Wer heute als Pauschaltourist in Griechenland Urlaub macht, bekommt sie gar nicht mehr zu sehen bzw. zu schmecken: Die Retsina, den mit Harz versetzten trockenen Weißwein.
An seinem Geschmack scheiden sich die Geister
Gewöhnungsbedürftig ist der herb-harzige Geschmack der Retsina allemal. Manche fühlen sich an Terpentin oder ähnlich leckere Substanzen erinnert, andere schwärmen von einem Wohlgenuss, der sich aber erst so etwa beim zweiten Glas einstellen und zudem keine Kopfschmerzen bereiten soll. Damit nicht genug, werden der Retsina seit dem Altertum sogar auch Heilkräfte zugeschrieben - sie soll z.B. hilfreich bei Schmerzen sowie Herz- und Magenleiden sein.
Im Griechenland der 1970er Jahre war die Retsina noch allgegenwärtig
Die Geschichte der Retsina (es heißt korrekt die Retsina statt der Retsina) reicht bis zurück in die Antike, als die alten Griechen ihre Amphoren oder Schläuche sorgsam mit Harz der häufig vorkommenden Aleppo-Kiefer verschlossen. Dies erhöhte die Haltbarkeit des Weins, färbte aber auch geschmacklich ab. Daran hatte sich in den vielen folgenden Jahrhunderten nichts geändert - Tradition ist Tradition!
In den frühen 1970er Jahren - noch war Griechenland vom Massentourismus verschont - bekamen die ersten Rucksack-Touristen ebenso wie die Einheimischen im Cafenion oder in jeder Taverna als Hauswein ihre Retsina vorgesetzt. Der herbe geharzte Wein wird landesüblich in einfachen Trink- statt Weingläsern serviert. So manch einer der Touristen verschmähte den ungewohnten harzigen Wein, aber für viele der damaligen Griechenland-Touristen wurde der Retsina-Geschmack bis heute zum Sinnbild für Urlaub, Griechenland, Meer und Sonne.
Mit dem Massentourismus in Hellas begann der Rückzug der Retsina
Wahrscheinlich gab es mehrere Gründe für die nachlassende Retsina-Nachfrage. Den wachsenden Touristenscharen aus dem Ausland wollte man mit Speis' und Trank entgegenkommen. Weniger Knoblauch, weniger Minze und weniger Öl als üblich, dafür mehr Fleisch als in der traditionellen, eher bäuerlich geprägten Küche Griechenlands. Und vor allem mehr ungeharzte Weine, die den geldbringenden Touristen doch wesentlich vertrauter waren und besser mundeten als die ungewohnte Retsina. Mit dem wachsenden Angebot an ungeharzten Weinen wuchs jedoch auch die Zahl der Griechen, die gerne mal den moderner wirkenden ungeharzten Wein trinken wollten. Zudem waren die Winzer immer mehr bestrebt, ihre Weine zu verbessern und international wettbewerbsfähig zu machen. Dabei blieb die Retsina zunehmend auf der Strecke.
Bemühungen um eine Renaissance der Retsina
Ganz verschwunden waren die geharzten Weine auch in den letzten Jahrzehnten keineswegs. Sie werden allerdings vornehmlich für den Export produziert, vor allem nach USA, Australien und Deutschland. Die dankbaren Abnehmer sind hauptsächlich ausgewanderte Griechen, die die Tradition fortleben lassen wollen - bei ein paar Gläschen Retsina und wehmütiger Erinnerung an die ferne und sonnige Heimat.
Aber auch in Griechenland selbst gibt es Bestrebungen, die lange Historie des geharzten Weines nicht einfach so aufzugeben. So versucht man, auch qualitativ bessere Weine mit dem harzigen Geschmack zu versehen. Da das Harz als Verschlussmittel jedoch schon lange ausgedient hat, wird es in Stückchen während des Gärvorgangs zugesetzt und danach wieder entnommen.
Die EU-Richtlinie gibt sich mal weniger streng
Bekanntlich gibt es bei der EU-Bürokratie in Brüssel Tendenzen, alles Mögliche wie z.B. auch Nahrungsmittel standardisieren zu wollen. Die inzwischen wieder abgeschaffte Gurkenverordnung, die die zulässige Krümmung von Gurken regelte, war ein bekannter Auswuchs dieser Bürokratie. Auch was Wein beinhalten darf und was nicht, wurde geregelt.
Fast wäre die Retsina zum "weinhaltigen Getränk" herabgestuft worden
Doch die Griechen hatten Glück - ihre Retsina darf sich weiterhin Wein nennen, trotz der Zugabe von Harz. Ansonsten wäre sie zum "weinhaltigen Getränk" degradiert worden - fürwahr ein trauriges Schicksal nach 2000 Jahren Dasein als Wein!
Dazu bleibt nur zu sagen: "Jámas!" ("Prost!")
