Grauen im idyllischen Norden: Last Exit Volksdorf von Tina Uebel

Tina Uebel: Last Exit Volksdorf - C.H. Beck Verlag
Tina Uebel: Last Exit Volksdorf - C.H. Beck Verlag
Tina Uebels Roman über die Gesellschaft im Hamburger Volksdorf ist ein realistisches Porträt, eine einstweilige Verfügung bestätigte dies auf grausame Art.

Es ist ein ungewöhnlicher Roman, den Tina Uebel zu Beginn des Jahres präsentiert hat, das ist schon auf den ersten Seiten zu spüren. „Last Exit Volksdorf“ beginnt zwar leichtfüßig und mit viel Witz, doch die Sprache ist von Beginn an sperrig, die Sätze sind lang und verworren. Die einzelnen Kapitel erscheinen wie ein endloser, innerer Monolog der jeweiligen Hauptfigur. Von diesen gibt es viele. Eine Gruppe Jugendlicher aus der 8. Klasse eines Gymnasiums, ein nur wenige Jahre älterer Punk, Eltern, Lehrer, eine Großmutter. Auf den ersten Seiten erscheinen sie alle zwar etwas schrullig aber sehr sympathisch. Doch schnell beginnt das Bild zu bröckeln. Ein Mädchen himmelt die Jungs ihrer Klasse wohl etwas zu sehr an, ihre Mutter ist vielleicht etwas zu sehr der Esoterik verfallen und einer ihrer Lehrer ist sicher etwas zu nett. Eine andere Figurenkonstellation ergibt sich um ein anderes Mädchen, das etwas zu musisch begabt ist und etwas zu dünn, ihre Mutter, etwas zu ehrgeizig, kümmert sich um die Oma, die wiederum etwas zu tüdelig ist. Dieses allgemeine „etwas zu“ erscheint zuerst vertraut, der ein oder andere Leser fühlt sich an die eigene Nachbarschaft erinnert. Doch bei näherem Hinsehen ist hier rein gar nichts mehr normal und schnell ist die Autorin beim „viel zu“ gelandet, der „last Exit“ ist verpasst, denn schon lange kann der Leser nicht mehr wegsehen, muss atemlos dabei sein, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.

Der Blick hinter die Vorortfassaden

Diese Wahrheit ist grausam. Es geht um Magersucht, Demenz, Tod, übermäßigen Alkoholkonsum, Vergewaltigung, Pädophilie, Homosexualität und Aids. Bereits eines dieser Themen böte ausreichend Stoff für einen Roman, sie alle zu verwenden scheint geradezu tödlich für eine Geschichte, die ihre Leser bis zum Ende behalten möchte. Doch Tina Uebel gelingt es aus all diesen Themen ein einziges zu machen, welches noch viel schwerer zu wiegen scheint als jedes Für sich: Ignoranz. Der verzweifelte Wunsch nach Normalität und Vorortidylle bringt die Figuren aus „Last Exit Volksdorf" dazu das Offensichtliche zu ignorieren und so zu tun als wäre alles nicht so schlimm. Auf diese Weise leiden die Betroffenen still vor sich hin ohne Hoffnung auf Verständnis oder Trost.

Am schwersten ist dieses Verhalten im Falle der Vergewaltigung eines jungen Mädchens zu ertragen. Sie ist gerade erst 14 Jahre als sie auf einer Party viel zu viel trinkt. Da sie es kaum bis nach Hause schafft, bleibt sie als Letzte mit drei Jungen aus ihrer Klasse. Die drei bringen sie in die Garage, wo sie sie nach und nach ausziehen und bizarre Bilder von ihr machen. Am nächsten Tag sind diese Bilder via Social Media bereits durch die Hände der gesamten Schule gegangen. Niemand erkennt die Not des Mädchens, niemand erkennt das Verbrechen. Von Mitschülern wird sie verspottet von Lehrern als loses Luder verurteilt. Ihre Peiniger hingegen bleiben ungestraft, da man deren Zukunft nicht gefährden will. Sogar die Mutter des Mädchens verharmlost den Vorfall, statt zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten.

