Großbritannien war noch nie ein überzeugtes Mitglied der Europäischen Union. Aber seit Beginn der Eurokrise finden Euroskeptiker immer mehr Zustimmung. Nigel Farages europafeindliche Partei UKIP, vor kurzem noch kaum bekannt, liegt in Meinungsumfragen nahe 10 Prozent. Würde ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft abgehalten werden, so würde derzeit die Mehrheit den Austritt unterstützen, wie Meinungsumfragen von YouGov zeigen. Dabei ist Großbritanniens Schicksal eng mit dem der Europäischen Union verbunden.

Großbritanniens Wirtschaft fällt zurück in die Rezession

Nach einem Nullwachstum 2011 fiel das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2012 um 0,3 Prozent. Die Immobilienkrise von 2008 hat viele Haushalte in die Überschuldung gestürzt und der strikte Sparkurs der Regierung verstärkt die Geldprobleme der Bevölkerung. Infolgedessen sinkt der private Konsum, einst wichtiger Treiber für das Wirtschaftswachstum. Die Exportwirtschaft, in die die Regierung ihre Hoffnung gesetzt hat, hat diese Schwäche bislang nicht ausgeglichen. Dafür macht George Osborne die Eurokrise verantwortlich. Im Sunday Telegraph schreibt der Schatzkanzler, dass die Unsicherheit, die die Eurokrise mit sich bringt, britische Unternehmen von Investitionen abhält. Die Opposition hält Osbornes Argumentation für eine faule Ausrede. Nach Meinung von Ed Balls, Schattenkanzler der Labour-Partei, ist der strikte Sparkurs der Regierung für die wirtschaftliche Misere verantworlich. Nur ein großzügiges Wachstumsprogramm könne die britische Wirtschaft wieder ankurbeln.

Europäische Union ist Großbritanniens wichtigster Handelspartner

Die Gratwanderung zwischen Sparkurs und Wachstumspolitik ist schwierig, in Großbritannien wie im Rest Europas. Fakt ist jedoch, dass die europäischen Mitgliedsstaaten wirtschaftlich miteinander verflochten sind. Über die Hälfte der britischen Exporte werden in die Europäische Union geliefert. Und das Wirtschaftsministerium schätzt, dass die EU-Exportwirtschaft 3,5 Millionen Menschen beschäftigt. Das sind 12 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Der freie Verkehr von Personen, Waren und Kapital bedeutet, dass britische Firmen ihre Waren nirgendwo sonst so leicht vertreiben können wie innerhalb der Europäischen Union. Denn mit der Schaffung des europäischen Binnenmarktes wurden Zölle abgeschafft, Grenzkontrollen reduziert, Normen und Vorschriften harmonisiert. Der Handel zwischen den Migliedsstaaten hat sich durch diese Erleichterungen verdoppelt. Die EU ist Großbritanniens wichtigster Handelspartner. Deshalb bleibt die britische Wirtschaft nicht unberührt von der Eurokrise.

Refinanzierungskosten aufgrund der Eurokrise angestiegen

Aber nicht nur die Produktion leidet unter der Eurokrise. London ist das wichtigste Finanzzentrum Europas. Jede größere europäische Bank unterhält eine Filiale oder Repräsentanz in London. Ein großer Teil europäischer Finanztransaktionen wird über britische Clearinghäuser abgewickelt. Laut TheCityUK, einer Interessenvertretung der Finanzindustrie, trägt der Finanzsektor etwa 9 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und liefert über 11 Prozent der Steuereinnahmen. Die Unsicherheit am Finanzmarkt, die durch die Eurokrise ausgelöst wurde, führt zu steigenden Refinanzierungskosten, die zumindest teilweise an Kunden in Form höherer Kreditzinsen weitergegeben werden. Steigende Zinsen wirken als Investitionsbremse und sind daher schlecht für die Wirtschaft.

Britische Banken sind drittgrößte Kreditgeber-Gruppe der PIIGS

Aber die Krise in Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien, in der britischen Presse auch PIIGS genannt, ist vor allem ein Problem der Kreditwirtschaft. Der britische Bankensektor ist die drittgrößte Kreditgebergruppe nach Frankreich und Deutschland. Britische Banken halten zwar nur ein Viertel des Volumens an PIIGS Staats- und Bankanleihen verglichen mit den deutschen Kollegen. Aber dafür haben die Briten fast 160 Milliarden Euro in den Privatsektor der Krisenländer investiert, mehr als deutsche und französische Banken zusammen. Insgesamt haben britische Banken Kredite von 8 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts an PIIGS Länder, Banken, Unternehmen und Privatpersonen vergeben. Massive Kreditverluste, die mit fortschreitender Krise immer wahrscheinlicher werden, werden auch an der britischen Finanzwirtschaft nicht spurlos vorrübergehen. Glücklicherweise sind die Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung britischer Banken besser als die vieler europäischer Kollegen, so dass die britischen Bankenindustrie noch selbstbewusst der Eurokrise entgegensieht.

Großbritanniens Rückzug aus dem Rettungsfonds

Um die Eurokrise einzudämmen, beteiligte sich Großbritannien am ersten europäischen Rettungsfonds EFSM, der zu Beginn der Griechenlandkrise von den 27 EU-Mitgliedsstaaten aufgelegt wurde. Aber nach dem irischen Bailout im November 2010 zog sich die britische Regierung finanziell zurück. Zwar sind die Briten weiterhin über den Internationalen Währungsfonds an der Rettung krisengeschüttelter Euroländer beteiligt, aber die Nachfolgefonds der EU sind eine reine Angelegenheit der Eurozone. Es verwundert daher kaum, dass Angela Merkel bei einem Treffen mit dem britischen Premierminister David Cameron in Berlin im Juni 2012 von seinen Vorschlägen für eine schnelle Beendigung der Eurokrise unbeeindruckt blieb. Für den britischen Staatshaushalt war der Rückzug aus dem Rettungsfonds zweifellos positiv. Aber mit der finanziellen Beteiligung gab Großbitannien auch sein Recht zur Mitgestaltung auf.