Familienserien: Schölermann, Hesselbach, Tetzlaff und Drombusch

Fernsehen damals - Steve Gibson
Fernsehen damals - Steve Gibson
Familienserien - darin finden wir uns alle wieder. Von den »Schölermanns« der 1950er über die »Drombuschs« der 1980er bis zur »Daily Soap« heute.

Familienserien waren – und sind – im Fernsehen ausgesprochen populär. Einerseits erlauben sie uns den Vergleich zwischen der gezeigten Familie und der jeweils eigenen, andererseits bringen sie nach Jahren das Flair der damaligen Zeit herüber.

Die 1950er: Familie Schölermann aus Hamburg

Die Tradition der Familienserien im Fernsehen begründet die Familie Schölermann (von 1954 bis 1960 ausgestrahlt). Eine kleinbürgerliche Familie – Vater Matthias, Mutter Trude und deren Kinder Heinz (bereits erwachsen), Evchen und Jockeli – lebt in Hamburg und versucht, finanziell über die Runden zu kommen. Vater Mattias ist Prokurist, verdient also gut, doch sein Unternehmen geht in Konkurs, worauf Mutter Trude eine Pension aufmacht. Ganz dem damals vorherrschenden Credo, eine Frau muss nicht arbeiten, wenn ihr Mann einen Job hat, muss sie die Pension aufgeben, als Matthias wieder Arbeit hat. Die Serie war so realitätsgetreu, dass viele Zuschauer Fiktion und Wirklichkeit nicht unterscheiden konnten. So wurde die Darstellerin der Trude Schölermann, Lotte Rausch, bei einem Spaziergang mit ihren echten Ehemann von Passanten angefeindet, sie würde ihren (Film-)Ehemann Matthias Schölermann zu betrügen.

Die 1960er: Familie Hesselbach aus Hessen und die Scholz’ aus Berlin

Nahezu zeitgleich zum Ende der Schölermanns startete die zweite Familienserie im Deutschen Fernsehen, zunächst unter dem Titel "Die Firma Hesselbach" (1960/61), dann als "Familie Hesselbach" (1961 bis 1963) und schließlich "Herr Hesselbach und ..." (1966/67). Die Hesselbachs, das sind Karl ("Kall", auch "Babba" genannt), ein Choleriker, wie er im Buche steht; Marie ("Mariesche", auch "Mamma" genannt), ständig eifersüchtig, ständig aufgeregt und ständig am plappern; und vier Kinder: Willi, Heidi, Peter und Anneliese. Die Handlung bewegt sich zwischen Familienproblemen und Schwierigkeiten im Unternehmen. Letzteres wird 1962 verkauft und "Babba" Hesselbach privatisiert, mit allen dazugehörigen Folgen. Die Serie war ein unglaublicher Erfolg und erreichte Einschaltquoten von bis zu 93 Prozent.

Eine ganz andere Familie waren die Scholz’ aus Berlin, besser bekannt als "Die Unverbesserlichen" (1965 bis 1971). Zentrum der Familie waren Kurt und Käthe Scholz; er arbeitet als Buchhalter (später ist er im Ruhestand), sie verdient etwas Geld mit Näharbeiten. Tochter Doris macht einen Schönheitssalon auf, Sohn Rudi arbeitet bei der Post und will Fußballprofi werden, und die Jüngste, Lore, geht noch zur Schule (und später als Austauschstudentin nach Paris). Und dann gibt es da noch die stets quengelnde Oma Köpcke, Käthes Mutter. Die Serie bricht mit den bisherigen Familienserien. Hier geht es nicht um kleine Streitereien in einer ansonsten heilen Welt, sondern wie eine Familie trotz Geldmangels und Zukunftsangst um ihren Zusammenhalt kämpft. Und wie sich die einzelnen Familienmitglieder im Weg stehen – bei anderen, aber auch bei sich selbst. Noch heute gilt diese Serie als diejenige, die die westdeutsche Realität Mitte/Ende der 1960er auf den Punkt bringt. Ungewöhnlich: Von der Serie wurde immer nur eine Folge pro Jahr gedreht, die dann aber Spielfilmlänge hatte und – treffender geht es kaum – am Muttertag ausgestrahlt wurde. Inge Meysel als Käthe Scholz erhielt von den Medien den Beinamen "Mutter der Nation".