Der Skandal wird auf die Autorin zurück projiziert

Das ist mehr als schwer erträglich und klingt sehr unrealistisch, doch die heftigen Reaktionen auf Uebels Buch haben gezeigt, dass sie sehr wohl einen empfindlichen Nerv getroffen hat. Manchmal sind die Geschichten, die am wenigsten real wirken die wahrsten. So hat Tina Uebel aufgrund von „Last Exit Volksdorf“ bereits nach wenigen Wochen einen Antrag auf Unterlassung bekommen, dem ihr Verlag umgehend stattgegeben hat. Jemand habe sich in seinen Persönlichkeitsrechten angegriffen gefühlt. Zunächst sah es so aus als müsse der verschachtelte Roman für immer vom Markt genommen werden, zu aufwändig schien eine Umarbeitung, da alle Geschichten eng verknüpft waren. Doch schließlich hat die Autorin eine überarbeitete Version heraus gebracht, die in ihrer Intensität der ersten Version jedoch in nichts nachsteht.

Dass die Volksdorfer gerne schweigen, zeigt Uebel in ihrem Roman. Dass dieses Verhalten nicht unbedingt untypisch für menschliche Gesellschaften ist, zeigt das Unbehagen, welches sie in ihrer Leserschaft hervor ruft. Doch der Fall eines Betroffenen, der sich in Uebels Roman wieder erkennt, wirft die Frage auf, ob das Schweigen vielleicht auch Opfern helfen kann. Warum es für Tina Uebel unerträglich war das Schweigen nicht zu brechen wird ein Rätsel bleiben, da sie nach der rechtlichen Auseinandersetzung zu diesem Thema nicht mehr Stellung nehmen kann und möchte. Es scheint jedoch sehr gut nachvollziehbar, dass jemand, der nur einige solcher Schicksale persönlich kennt den Drang hat das Unrecht anzuprangern. Es ist nicht sicher, ob die Autorin sich beim Schreiben bewusst war, dass ihr Text einen Skandal hervor rufen könnte und ob sie dies bewusst in Kauf genommen hat. Schade ist, dass ein Buch wie ihres, welches eigentlich verdrängte gesellschaftliche Missstände aufdecken sollte, nun selbst den Makel des Skandals tragen muss. Doch die Geschichte, die dieser Roman seit seiner Veröffentlichung durchgemacht hat, gibt ihm auch eine tiefere Dimension.

Das schwer zu fassende Recht an der eigenen Person

Die Auseinandersetzung zeigt, wie schwierig es eigentlich ist zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden, wenn es um Persönlichkeitsrechte geht. Wie wichtig ist es zu reden, wenn ein Opfer lieber schweigen will? Tina Uebel und die Person, die ihre Persönlichkeitsrechte verletzt fühlte, haben sich zusammen gesetzt und eine für beide Parteien annehmbare Lösung gefunden. Sie haben sich entschieden zu reden, nicht jedoch über ein Einzelschicksal, sondern über ein Phänomen, in der Hoffnung, dass es als Unrecht erkannt und in Zukunft verhindert wird. Doch, da das Buch nun einmal bereits geschrieben war und auch in der Erstfassung einige Wochen zugänglich war, können die Worte nie mehr gänzlich zurück genommen werden. Es wird also niemals mehr abschließend entschieden werden können, ob dieses Buch vielleicht gar nicht erst hätte erscheinen sollen. Doch es lohnt sich, dieses Buch zu lesen und es lohnt sich ebenso, sich über seine Veröffentlichungsgeschichte Gedanken zu machen, da beides zusammen zwingt über die Gesellschaft nachzudenken in der wir leben.

Uebel, Tina: Last Exit Volksdorf; C.H. Beck 2011; gebundene Ausgabe; 978-3-406-63477-3; 19,95 Euro

Mareike Höckendorff, Mareike Höckendorff

Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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