Golf, der Sport der Gentlemen?

Eine Frage der Ehre: Gentleman oder Schlägertyp - FxReid
Eine Frage der Ehre: Gentleman oder Schlägertyp - FxReid
Gab es wirklich Zeiten, in denen jeder Golfer ein Ehrenmann war? Und tatsächlich jeder Spieler sein eigener Schiedsrichter? Oder ist das lediglich Legende?

Golf ist so wie so ziemlich alles einem gewissen Wandel unterworfen. Die Zeiten, in denen nur Adlige oder anderweitig privilegierte Mitbewerber an schnurrbärtigen Challenge Matches auf altehrwürdigen Clublinks teilnahmen, sind wohl vorbei. Heute haben die Schläger fehlerverzeihend, Golfübertragungen lückenlos und Golfidole schillernd wie Popstars zu sein. Die Zukunft des Golfsports – sowohl bei Profis wie auch Amateuren – liegt in der Massentauglichkeit, so viel scheint sicher. Doch wie ist es dabei um den ehrenwerten Spirit of the Game bestellt?

Eine unzureichende golferische Definition des Gentleman-Begriffs

Golf gilt traditionell als Sport der Gentlemen. Doch trifft dieser Begriff wirklich auf professionelle Golfer zu, wenn man folgende Definition der Encyclopedia Britannica heranzieht: »a man whose conduct conforms to a high standard of propriety or correct behavior«. Sicher, auf den Touren wird weder getreten, gespuckt noch am Trikot gezupft wie von anderen Spitzensportlern bekannt. Ist also Tiger Woods – ziemlich genau bis zum Dezember 2009 der Inbegriff für golferische Integrität und Vorbildlichkeit – nun ein Gentleman? Oder John Daly, der Fred Feuerstein der PGA Tour, der den geblendeten Zuschauern schon mal den aktuellen Zustand seines bloßen Bierbauches vorführte? Ausnahmen bestätigen die Regel, zweifellos. Und doch rief US-Captain Paul Azinger seine Landsleute beim Ryder Cup 2008 in Valhalla zum Jubel bei Fehl-Putts der Europäer auf. Gentleman-like? Ist es vielleicht doch eher die alte Garde der Champions Tour um Gary Player, die die hehre Vorstellung der Edelmänner am Schlagstock verkörpert? Jener südafrikanische ›Black Knight‹ übrigens, der nicht müde wird – auch nicht darauf hinzuweisen, dass die PGA unangefochtene Spitzensummen in Milliardenhöhe für wohltätige Zwecke spendete? Also moderne Robin Hoods gar, die den Konzernen das Preisgeld aus unseren Equipment-Käufen abnehmen und höheren Zwecken zuführen. Und somit vielleicht Gentlemen? Sicher erfüllt doch aber Martin Kaymer, lang ersehnter Spitzenexport ins Official World Golf Ranking aus Mettmann, alle Voraussetzungen eines anständigen und wohlerzogenen Gentlemans. Doch ob so viel vornehme Zurückhaltung auf Dauer konkurrenzfähig ist?

Gentlemen arbeiten nicht. Auch nicht an ihrem Schwung?

Es gibt da aber noch einen weiteren Aspekt des Gentleman-Begriffs, der ebenfalls in der Encyclopedia Britannica zu finden ist: »a man of independent means who does not engage in any occupation or profession for gain«. Schließt also das aktive Bestreiten des Lebensunterhalts mittels Arbeit ein Dasein als Gentleman aus? Muss man nicht in Zeiten, in denen der Erfolg des professionellen Golfers an der Position in der Geldrangliste gemessen wird, doch etwas großzügiger mit der Auslegung solch betagter Begriffsbestimmungen um­gehen. Schließlich gilt Tiger Woods als erster Sportmilliardär und verkörperte bei den US Open 2008 zusammen mit seinem Bein erfolgreich die Devise »No pain – no gain«. Als Gentleman gilt er wohl aber nicht mehr. Muss man sich nicht vielmehr fragen, wie es zu erklären ist, dass mitt­lerweile Zuschauermeldungen per SMS und Twitter akzeptiert werden, um Regelverstöße auf der PGA Tour anzuzeigen, obwohl doch der Schiedsrichter in jedem Golfergewissen fest installiert sein sollte – erst recht vor laufenden Kameras! Golf scheint ein knallharter Kampf um jeden Geldranglistenpunkt geworden zu sein und eben nicht mehr ein Spiel unter Gentlemen, die sonst nichts Aufregendes zu tun haben. Früher war alles edler. Doch vielleicht lässt man sich da lediglich von einem seit Jahrzehnten ausgeschmückten und von aufrechten Golflehrern vermittelten Zerrbild täuschen, in dem all der mitunter offen rassistische Klärschlammm der sportlichen Realität erodiert ist und nun nur noch die aufpolierten Elemente der Golfhistorie den Betrachter erfreuen.

