
- Manuel Cortez als Luca Benzoni: Anna und die Liebe - Manuel Cortez / fotografiert von Simon Cornils
Thomas Gottschalk schrieb am 23. Januar 2012 Fernsehgeschichte, in dem er mit "Gottschalk live" ein neues Format im Vorabendprogramm der ARD / Das Erste startete. Als Moderator Deutschlands beliebtester Samstagabendshow in das schwer umkämpfte und als schwierig bekannte Segment des Vorabendprogramms umzusteigen war ein Schritt, der bisher kein Vorbild kannte. Wie schwer das Überleben auf den Programmplätzen zwischen 18:00 Uhr und 20:00 Uhr tatsächlich ist, musste der ehemals in der Hauptstadt ansässige Sender SAT.1 mehrfach schmerzlich zur Kenntnis nehmen: An dem Tag, an dem Thomas Gottschalk startete, gab der Geschäftsführer von SAT.1, Joachim Kosack, das Ende der letzten Daily Soap des Senders bekannt: "Wir verabschieden uns von unserer Telenovela 'Anna und die Liebe', die leider trotz des großartigen Einsatzes von Redaktion und Produktion und zahlreichen Optimierungsmaßnahmen nicht mehr den nötigen Zuschauerzuspruch erhält. Mein Dank gilt dem gesamten Team und natürlich den wunderbaren Schauspielern." Schöne Worte, doch auch der Realität angemessen? Wieso scheiterte "Anna und die Liebe"? War der Einsatz der Produktion wirklich so großartig? Oder war die Abschiedsansprache des Senderchefs ähnlich hohles Gequatsche wie die vollmundigen Ankündigungen von Thomas Gottschalk, der eine halbe Stunde Happy Hour mit Wohlfühl-Feeling versprach, wulff-frei und ohne Kochen sowie frei von Promis, die Bücher verkaufen wollen?
"Gottschalk live": Premiere vom 23. Januar, Zusammenfassung und Kritik
Michael Bully Herbig hatte in der Tat kein neues Buch zu bewerben, aber "Zettl", den neuesten Film von Harald Dietl, der an dessen Erfolgs- und Kultserie "Kir Royal" aus 1986 anknüpft. Doch bevor Herbig in Gottschalks Wohnzimmer vorstellig wurde, erklärte der Showmaster langatmig und mit vielen Worten was er machen will, was er nicht machen will, protzte mit seinen Kontakten in die Welt des Showbiz, seiner Entdeckung von Heidi Klum 1992 bei RTL ("Ich bin schon etwas rumgekommen."), ging auf deren tagesaktuell bekanntgewordene Trennung von Ehemann Seal ein und vergaß auch nicht, umständlich und schwer verständlich auf die Vernetzung von Social Media in seiner Show einzugehen: Zuschauer konnten über Facebook Fragen stellen.
Fragen sollen hätte Gottschalk seine Redaktion nach bestimmten Daten, um seinem Gast Bully gegenüber besser vorbereitet zu erscheinen. Das Premierenjahr von "Der Schuh des Manitu" hatte der Showmaster nicht parat: 2001 statt 1983, wie Gottschalk vermutete. Wie auch schon bei "Wetten, dass...?" unterbrach Gottschalk den Gast, ließ Bully nicht ausreden, schob sich selbst in den Vordergrund, jammerte darüber, wie schwer die letzte Woche vor dem Start von "Gottschalk live" für ihn gewesen sei, lobte Herbig für dessen Arbeit in der Titelrolle des Films "Zettl" und leistete damit bessere Promotion, als bei den amerikanischen Schauspieler-Gästen bei "Wetten, dass...?". Die drei Werbeunterbrechungen haben den Gesprächsverlauf auch nicht gefördert.
Wieso muss sich Gottschalk neu erfinden?
Schon im Vorfeld von "Gottschalk live" hatte der Showmaster vor zu hohen Erwartungen gewarnt. Er werde die Zuschauer nicht alle glücklich machen, "zumindest nicht zu Beginn". Dennoch sei "die neue Aufgabe und das neue Format die letzte Chance, sich noch einmal neu erfinden". Frage nur: Wieso müssen die Gebührenzahler den Ego-Trip eines Mannes finanzieren, der sich nach seinem nicht nachvollziehbaren Ausstieg bei "Wetten, dass...?" meint, sich neu erfinden zu müssen? Nach eigenem Bekunden könne er die Samstagabendshow nach dem schweren Unfall von Samuel Koch in der Ausgabe vom 04. Dezember 2010 nicht mehr locker und leicht präsentieren; schon bei der Sommerausgabe von Mallorca 2011 strafte Gottschalk seine eigenen Worte lügen.
