Graffiti prägen das Bild vieler Städte. Sie sind allgegenwärtig, sie verschönern und verschandeln Gebäude, Verkehrsmittel und öffentliche Plätze. Es ist wie mit der Werbung: Niemand kann sich ihnen entziehen. Sie sind ubiquitär. Graffiti sind ein gesellschaftliches und volkswirtschaftliches Problem zugleich. Der Schaden, den vermeintliche Künstler auf der Suche nach dem ultimativen Nervenkitzel verursachen, geht in die Millionen – Jahr für Jahr. Immobilienbesitzer, Städte und Kommunen stehen der Problematik meist hilflos gegenüber. Was muss getan werden, um die Graffiti-Flut wirksam einzudämmen? Experten sind sich einig: Nur die schnelle Entfernung verschandelter Flächen kann Graffiti stoppen.

Tatwerkzeug Spraydose

Eine beliebige Nacht in einer beliebigen Stadt: Es ist dunkel, auf den Straßen herrscht wenig Verkehr. Kein Mensch ist auf der Straße. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, stehen sie plötzlich an der Häuserwand: Jugendliche, die meisten von ihnen männlich. Sie tragen Gesichtsmasken und Handschuhe, um nicht erkannt zu werden. Sie ziehen Spraydosen aus ihren Rucksäcken, die an jedem Ort frei verkäuflich sind. Zuerst sprayen sie den Rahmen, dann füllen sie die Flächen. Binnen weniger Minuten haben sie eine komplette Häuserwand mit einem Graffiti-“Piece“ oder -„Bombing“, wie sie in der Szene genannt werden, beschmiert. Meistens wird das persönliche „Markenzeichen“ der Graffiti-Writer eingesetzt – ein Kürzel einer Gruppe oder eine Zahl, die eine chronologische Abfolge der bereits erstellten Graffiti belegen soll.

Je größer das Graffiti, je auffälliger die Fläche und je höher die Gefahr, erwischt zu werden, um so größer ist die Anerkennung in der Szene. Der „Fame“ ist dem „Thrill“ - der Ruhm ist dem Nervenkitzel gewichen. Der seit Jahren tobende Wettbewerb ist nicht mehr zu stoppen, so scheint es. Vielerorts haben illegale Graffiti-Sprayer schon ganze Stadtviertel verschandelt. Kurze Zeit später war in der Zeitung zu lesen: „Gerade gesäubert, schon wieder beschmiert“, „Graffiti in Berlin am schlimmsten“, „Jährlich Millionenschaden durch Graffiti“. Der Ruf, doch endlich wirksame Maßnamen gegen die Graffiti-Flut in Deutschen Städten zu unternehmen wird von Betroffenen wie von der Politik gleichermaßen laut. Doch wie soll man vorgehen?

Legale Sprayflächen

Immer mehr mehr Städte und Kommunen richten legale Flächen für Graffiti-Sprayer ein. Bestes Beispiel ist die East-Side-Gallery in Berlin, die mit einer Länge von 1.316 Meter die längste dauerhafte Open-Air- Galerie der Welt darstellt. In Aachen haben im vergangenen Jahr 25 Graffiti-Künstler eine 1.100 Meter lange Lärmschutzwand künstlerisch gestaltet. In Lüneburg haben Stadt und Hochschule 35 internationale Künstler eingeladen, um Baugerüste, einen Wasserturm oder das Parkhaus der Stadt zu bemalen.

In der Graffiti-Szene gilt ein ungeschriebenes Gesetz, wonach Graffiti nicht übermalt werden. Aktuelle Beispiele zeigen aber, dass sich vor allem Tagger nicht daran halten. In Bad Vilbel, wurde bereits eine Auftragsarbeit von unbekannten verunstaltet. In Düsseldorf wurde ein Kunstwerk mit Farbstiften und Sprühdosen übermalt. Auch aus Kamen wurde ein ähnlicher Vorfall berichtet.

Führen offizielle Graffiti-Flächen zu einer Eindämmung illegaler Graffiti? Dieser Frage ging ein Forscherteam der Uni Halle-Wittenberg nach. Annelie Dorn und ihre Kollegen verglichen die Zahl von Graffiti in Gebieten mit legalen Flächen mit der Zahl von Graffiti in Gebieten ohne legale Flächen. Das Ergebnis war ernüchternd: In Gebieten mit legalen Flächen zählten die Forscher mehr illegale Graffiti gezählt als in vergleichbaren Gebieten ohne legale Flächen. Ihr Fazit: Offizielle Flächen können illegale Graffiti nicht eindämmen.

Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommen auch andere Experten. In Münster wurde versucht, die Zahl illegaler Graffiti durch die Freigabe legaler Flächen zu reduzieren. Es zeigte sich jedoch kein direkter Effekt. Hier stellte man allerdings fest, dass legale Graffiti-Projekte einer intensiven Betreuung seitens Verantwortlicher erfordert, um beispielsweise die Gruppenbildung als typisches Merkmal der Szene zu unterbinden.

Ruhm und Nervenkitzel als zentrales Handlungsmotiv

Es wird vermutet, dass der "Fame", der Ruhm und der "Thrill", der Nervenkitzel eine entscheidende Rolle spielen. Will man illegale Graffiti vermeiden, müssen Politik und Gesellschaft tragbare Konzepte entwickeln, die dieses Phänomen einbeziehen. Legale Graffiti-Flächen sind hierfür kein geeignetes Gegenmittel.