Gotscheff inszeniert Heiner Müller im Deutschen Theater Berlin

Heiner Müller auf dem Alexanderplatz - Hubert Link/Wikimedia
Heiner Müller auf dem Alexanderplatz - Hubert Link/Wikimedia
Der Regisseur Dimiter Gotscheff verarbeitet Textpassagen aus Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten und fügt noch Mommsens Block hinzu.

Aus Heiner Müllers Verarbeitung des Medeastoffes ist kein Theaterstück geworden, sondern eine Inszenierung deklamierter Literatur. Schwer ist die intellektuelle Fracht, die die argonautischen Schauspieler am hundertstündigen Premierenabend zu tragen haben. Was die Zuschauer hören, ist eine überladene Bildersprache, die vollste Konzentration erfordert. Aber die wird immer wieder abgelenkt von den darstellerischen Leistungen, die das geistige Unternehmen eben doch in die Theaterwelt emporheben sollen. Manche Leute haben Probleme mit Müllers Theaterarbeit, einer davon war Peter Zadek: „Seine Inszenierungen waren für mich keine Theaterinszenierungen, weil er für mich ein Schriftsteller war, ein Schriftsteller, der mich zwar nicht interessierte, den ich nicht verstand, der aber sicher begabt und bedeutend war“ (Zadek, Die Wanderjahre, S.270). Und so werden sich in Gotscheffs Inszenierung Zuschauer finden, die vielleicht nur die Hälfte verstehen, aber immerhin den Eindruck haben, dass hier große Dinge verhandelt werden.

Balancieren mit der Stange

Das kahle Bühnenbild erinnert an eine Fabrikhalle, die wegen stillgelegter Produktion im Stich gelassen wurde. Die Andeutung eines ehemaligen Maschinenraums, in den fallenartige Schächte eingelassen sind. Wer herunterfällt, landet vermutlich in einem labyrinthischen Rohrsystem – oder in der Unterwelt. Den Anfang macht Wolfram Koch, der mit nacktem Oberkörper und umgehängten Krawatten eine lange Stange hält, mit der er zuvor aus der Versenkung hochgekrochen ist. Er fuchtelt mit dem Werkzeug herum wie jemand, der verzweifelt die Balance zu halten sucht in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Feinde gibt es, wie man hört, fiktive Feinde, denen man in der Bewegung zuvorkommen muss, am besten durch einen Präventivschlag. Also spricht der wie von einer Barriere zurückgehaltene Krawattenmann, und er nutzt die Gelegenheit, sich im Stil eines Cro-Magnon-Menschen zu bewegen, der beim Jagen und Sammeln vor allem seine Geisteskräfte sammeln muss.

Eifersucht mit viel Wehmut

Was nun folgt, ist ein lange Eifersuchtstirade Medeas, dargestellt von Almut Zilcher, die tief in ihre gestische Repertoire-Kiste greift, um das Leiden der tief gekränkten mythischen Frauengestalt in allen Facetten auszubreiten. Medea, gestrickt aus ihrer und Jasons Lust, möchte nach dem betrügerischen Fremdgehen endgültig gehen, zu tief ist die Schmach der immer noch glühend Liebenden, die vom zerronnenen Glück zerfressen ist. Unauffällig-modern gekleidet wie eine Assistentin der Geschäftsführung, bei der nur die grellgelben Pumps stören, redet Almut Zilcher sich in einen gewandten Furor, wenn sie ausruft: „Dein Atem ein Gestank aus fremdem Bett“. Mit Hilfe ihrer gestischen Akzentuierungen werden die Worte lebendig, es entsteht ein prall gefüllter Imaginationsraum, durchzogen vom Schmerz des Unwiederbringlichen. Abschied mit einem Überschuss an Wehmut. Die Akteurin bewegt sich auch an die Bühnenrampe und gestikuliert ins Publikum, spricht in von Tageaktualitäten vollgestopfte Ohren, die die mythischen Schreie dennoch vernehmen. Große Gesten sind das, übergroße zuweilen, die daraus ein darstellerisches Bravourstück machen. Aber am Ende ist es doch nur Literatur.

Düsteres aus der Betonlandschaft

Die Landschaft mit Argonauten ist wieder Wolfram Koch vorbehalten, der von den „Eingeborenen des Betons“, der „Parade der Zombies“ spricht und selbst einem verirrten Flaneur gleicht, ausgesetzt in einer Plattenbauwüste. Bei diesen Textpassagen fragt man sich mitunter, in was für einem Gemütszustand sich Heiner Müller zum Zeitpunkt der Niederschrift (1982) befunden haben mag. Anscheinend war es ihm nicht immer wohl ums Herz, wenn er aus dem Fenster auf die Fassade einer kolossalen Lichtenberger „Fickzelle“ starrte und dann den Blick nach unten senkte, wo ein gespensterhafte Jugend in einer Trümmerlandschaft spielte, nichts ahnend vom nahenden Krieg. Es ist kein Mensch von hypertropher Virilität, den der brustbetonte Koch da hinlegt, eher ein überwältigter, gebrochener Zivilisationsdefätist, der sich ins Unabwendbare schickt. Harte Worte sind’s, in deren Bitternis aber auch der Duft süßlicher Melancholie mitschwingt.

Am Ende war das Schweigen

Mommsens Block steht wie ein erratischer Block in der Landschaft, selbst wenn er an das Triptychon wie eine Ergänzung angehängt wurde. Nun geht es um Schreibunlust, um Müllers Autorenschweigen nach dem Mauerfall, für das der Historiker Mommsen als Erklärungsmodell herhalten musste. Seiner staubigen Gelehrsamkeit überdrüssig, brachte Mommsen seinen vierten Band über das römische Kaiserreich nicht mehr zustande. Waren es Müdigkeit, Überforderung oder purer Zeitmangel? Wir wissen es nicht, aber, so fragt Margit Bendokat, warum etwas „aufschreiben, nur weil die Menge es lesen will“? Die Beschäftigung mit Mommsens Verweigerung im Greisenalter wird für den Autor Müller zu einer poetisch aufpolierten Selbstechtfertigung. Margit Bendokat, die schon in manchen Rollen Großes gezeigt hat, ist dieser Part leider nicht auf den Leib geschrieben. Die Deklamation will nicht zu den Worten passen: die Stimme ist künstlich, die Worte wirken wie von einer unsichtbaren Schnur in die Höhe gezogen, die zum Glück nicht eine Helle erreicht, wo es zu quietschen beginnt. Immerhin versöhnt der Text mit einigem, und insgesamt liefern Dimiter Gotscheff und das Separationstrio dem Publikum einen Abend mit lyrischer Prosa, der teilweise von gestischem Virtuosentum gestützt wird. In Abwandlung von Heiner Müller lässt sich sagen: ein Abend für Dichter, für die das Drama mitunter eine Last ist.

Verkommenes Ufer / Medeamaterial / Landschaft mit Argonauten / Mommsens Block

von Heiner Müller

Regie: Dimiter Gotscheff, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Licht: Matthias Vogel, Mitarbeit Regie und Dramaturgie: Fabiane Kemman, Dramaturgie: Claus Caesar.

Mit: Almut Zilcher, Wolfram Koch, Margit Bendokat.

Deutsches Theater Berlin

Bildnachweis: Hubert Link/Wikimedia

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

rss