
- Einsam und hungrig, Festhalten von Missständen - RIKE, Pixelio.de
Kunst ist heute längst nicht mehr in sich einzigartig und in strickte Richtungen gelenkt. Kunst ist global, kosmopolitisch und multifunktional. Letzteres ist besonders interessant, wenn man bedenkt, auf welche Weise sie allein in den letzten 10 Jahren benutzt und als Transportmittel verwendet wurde. Die Kunst von heute hat so viele Aufgaben erhalten, wie kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich. Mit Kunst drückt man nicht nur die Ästhetik und den Zeitgeist aus. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem auch die Ironie, Provokation, Polemik, Anklage, das Wachrütteln, Hilfeschreie, Dokumentationen, Anregungen, das Bereitstehen als Energiequellen, die Widererkennung, Imagepflege und etliche weitere Aufgaben und deren Antonyme[1]. Kunst ist heute das Mittel zum Zweck und der Zeck für gewünschte Mittel. Sie wird gedreht und gewendet, wie es ihr Initiator braucht. Das werden wohl auch die wesentlichen Gründe dafür sein, warum speziell Graffiti in den letzten Jahren eine so enorme Entwicklung erlebt hat. Die Stadt Lörrach rief dieses Jahr sogar ein Pilotprojekt dazu aus.
Politik, Ironie, Polemik und Provokation aus der Sprühdose – Graffiti von Banksy
Banksy[2] ist ein positives Beispiel für einen genialen Graffitikünstler, der mittlerweile für viele Künstler seiner Richtung ein Vorbild ist und viele Nachahmer gefunden hat. Er ist bekannt für authentische Personenabbildungen eingebettet in heruntergekommenen Örtlichkeiten. So findet man ein Beispiel seines Graffitis auf dem Rest eines Mauerwerks in einer Abrissgegend mit einer Frau darauf, welche die Streifen eines Zebras gerade auf einer Wäscheleine aufhängt. An anderer Stelle setzt ein „gesprühter“ Arzt, an ein dahin gekritzeltes Herz, an einer Wand sein Stethoskop an, um zu hören, ob das Herz noch schlägt. Auf einem Mauerwerk, von dem schon der Putz herunter fällt und das Unkraut die Wände hoch wächst. Und wieder an anderer Stelle betet ein Junge vor einem selbst gemalten Spruch an der Wand „Forgive us our Trespassing“. Die Wand selbst ungepflegt, bereits einmal übermalt, von unten durch einen Wasserschaden bereits feucht. Darunter Dreck und aufgeplatzter Bodenbelag. Dann wiederum küssen sich zwei britische „Graffiti“ Polizisten innig auf einer beliebigen Wand neben einer Laterne. Immer wieder greift Banksy provokative Themen auf und setzt sie in Szene, mal komisch, dann politisch, lächerlich, ernst, oder bitter. Und immer spielen abgewrackte und hässliche, dreckige und dem Verfall überlassene Gegenden eine große Rolle dabei. Mit dabei kaputtes Mauerwerk, Überreste von abgerissenen Häusern, Ruinen, Müllhalden, Gettos und Slums. Oftmals ist die Wahl des Standortes mit ein Thema der Darstellung. Große Kunst, bei der die zwei Seiten der Medaille auf einen Blick zu sehen sind. Herkömmliche Ästhetik weit gefehlt.
Lörrach vergibt Greencard an Graffitiakteure – neuer Umgang mit Graffiti
Der städtische Fachbereich Jugend/Schulen/Sport organisierte dieses Jahr im August eine besondere Graffiti-Aktion, die begabten Graffiti-Künstlern die Möglichkeit bot, ihr Talent unter Beweis zustellen und künstlerische Botschaften zu setzen[3]. Im Grütt bekamen sie dazu die freien Wände auf den dort verlaufenden Brückepfeilern. Zuvor mussten sie jedoch, um sprayen zu dürfen, eine Genehmigung, die Greencard, beantragen. Diese schloss mit ein, dass die Künstler über gewisse Richtlinien aufgeklärt wurden, wie beispielsweise auch über das Thema Müll. Erarbeitet wurden diese Richtlinien von Stadtmitgliedern wie den Mitgliedern der örtlichen Graffitiszene. Dass es in Lörrach überhaupt zu dieser künstlerischen Zustimmung kam, verdankt die Sprayergemeinde dem Lörracher Jugendparlament und zwei privaten Initiatoren, die Jahr zuvor einen Antrag auf Wändenutzung für Graffitikunst stellten. Da an den Brückenpfeilern schon zuvor öfters interessante Graffiti-Kunst zu sehen war, hat nun der Verlag Waldemar Lutz auch ein Buch mit vielen Farbfotografien dazu herausgebracht. Titel des Buches „Graffiti unter der Autobahn – Die Bridge-Gallery in Lörrach“. Des Weiteren denkt die Stadt Lörrach mittlerweile über eine feste Etablierung des Brückenpfeiler-Standtorts in die Lörracher Kultur- und Kunstszene nach. Hier wird Kunst geradezu aufgefordert neue Aufgaben zu übernehmen[4].
[1] Gegenteil von etwas
[2] Banksys offizieller Internetauftritt
[3] Jugendprojekt Graffiti unter der Autobahnbrücke“ zieht nach einem Jahr eine positive Bilanz, Pressemeldung Satdt Lörrach, 25.08.2011
[4] Graffiti unter der Autobahn – Die Bridge-Gallery in Lörrach, Waldemar Lutz Verlag, 2011, 112 Seiten, ISBN-10: 3922107915
