
- Cover Griechenland - Ein Länderporträt - Christoph-Links-Verlag
Cover und Titel von Eberhard Rondholz´ Länderporträt Griechenland darf man als ein klein wenig irreführend bezeichnen, was den Wert des Titels in keiner Weise schmälern soll. Aber wer einen äußerst fotogenen, alten Fischer auf dem Cover sieht und „Griechenland – Ein Länderporträt“ liest, der denkt doch eher an ein Buch über die touristischen Themen von der Antike bis zu ihren heute noch sichtbaren Überresten, über landschaftliche Schönheit und Strände, über Kulinarisches und Kunsthistorisches als an eine politisch-gesellschaftliche Analyse. Das aber ist Rondholz´ Buch und es erfüllt seine Ambition mit großem Verständnis, riesigem Detailwissen und unwandelbarer Liebe zu diesem widersprüchlichen Land. Zeitlich beschränkt er sich dabei, so weit das bei einem Land möglich ist, dessen alte Geschichte sich so weitgehend bis zum heutigen Tag auswirkt, auf die neugriechische Geschichte seit 1821.
Griechenland, die Wirtschaftskrise und das griechische System
Ausführlich beschreibt Rondholz das griechische System der Korruption, das sicherlich ein Gutteil der momentanen griechischen Wirtschaftskrise zu verantworten hat. Aber er beschreibt es mit einem Augenzwinkern, nicht mit augenzwinkerndem Einverständnis aber mit einem des Verständnisses. Das System ist korrupt, aber es funktioniert zu großen Teilen in einem Rahmen, der für den einfachen Bürger nicht ruinös ist und es funktioniert in einem Rahmen, der nicht zu mafiösen Strukturen geführt hat. Dazu sind die Griechen zu individualistisch. Sie lassen sich zwar kaufen, aber sie verkaufen nicht ihre Seele, so könnte man Rondholz´ Thesen zu dieser Thematik zusammenfassen.
Ausführlich geht der Autor auf den Siemens Bestechungsskandal ein und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass dieser Skandal einen kathartischen Effekt auf die griechische Gesellschaft haben werde.
Neugriechische Geschichte, Politik und politische Dynastien
Das Griechenlandbild der Deutschen beruht nach Rondolz´ Ansicht auf einer ganzen Reihe von Missverständnissen. Das tiefste ist sicherlich die Kontinuität, die der deutsche Betrachter, seit den deutschen Philhellenen zur Zeit der Romantik, der griechischen Geschichte seit der Antike andichtet. Dabei dauerte die Blütezeit des antiken Athen gerade einmal hundert Jahre und endete vor 2500 Jahren. Das schmälert nicht die Leistung der griechischen Philosophie und Staatslehre, aber weitergetragen wurde diese vom römischen und byzantinischen Reich. Bis zum Beginn der Befreiungskriege 1821 war Griechenland 500 Jahre unter osmanischer Herrschaft.
Die Entwicklung Neugriechenlands von den Befreiungskriegen über Monarchie, Militärdiktatur, bis zur heutigen, von Familienclans geprägten Demokratie, erzählt Rondholz nicht chronologisch, sondern themenbezogen, was die griechischen Eigenheiten besser herausarbeitet, dem unbedarften Leser aber bei den geschichtlichen Abläufen einige Kombinationsgabe abverlangt. Zum Glück gibt es hinten im Buch eine Zeittafel, die es erlaubt, einzeln beschriebene Ereignisse oder Personen in ihren geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen. Es ist zu empfehlen, diese Zeittafel von Anfang an in die Lektüre von „Griechenland“ mit einzubeziehen.
Antikes und modernes Griechenland
Über die „genetische Gräzität“ der griechischen Bevölkerung lässt sich ebenso trefflich streiten, wie über das Verhältnis des Neugriechischen zum Altgriechischen. Rondholz beleuchtet diese Themen ausführlich in seinen Exkursen über die griechischen Minderheiten, das Verhältnis zu Albanien und Mazedonien und natürlich zum verfeindeten Nachbarn und NATO-Partner Türkei. Auch sprachliche Entwicklungen und gegenseitige Einflüsse macht Rondholz in eigenen Kapiteln anhand vieler Beispiele deutlich.
Wichtig aber ist ihm die Darstellung des modernen Griechenlands, wobei er die Schwächen nicht auslässt, aber auch viele Stärken, viel Liebenswertes findet: Allem voran, die auch in 50 Jahren Tourismus nicht völlig zerstörte griechische Gastfreundschaft, Musik, Volkstanz, Literatur, Film, Kneipenkultur, Kulinarisches und vieles mehr beschreibt der Autor aus langjähriger, intimer Kenntnis. Wer hinter die Kulissen touristischer Gastlichkeit blicken will, der ist mit „Griechenland“ von Eberhard Rondholz genau richtig bedient.
Das ist insgesamt die Stärke dieses Buches: Der Blick hinter die Kulissen. Ob es um Olivenöl geht, oder um Wein, um das kleine alltägliche Bestechungsgeld oder das wirklich dicke in der Politik, um Musik, Tänze oder Worte und ihre oft türkischen Wurzeln, all das und vieles mehr erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Ronholz hat einen zweiten darauf geworfen und lässt seine Leser daran teilhaben.
Eberhard Rondholz: Griechenland – Ein Länderporträt. Christoph Links Verlag, 2011. TB, 200 Seiten, Euro 16,90
Erschienen in der Reihe Länderporträts des Christoph-Links-Verlags.
