Gottes Kraftwerk – moderner Sakralbau

Kirchen sind non-konform und unterscheiden sich von anderen Gebäuden

Hohenzollern-Kirche, Berlin - Jan Thomas Otte
Hohenzollern-Kirche, Berlin - Jan Thomas Otte
Sie sollen offen sein für alle Menschen guten Glaubens. Neben Kirchturm, Glocken und Kanzelpult kommt es auf ihren Inhalt an. Über Mode und Tradition von Kirchen...

Einerseits soll Kirche auf das Göttliche weisen, andererseits ist sie heute mehr als nur Ort für Gottesdienst und stilles Gebet. Selbst Theologie studierend, hat Jan Thomas Otte Pfarrer und Architekten nach der Zukunft des Kirchbaus gefragt.

Berliner nennen ihre Hohenzollern-Kirche „Kraftwerk Gottes“

Der wuchtige Sakralbau ist ein herausragendes Beispiel expressionistischer Architektur. Kirche soll neue Kraft für den Glauben geben. Andererseits erinnert der Bau äußerlich eher an ein Industriegebäude. Der kräftige Kirchturm aus Stahlbeton ist über 60 Meter hoch, läuft nach oben wie eine schlanke Nadel zusammen, um seine Größe perspektivisch zu betonen. Allein sein Kreuz oben drauf misst bereits sechs Meter. Für die Stadt hat das symbolische Wirkungskraft, meint Gemeindepfarrer Harald Grün-Rath. Menschen im Krieg hätten gesagt: „Solange dieser Turm steht, kommen wir schon irgendwie durch“. Das Gebäude erscheint so eindrücklich, dass man daran bestimmte Erwartungen festmachen könnte. Auch Hoffnungen.

Christliche Kirche immer auch „Hingucker und Hinhörer“

Als Hingucker hat der Berliner Architekt Gerhard Schlotter die Hohenzollern-Kirche dezent umgestaltet, ihr neue farbenfrohe und lichtintensive Fenster verpasst. Als Baumeister hat er schon viele Kirchen umgestaltet. Für Schlotter ist ein Sakralbau etwas ganz Besonders. So ähnlich wie der Reformator Martin Luther einmal dichtete: „Eine feste Burg ist unser Gott“. Kirche hätten eben eine ganz besondere Tradition, müssten „nicht jeden modischen Schnick-Schnack mitmachen“. Rund 45.000 evangelische und katholische Kirchen stehen in Deutschland. St. Engelbert ist eine katholische Kirche in Köln. Sie wurde ebenfalls in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gebaut. Ihr Sternkuppel-Bau verwirrte die Entscheider in der Gemeinde. Im Volksmund bezeichnen die Kölner diese Kirche nun gerne als „Zitronenpresse“.

Kirchtürme neuen Alters bilden Trend zur Transparenz

Dabei geht es nicht nur um Demographie oder die Tatsache, dass vielen Gemeinden Mitglieder weglaufen. Der Architekt schließt vom Äußeren aufs Innere. „Es wird immer wichtiger, was die Gemeinde eigentlich will“, sagt Schlotter. Kirche von heute will kein verstaubter Hinterhof sein. Trotz des mächtigen Kirchbaus wollen Kirchen wie die am Hohenzollernplatz offen sein für die Menschen der Stadt. Kirchen spiegeln die Zeitgeschichte, in der sie entstehen. Die monumentale Holz-Glas-Konstruktion der katholischen Herz-Jesu-Kirche in München wurde zum Beispiel nach einem aufwendigen Wettbewerb mit über 180 Einsendungen eingeweiht. Manchmal dienen die neuen Kirchen auch einem bestimmten Zweck. So erinnert die Versöhnungskirche in Berlin, ebenfalls ein Trendsetter, seit zehn Jahren an die frühere Sprengung einer Kirche am Mauerstreifen.

Walfische, Mosaike und Holzhütten als "Fingerzeig Gottes"

Ebenfalls 2000 fand die Weltausstellung in Hannover statt. Mit zwei neuen Häusern Gottes. Dem Christus-Pavillon mit seinen verschiedenen Mosaikfenstern und Sandboden. Ebenso dem „Pavillon der Hoffnung“ mit einer lebensgroßen Walfisch-Flosse auf dem Dach. Restaurierte Kirchen werden heute auch anderweitig genutzt. Als Disco oder Restaurant, Solarium oder Bibliothek. Teilweise auch als Moschee. Doch sakrale Architektur soll sich unterscheiden von weltlichen Gebäuden. Sie sollen Menschen auf das Göttliche hinweisen. Die Vorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann, bezeichnet Kirchtürme als „Fingerzeig Gottes“. Auch für weniger religiöse Menschen gehören Kirchturm und Glockenklang irgendwie zum Leben dazu. Freikirchen favorisieren eher das funktionale Gemeindezentrum.

Jan Thomas Otte, Studio Attimo, Heidelberg

Jan Thomas Otte - Nichts ist so schwer wie über sich selbst zu schreiben. Mit Reportagen über Gott und die Welt hinterfragt er Glaubenssätze ...

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