Die verschiedenen Vorstellungen vom Volkslied im 18. Jahrhundert lassen sich durch die unterschiedlichen Interpretationen des Begriffs „Volk“ erklären: Es konnte sowohl als Synonym für die untere Schicht, als auch für „Nation“ gebraucht werden. Auch die Bedeutung „Volk“ im Sinne von „Kollektiv“ ist möglich.

Wird unter „Volk“ die Grundschicht verstanden, dann sind Volkslieder demgemäß Lieder für Bauern, Hirten, Bergleute und anderen einfachen Leuten. Ist darunter die ganze Nation gemeint, müssten alle Lieder des deutschen Volkes Volkslieder sein, was natürlich widerlegt werden muss. Die Bedeutung von „Volk“ im Sinne von „Kollektiv“ kann ebenfalls wieder verworfen werden, da Kollektivität nicht im Volk allein herrscht, sondern zum Beispiel auch in höfischer Standesdichtung und in der Kirchenmusik.

Goethes Einfluss auf Herders Volkslied-Definition

Aufgrund der verschiedenen Definitionsmöglichkeiten des Volksliedes hat Johann Gottfried Herder seinen Volkslied-Begriff mehrmals revidiert. So meinte er 1766 damit Lieder der wilden Völker, während er 1773 damit die Lieder der Landbevölkerung bezeichnete. Zunächst war der Ausgangspunkt seiner Betrachtung des Volksliedes der von Johann Wolfgang von Goethes sogar fast entgegengesetzt. Denn Herder war vor der Begegnung mit Goethe der Ansicht gewesen, die Volkslieder seien von den unteren Schichten gedichtet worden. Demnach gäbe es keinen bestimmten Dichter, dem die Lieder zuzuschreiben seien. Demgegenüber weist Goethe mit Entschiedenheit darauf hin, dass jedes schöpferische Individuum, wie es auf allen Kulturstufen und in jeder Volksschicht geboren wird, Volkslieder gedichtet haben kann. Goethe sah also in der Herkunft aus einer bestimmten Volksschicht kein entscheidendes Kennzeichen der Volkslieder. Wichtig sei nur, dass das Volk die Volkslieder aufgenommen, gelernt und gegebenenfalls umgedichtet habe.

Von Goethes Meinung beeinflusst definierte Herder schließlich „Volkslied“ als jedes Lied bekannten und unbekannten Verfassers, das singbar war, besonders ein solches, das von noch ungebildeten Menschen auch wirklich gesungen wurde.

Definition heute: Volksliedern sind Volksliedstrophen und andere Merkmale eigen

Bei den Definitionen, die heute in bekannten Nachschlagewerken wie dem „Brockhaus“ zu lesen sind, gilt für das Volkslied, dass im Überlieferungsprozess manche nach Inhalt und Melodie verwandte Lieder verschmolzen, andere in Einzelheiten umgedichtet und sogar bis zur Unkenntlichkeit geändert worden seien. Die Stoffe seinen häufig in die Form der vierzeiligen, kreuzweise gereimten so genannten Volksliedstrophe gefügt. Außerdem werde das Volkslied mündlich überliefert, es sei schlicht und in breiten Volksmassen lebendig. Auch gebe es unter den Volksliedern eine Fülle von Liedgattungen, die sich nach dem Inhalt (Liebes- und Trinklieder), nach ihrer Funktion (Tanz- und Wanderlieder) sowie ständischer Zugehörigkeit (Hirten- und Soldatenlieder) unterscheiden lassen. Eine Differenzierung nach der Altersgruppe der Sänger (Kinder- und Schullieder) sei ebenfalls möglich.

Bekannte deutsche Volkslieder sind:

  • Weißt du, wie viel Sternlein stehen?
  • Es waren zwei Königskinder
  • Guten Abend, gute Nacht
  • Stille Nacht, heilige Nacht