
- Goodbye Bismarck - Plötnner Verlag
Wir befinden uns im St. Pauli der gerade eingeläuteten 1990er Jahre. Der berühmte Kiez mit seinen zwielichtigen Figuren, aber auch die vielen Seitenstraßen mit teilweise bis heute fortwährenden Kneipen und Cafés werden zur lebhaften Landkarte. Ruch und Charme ergänzen sich prächtig.
An politischen Ereignissen und Wenden mangelt es in dieser Zeit nicht. Die Hausbesetzer führen ihre in Hamburg heftigsten Schlachten, in Berlin fällt die Mauer, Helmut Kohl verspricht blühende Landschaften… Die Verhältnisse sind im Umbruch. Die Einheit ist zum greifen nah. Das spüren auch die zwei Freunde Ulrich Held und Jens Dikupp, die schon vor Jahren der kreativen Guerilla ihr Herz gewidmet haben. Damals mischten sie sich auf dem Parteitag der CSU in Passau unter die geladenen Parteimitglieder und erregten mit ihren subversiven Schildern („Franz-Josef, vergiß uns nicht“, „So ist es“) Ärgernis im Publikum. Mit Verzögerung ging den CSUlern dann doch auf, dass die roten Lettern nichts anderes als provozieren wollten. Bevor die Situation grenzenlos eskalierte und die umher fliegenden Biergläser die beiden womöglich getroffen hätten, zogen sich Ulrich Held und Jens Dikupp aus der Affäre, nicht ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
(Subversive) Kritik an der Deutschen Einheit
Jahre später, die politischen Aktivitäten der beiden haben sich im Laufe geschmälert, wollen sie es noch ein Mal wissen. Die kolossale Bismarck Statue im Elbpark, mit über dreißig Metern Höhe die größte weltweit, soll zum Tatort werden, wenn die Nation sich selbst bejubelt, vor Freude taumelt und sich mal wieder ohne Krampf in schwarz-rot-gold hüllt. Bismarck, der in Stein gehauene Reichskanzler, welcher seinen kalten Blick gen Landungsbrücken richtet, wird eine neue Maske bekommen. Helmut Kohls Konterfei als Karikatur auf ein Laken gepinselt, so wünschen es sich die Helden, soll als reckenhafter Roland auf den Hamburger Hafen herabsehen. Dass bei diesem Vorhaben die Polizei ihr Möglichstes tun wird, um den beiden in die Quere zu kommen ist absehbar. Dass allerdings der zuständige Beamte des Hamburger Denkmalschutzamts ausgerechnet mit den anonymen Aktivisten heimlich sympathisiert, bringt der Geschichte weiteren Schwung.
Realität und Fiktion im bunten Strauß
S. U. Bart spielt in ihrem fiktiven Roman mit tatsächlichem Geschehen und frei erfundenen Dichtungen. Wie in einem Kriminalroman, bei dem wir Leser den Tätern über die Schulter und in die Köpfe schauen, werden immer wieder Spannungsbögen aufgebaut. Jeder einzelne Schritt bis zur Tat, gut durchdacht und abgeklopft, wird teils filigran aufgearbeitet. Letztlich bleibt zu sagen: Die Bismarck Statue im Hamburger Elbpark wurde am 3. Oktober 1990 tatsächlich mit einer Kohl-Maske verhüllt, anders als im Roman, wurde sie damals noch am selben Tag entfernt.
S.U.Bart: Goodbye Bismarck, Roman ca. 200 Seiten, gebunden, 17,90 €, Plöttner Verlag, ISBN 978-3-938442-62-3
