
- Großsteingrab Nr. 1 auf Rügen - Uwe Wolfrum
Auf der Ostseeinsel Rügen findet man noch viele Zeugen der Vergangenheit in Form von Hügelgräbern, den sogenannten Dolmen. Nahe des kleinen Ortes Lancken-Granitz auf der Halbinsel Mönchgut im Südosten der Insel befindet sich die größte und am besten erhaltene Grabanlage in Form von sieben Großsteingräbern.
Sieben Großsteingräber auf einem weiten Feld
Zwischen den Ostseebädern Binz und Sellin gelegen, gelangt man über die B19 nach Lancken-Granitz unweit des malerischen Jagdschlosses Lancken-Granitz. Hat man den Erholungsort, bestehend aus schmucken Einfamilienhäusern, Ferienwohnungen und einer Feuerwache, schnell durchfahren, kommt man nach einem weiteren Kilometer und einer Rechtskurve auf ein großes, weites Feld, auf dem sich gut ausgeschildert die sieben Großsteingräber befinden.
Nach ca. 200 Metern erreicht man das östlichste Grab, unter Fachleuten schlicht "Nr. 1" bezeichnet. Das größte der sieben Gräber fällt durch seine "Architektur" auf - auf einem kleinen Waldhügel errichtet und von schützenden Bäumen umgeben, findet sich mittig ein eingelassenes "Hünengrab" aus aufgerichteten Rotsandsteinplatten, das von einem großen Querstein quasi als Grabplatte abgedeckt wird. In südlicher Richtung findet sich ein als Windfang bezeichneter Zugang zum Grab. Der Boden der Grabkammer wurde ursprünglich mit einer Lehmschicht ausgelegt.
Sieben "Hünenbetten" aus groben Steinplatten
Geht man entlang eines Pfades jeweils weitere 100 bis 150 Meter, kommt man nacheinander an die sechs restlichen Hügelgräber. Diese gerne als "Hünenbetten" bezeichneten Bestattungsstätten sind jedoch nicht so gut erhalten wie das erste Grab und teilweise durch Korrosion, Witterung und Eingriffe beschädigt worden.
Ab Grab "Nr. 4" sind die Anlagen in weit zerstörterem Zustand, und bei manchen ragen nur noch einzelne Platten aus dem Hügelbett. Die letzten Gräber sind einfacher und baumloser gestaltet als die ersten in der Reihe. Hat man den Pfad mit allen sieben Gräbern durchwandert, kommt man wieder auf der Zufahrtsstraße heraus.
Die Großsteingräber - Zeugen der Steinzeit und Bronzezeit
Die Bestattungen mit den Großsteingräbern fanden vermutlich von der jüngeren Steinzeit (ca. 4.000 bis 2.000 Jahre v. Chr.) bis in die frühe Bronzezeit (2.000 bis 1.000 Jahre v. Chr.) statt. Man vermutet auch eine Wohnsiedlung in der Nähe, da Ausgrabungen vielfältige Fundstücke zu Tage brachten.
Erstmals wurden schon 1829 insgesamt 19 Gräber gezählt. Die 12 restlichen sind heute nicht mehr vorhanden, und wahrscheinlich wurden die Steine zu Bauarbeiten verwendet. In den frühen 1930er Jahren wurde explizit nach Grabbeilagen gesucht und einiges an Exponaten sicher gestellt. Eine genauere archäologische Dokumentation fand in den 1970er Jahren vom Denkmalpflegeamt Schwerin statt, die die Anlage unter Denkmalschutz stellte.
Wertvolle Funde bei Ausgrabungen auf Rügen
Obwohl im Laufe der Jahrhunderte die Anlagen geplündert worden sind, fanden sich bei den Untersuchungen u.a. noch wertvolle Schmuckstücke aus Bronze und Bernstein, Krüge, Gefäße und Waffen und Werkzeuge wie Äxte, Hämmer, Pfeile, Messer und Meißel. Auch Reste von Knochen und Schädeln wurden sicher gestellt.
Trotz aller Untersuchungen wurde das Rätsel der Großsteingräber nie vollends gelüftet. Viele der riesigen Steine kommen nicht in der natürlichen Geologie von Rügen vor und wurden wahrscheinlich von außen mit Schiffen auf die Insel transportiert.
Das Rätsel der Hünengräber - Märchen und Wahrheit
Im Mittelalter bekamen die Anlagen deshalb den Beinamen "Hünengräber", da der Volksmund besagte, dass nur Riesen die Steine von solchem Ausmaß und Gewicht über die Insel auf das Feld transportiert haben konnten.
Wie die Monolithen genau zu ihrem Standort kamen, entzieht sich der Kenntnis der Archäologen und Historiker. Es wird vermutet, dass man mit Zugpferden, menschlicher Kraft und Holzstämmen als Rollen die Steine vom Entladen der Schiffe am Strand der Ostküste bis auf das Feld transportiert hat.
Bei dieser Entfernung und der großen Anzahl an Grabsteinen ist das auch heute noch eine fast unvorstellbare Leistung. Was bleibt, sind die stummen, grauen Zeugen aus der Vergangenheit, die zu einer interessanten Entdeckungstour einladen.
Wer mehr über die Ostseeinsel erfahren möchte, dem sei der interessante Bildband "Rügen" von Andrea Küstermann empfohlen.
