
- Mit solchen Materialien macht Lernen Spaß ;o)! - Birgit Brüggehofe 2008
Keine Noten? Lehrer und Schüler gleichberechtigt? Lernen, wann und was man will? Die fahle Morgensonne des Schülerfensters bringt es an den Tag: Alles nur ein Traum. Oder doch nicht?
Die „Neue Schule Hamburg“ ist eine Privatschule, deren Gründer exakt dieses ehrgeizige Ziel anstreben. Mitgründerin und Pop-Ikone Nena tritt für selbstbestimmtes Lernen, Demokratie und freie Entfaltung lernender Kinder ein.
Was Privatschulen leisten
Zugegeben, das klingt für manche Eltern wie ein Schritt in ein Chaos, dem man eigentlich aus dem Wege gehen wollte: Bereits 20 Prozent der Eltern hierzulande liebäugeln mit den vermeintlichen Vorteilen einer Privatschule in zumeist kirchlicher Trägerschaft. Disziplinlosigkeit im Lernumfeld und das Fehlen individueller Förderung sind nur zwei Symptome, an denen das staatliche Schulsystem derzeit krankt, von Rahmenbedingungen wie maroden Schulgebäuden und veralteten Lernmaterialien gar nicht zu reden.
Hier glänzen Privatschulen: Wer zahlt, erwartet naturgemäß entsprechende Gegenleistungen. Gezahlt wird pro Schuljahr, und manchmal gibt der Staat ein wenig dazu. Und man ist unter sich: Sozial Prekäres und Migrantenkinder bleiben draußen, Gewalt und Mobbing angeblich auch. Was man an Schulgeld ausgibt, spart man auf der anderen Seite an teurer privater Nachhilfe wieder ein. Privatschulen sind Ganztagseinrichtungen mit Hausaufgabenbetreuung und einem vielfältigen musischen, handwerklichen und sportlichen Förderangebot.
Schulklima und Mitwirkung der Eltern
Man bleibt auf Tuchfühlung mit dem Lehrpersonal und ist um ein gutes Schulklima bemüht. Oft wird die tatkräftige Mitwirkung der Eltern geradezu vorausgesetzt: An der Kinderkosmos-Schule in Esslingen, Baden-Württemberg, wurde bisher keine Putzfrau eingestellt, Hausmeisterjobs von engagierten Vätern in der Freizeit erledigt, trotz 250 Euro Schulgeld im Monat.
An der Berliner Phorms-Schule kann man je nach finanzieller Leistungsfähigkeit bis zu 1.000 Euro monatlich auf den Tisch legen. Dafür sieht das Konzept z. B. englischsprachigen Unterricht in fast allen Fächern vor, und die Lehrer achten darauf, dass sich die Grundschüler nach der Stunde auch die Zähne putzen. Ein schuleigener Bus sammelt die Kleinen morgens zu Hause ein und liefert sie nach Schulschluss wieder dort ab.
Ist die Privatschule ein Ghetto?
An Privatschulen erhalten schwache Schüler mehr als nur eine letzte Chance, und die Zahl der Schüler, die ein Jahr wiederholen müssen, ist geringer als an öffentlichen Schulen. Kritiker mahnen allerdings, Kinder wüchsen auf diese Weise in einer Art Schonraum, einer Art kuscheligem Ghetto heran, der sie blind für gesellschaftliche Realitäten und soziale Konflikte mache, was sich letztendlich auch auf ihre Chancen im späteren Berufleben auswirken könne.
Bildung statt Ballermann
Der Run auf die Privatschulen und der Gründerwillen scheinen derzeit ungebrochen. Jede zweite Woche eröffnet eiine weitere freie Schule, und die Wartelisten der bestehenden Institute ist lang. Bei näherer Betrachtung ergab sich hinsichtlich der Leistungen nur ein geringer Vorsprung der Privatschulen. Dennoch möchten sich viele Eltern nicht mehr mit den defizitären Zuständen an öffentlichen Schulen abfinden; entsprechende Informationsabende verzeichnen einen rasenden Zulauf, nicht nur allein durch Oberschicht-Eltern. Für gute Bildung werden inzwischen auch in der Mittelschicht Opfer gebracht, und die eine oder andere Urlaubreise auf den Geldbeutel zugeschnitten oder ganz gestrichen.
Außerdem ist der Besuch der staatlichen Schule weniger denn je kostenfrei. Immer mehr zusätzliche Ausgaben für Ganztagsbetreuung, Mittagessen und Schulmaterialien kommen auf die Eltern zu, für viele eine ganz einfache und überzeugende Rechnung, die dazu führt, dass der Schritt zur Privatschulanmeldung leichter fällt als noch vor zehn Jahren. Inzwischen liegt der Anteil der Schüler in Deutschland, die private Schulen besuchen, bei gut sieben Prozent, Tendenz steigend, in Frankreich liegt man schon bei 20 Prozent.
Informationen über Privatschulen
Und jeder kann eine Privatschule gründen und genehmigen lassen, das wird sogar durch das Art. 7 des Grundgesetzes garantiert. Die Schule muss dabei ein besonderes pädagogisches Interesse abdecken, sodass das bereits existierende Angebot um ein wissenschaftlich belegtes Konzept erweitert wird.
Bevor man mit fliegenden Fahnen den Wechsel zur Privatschule in die sprichwörtlichen trockenen Tücher packt, wollen Für und Wider genau abgewogen sein. Ein Kontakt zum Bundesverband Deutscher Privatschulen kann hinsichtlich der Entscheidungsfindung ganz hilfreich sein.