Unlocker war er bei "Gottschalk live" auch nicht, aber eben auch keine neue Erfindung; ein an für sich beliebiger Promitalk, der im Grunde gar nichts Sehenswertes zu bieten hatte; selbst von Social Media blieb nur eine einziger Zuschauerfrage nach Bullys peinlichstem Gag übrig. Wo bitte, so ein Betrachter, sei das Potenzial für vier Sendungen "Gottschalk live" pro Woche; jeweils ab 19:20 Uhr, also zur Zeit, in der viele Menschen noch im Berufsverkehr stecken? Darauf fiel auch Suite101.de keine Antwort ein. Dass Gottschalk am Ende der ersten Ausgabe die Zuschauer auf Knien anbettelte, ihn am Dienstag wieder einzuschalten und dabei auf ein Eisbärbaby als Gast verwies, darf daher wohl kaum als Gag gesehen werden, sondern als Hilferuf.
"Anna und die Liebe": Abschiebung zu Sixx
Die Prognose: Lange halten werde Gottschalk sich nicht; er wäre besser bei "Wetten, dass...?" geblieben. Fast vier Jahre dagegen, nämlich seit dem 25. August 2008, konnte sich die Serie "Anna und die Liebe" halten, in der bis auf eine Saison Jeanette Biedermann in der Titelrolle zu sehen war. Obwohl erst vor kurzem in das vierte Jahr gestartet, gab Joachim Kosack das Aus für die Soap bekannt; nur noch bis zum 27. Januar auf SAT.1 zu sehen und ab dem 30. Januar ins Programm von Sixx genommen, wo die restlichen Folgen der Soap zu sehen sein sollen: Rund 30 schon fertig und um die noch zu produzierenden ergänzt, die das schnelle Ende der Story um Luca und Nina zum Inhalt haben. Wessen Schuld war der schnelle Niedergang? Staffel eins und zwei liefen nach schwerem Start nämlich teilweise weit über Senderschnitt und kamen auf bis zu 14 Prozent Marktanteil.
Die dritte Staffel hatte mit einem unglücklichen Plot rund um Anna und Jonas keinen leichten Stand: Die Autoren hatten sich von "Ghost - Nachricht von Sam" inspirieren lassen und den bei einem Anschlag verstorbenen Ehemann von Anna (gespielt von Roy-Peter Link) als Geist ins Leben zurückgeholt. Hanebüchen konstruierte Geschichten zu Beginn von Staffel vier machten den Zuschauern das Leben schwer: Unglaubwürdige Junganwälte, eine Designerin die zur Verbrecherin wurde und mit allem durchkam und das Zusammenkommen der beiden Hauptfiguren schon zu Beginn: Dennoch großartig von Maria Wedig und Manuel Cortez verkörpert. Eine Eheschließung zwischen Paloma und Enrique: Ebenfalls eine unglaubhafte und Fragezeichen aufwerfende Story für ausgezeichnete Schauspieler.
"Anna und die Liebe", wie alles begann: Roy-Peter Link am 28. August 2008
Hausaufgaben ordentlich erledigt? Fehlanzeige bei den Autoren von "Anna und die Liebe". Ein Autor aus der Kölner Soap-Szene: "Die Zuschauer wollen, dass irgendwann mal jemand ordentlich was auf den Schädel bekommt, so wie es bei Carla von 'AudL' nötig gewesen wäre. Dieser Kai Kosmar ist eine Kunstfigur, mit der sich niemand identifizieren kann. Aber die Autoren kommen sich hipp vor, arbeiten beim Fernsehen, die Redakteure halten sich für Götter und das Ergebnis kann da dann eben auch schon mal floppen." Großartige Arbeit, Herr Kosack? Wo? Bei "Eine wie Keine", "Klinik am Alex", "Plötzlich Papa", "Schmetterlinge im Bauch", "Hand auf's Herz" oder wie die Flops von SAT.1 alle heißen? SAT.1 bringt statt "Anna und die Liebe" eben wieder alte Ermittler-Konserven.