Titanic Thompson und die gute alte Zeit – des Schummelns, Wettens und Betrügens

In den Geschichten über die Frühzeit des organisierten Golfspiels mag es so wirken, dass es sich damals um einen achtbaren Wettstreit unter Gentlemen gehandelt haben mag. Doch es liegt in der Natur des Menschen, dass der Wettstreit immer schon auch ›Spieler‹ lockte. Gibt man den Begriff »cheating in golf« in eine Suchmaschine ein, erhält man rund 22 Millionen Treffer, darunter haarsträubende Anekdoten des Golden Age of Golf, Kurz­meldungen aus dem Profisport sowie scheinbar gereifte Anleitungen zum Schummeln zwischen Abschlag und dem Einsatz des Leather Wedges. Doch all das ist nichts gegen die berüchtigtste Persönlichkeit der Golfgeschichte: Titanic Thompson. Der Südstaatler erwarb sich nicht nur den Ruf des talentiertesten Trickbetrügers des 20. Jahrhunderts, wie in Kevin Cooks Buch eindrücklich beschrieben – er zockte unter anderem Al Capone und Howard Hughes ab und akquirierte Millionen –, sondern brachte sich darüber hinaus selbst das Golfspiel bei und erreichte dabei eine beachtliche Fertigkeit. Seine Geheimwaffe als geborener Linkshänder war seine Beidhändigkeit am Golfstock, die ihm nicht nur bei schwierigen Balllagen nützte, sondern sich auch bestens als Köder großspuriger und vor allem wohlhabender Countryclub-Spieler einsetzen ließ. Sogar Zeitgenosse Ben Hogan konstatierte, dass Thompson kaum zu schlagen war. Der berüchtigte Trickser soll einst auf die Frage geantwortet haben, warum er denn nicht als professioneller Golfer arbeiten wolle: »I could not afford the cut in pay.« Wenn der Mann als Fairway-Zocker so erfolgreich war, muss es genügend hochgradig einsatzbereite ›Gentlemen‹ gegeben haben, die da bereitwillig mitspielten.

Der landläufige Gentleman unter heutigen Freizeitgolfern

Und überhaupt, wie verhält es sich unter heutigen Freizeitgolfern, die sich doch ebenso im Rahmen ihrer Platzreife den Regeln und Etiketten des ehrwürdigen Spiels verschrieben haben sollten? Schließlich hat auch die traditionelle Abwesenheit eines Schiedsrichters auf dem Golfplatz den Ruf des Sports der Gentlemen mitbegründet. Wird sich heute, bei aller Leistungsorientierung und Handicap-Fixierung, ein angehender Clubmeister selbst vorgabewirksam maßregeln, wenn er beim Suchen des Balls über Regel 18-3 stolpert? Und wird der vielbeschworene, wenn auch an den Rändern etwas ausgefranste Geist des Spiels verschreckt, wenn ein regelkundiger Mitbewerber den Sportsmann auf seine Übertretung aufmerksam macht? Oder sollte hier gelten: Ein Gentleman genießt und schweigt – denn die Disqualifikation in Folge der mit unrichtigem Ergebnis unterschriebenen Scorekarte kommt bestimmt? Weisen Sie Ihren Flightpartner doch ruhig darauf hin, wenn er den einen oder anderen (Straf-)Schlag zu notieren vergisst: Wer schon nicht wie Titanic Thompson Golf spielt, braucht auch nicht wie er betrügen. Oder?

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

rss