seine Weise aus: „Unser Goethe ist nun Geheimer Legationsrat und sitzt im Ministerio unseres Herzogs, ist Favorit-Minister, Faktotum und trägt die Sünden der Welt. Er wird viel Gutes schaffen, viel Böses verhindern, und das muß, wenns möglich ist, uns dafür trösten, daß er als Dichter wenigstens auf viele Jahre für die Welt verloren ist. Denn Goethe tut nichts halb. . .“
Wieland sollte Recht behalten. Es bedurfte des Abstands einer langen Italienreise, der daran anschließenden Lebenspartnerschaft mit Christiane Vulpius und der intensiven Schaffensperiode mit Friedrich Schiller, um Goethe´s dichterische Fähigkeiten wieder vollumfänglich zur Geltung zu bringen und sein literarisches Werk zu vollenden.
Quelle:
- Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche. Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2001.
