Für Marianne Buggenhagen aus Berlin war es die neunte Goldmedaille bei den Paralympics: Sie warf den Diskus 27,80 Meter weit. Im Kugelstoßen hatte sie am Tag zuvor bereits eine Bronzemedaille gewonnen. Die fröhlich und selbstbewusst auftretende Frau ist sportliche Erfolge gewohnt. Seit Mitte der 1970er Jahre sitzt sie im Rollstuhl. Das hielt sie nie davon ab, Höchstleistungen anzustreben. Ganz im Gegenteil.
Die Sportlerin Marianne Buggenhagen
Zur Sportlerin wurde Marianne Buggenhagen eher unfreiwillig – zu einer Zeit, als von Behinderung noch keine Rede war. Weil sie großgewachsen ist, wurde sie 1969 zu den Volleyballerinnen des SC Dynamo Berlin "delegiert", wie es in ihrer Autobiografie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Leben eingestellt" heißt.
Zur gleichen Zeit machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ein Bandscheibenschaden führte zur aufsteigenden Querschnittslähmung als sie 19 Jahre alt war. Dennoch arbeitete sie später im Gesundheitswesen, als Sozialtherapeutin in einer Rehaklinik. Dort lernte sie als Patienten Jörg kennen, einen Rollifahrer, der ihr Ehemann wurde.
Autobiografie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Leben eingestellt"
In ihrer 1996 erschienenen Biografie macht sie radikale Aussagen. Zitat: "Wenn ich an die Jahre vor dem Rollstuhl denke, weiß ich: Ich möchte nie wieder laufen müssen." Mit dem Rollstuhl, den sie als etwas sperriges Körperteil bezeichnet, begann ihr zweites, ihr bewusstes Leben. Sie nennt sich eine "kleine Kaputte", die sich nicht erhoben fühlt, um für andere Behinderte zu sprechen. Stattdessen erzählt sie freimütig aus ihrem Leben und macht damit anderen Menschen Mut.
Sportlerin des Jahres vor Steffi Graf
Gleich zwei Schulen für Körperbehinderte wurden nach der Frau benannt, die mit Preisen und Ehrungen überhäuft wurde. Sie errang mehrere Weltmeister- und Europameistertitel, dazu über 120 nationale Titel. 1994 wurde sie von der ARD als Sportlerin des Jahres geehrt, vor Franziska von Almsick und Steffi Graf.
Ernsthafte Krisen mit Alkoholexzessen und Suizidversuchen nach dem ersten Schock über das Leben im Rollstuhl mündeten in ein hartes Training. Der Sport brachte sie zurück ins Leben.
Der Sport als Chance
Es gefiel der Sportlerin, "einstweilen" eine Person öffentlichen Interesses zu sein. Diese zeitliche Einschränkung bezog sich auf den Sommer 1996, in dem die erste Auflage ihrer Biografie erschien. Zwölf Jahre sind seither vergangen, und noch immer steht die Ausnahmesportlerin im Rampenlicht. Sie wollte niemals Vorbild oder Vorzeigeobjekt sein. Was ihr hingegen gefiel, war die Chance, durch ihren Sport mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen und – noch besser – "Dinge auf den Weg zu bringen, die sonst gern überhört oder -sehen werden".
Behindert sein, behindert werden
Marianne Buggenhagen hat sich nie damit abgefunden, dass Behinderte Menschen zweiter Klasse sein sollen. Ganz bewusst wollte sie Beklemmung, Angst, Verdrängung, Gleichgültigkeit, Intoleranz, Ignoranz und Resignation etwas entgegensetzen. Ihre Waffen: Offenheit, Mut, Teilnahme, Verständnis und Auflehnung. In ihrem Buch zitiert sie Bertolt Brecht: "Mitleid ist das, was man denen nicht versagt, denen man Hilfe versagt."
Das Schreiben ihrer Biografie hat ihr Kraft gegeben, die noch heute spürbar ist. Ihre Botschaft: "Egal, wie man beschaffen ist, es gibt keine Ausrede vor sich selbst. Dein Charakter ist dein Schicksal ... Als ich ganz unten war, hätte ich nie für möglich gehalten, was die Zukunft noch für mich bereithält. Keiner weiß das."
Goldmedaille in Peking bei Paralympics
Was für behinderte Menschen gilt, gilt für Nichtbehinderte ebenso. Wer immer sich unten fühlt, hat jeden Tag aufs Neue die Chance, aus dem Mauseloch wieder heraus zu kommen. Buggenhagen fühlte sich trotz ihrer Einschränkung gebraucht – als Sportlerin und mit dem, was sie in ihrem Buch zum Ausdruck brachte. Sie habe "enorm viel gelernt". Aus einer grauen Maus sei eine hellgraue geworden. Welche Farbe sie nach ihrer neunten Goldmedaille und am Ende ihrer aktiven Laufbahn angenommen hat, kann man sich nur ausmalen. Vielleicht ist sie inzwischen eine strahlend weiße Maus geworden – mit ein paar goldenen Haaren.