Die 1970er: Familie Tetzlaff aus dem Ruhrgebiet

In den 1970ern schien die Luft aus dem Thema "Große deutsche Familienserie" heraus zu sein. Einzige Ausnahme: "Ein Herz und eine Seele" (1973 bis 1976). Die Tetzlaffs traten zunächst nur im WDR auf, ehe Silvester 1973 die erste Folge bundesweit ausgestrahlt wurde. Haupt der Familie ist Alfred Tetzlaff, ein Ekel schlechthin. Alfred meckert über alles, vor allem über Sozis, Ausländer und die angeheiratete Verwandtschaft aus der "Ostzone". Sein Frau Else (von Alfred als "dusselige Kuh" bezeichnet) ist nicht sonderlich helle und verdreht mehr als einmal die Tatsachen. Tochter Rita hat Michael, einen SPD-Anhänger, geheiratet und ins Haus gebracht. Für Alfred lebt damit "die rote Gefahr" in seinen eigenen vier Wänden. Die Serie war durch ihre Provokation extrem erfolgreich. Die Drehbücher enthielten zynische Kommentare zum aktuellen politischen Geschehen und machten auch nicht vor Kraftausdrücken wie "Scheiße" oder "Arschloch" Halt – für damalige Verhältnisse zu viel für die Zuschauer. Es hagelte Protestbriefe. Trotzdem – oder gerade deshalb – war die Serie äußerst populär; selbst bei einer Wiederholung in den 1990ern verzeichnete sie Einschaltquoten, die höher waren als bei manch aktueller Serie. Das Serien-Ende kam, als zwei Schauspieler ausstiegen (Elisabeth Wiedemann als Else, Ersatz Helga Feddersen; Diether Krebs als Michael, Ersatz Klaus Dahmen)

Die erfolgreichsten Familienserien in den 1970ern waren ausländische Produktionen. Aus England kam "Das Haus am Eaton Place", aus den USA "Unsere kleine Farm".

Die 1980er: Diese Drombuschs – die Blütezeit der Familienserie

In den nächsten zehn Jahren sollte eine wahre Flut an erfolgreichen Familienserien über das Fernsehpublikum hereinbrechen. Aus den USA kamen "Dallas" und "Der Denver-Clan". Als deutsche Produktionen entstanden Serien, die zum Teil noch heute laufen: "Lindenstraße", "Forsthaus Falkenau", "Schwarzwaldklinik", "Ich heirate eine Familie" und "Die Wicherts von nebenan". Doch die deutsche Familienserie der 1980er schlechthin war "Diese Drombuschs" (1983 bis 1994).

Die Drombuschs leben in Darmstadt und betreiben einen Antiquitätenhandel. Vater Siegfried erliegt am Ende der ersten Staffel einem Herzinfarkt, und Mutter Vera (dargestellt von Witta Pohl, die den Titel "Mutter der Nation" übernahm) muss Familie und Geschäft alleine stemmen. Tochter Marion hilft beim Aufbau eines Gartenlokals, Sohn Chris ist Polizist, und der zweite Sohn von Vera, Thommi, geht noch zur Schule. Dann taucht Onkel Ludwig (Günter Strack) auf, ein Hallodri in Geschäftssachen, ohne den es am Ende aber nicht geht. Die Drombuschs erleben den Alltag, wie er jedem widerfahren kann: komplex, banal, konfliktbeladen – und vor allem immer mit dem Hang zum Selbstbetrug. Die Serie war so populär, dass selbst die "Tagesschau" einen Zuschauereinbruch hinnehmen musste.

Die 1990er und heute: Familienserien im Vorabendprogramm

Mit den 1990ern verschwand die Familienserie zunehmend im Vorabendprogramm oder entwickelte sich zur Daily Soap ("Marienhof", "Verbotene Liebe", "Die Fallers"). Einige Serien konnte noch beachtliche Erfolge erzielen ("Unser Lehrer Doktor Specht", "Familie Dr. Kleist"), doch die Zeit der Quotenhits bei Familienserien scheint vorbei. Vielleicht hängt dies auch mit dem Fehlen guter Ideengeber zusammen. Drehbuchautoren wie Robert Stromberger (verstorben), Curth Flatow (90 Jahre) oder Wolfgang Menge (86 Jahre) sind nur schwer zu ersetzen.

Übrigens, die derzeit erfolgreichste Familienserie kommt aus den USA, hat gelbgesichtige Hauptdarsteller, und die Familie hört auf den Namen "Simpson". Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie sind seit 1991 auf Sendung.

Siegfried Dierker, Siegfried Dierker

Siegfried Dierker - Jahrgang 1958; gebürtiger Westfale, wohnhafter Niedersachse; nach Abitur und Bundeswehr Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann, ...

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