Wie wenig von der Politik zu lernen ist, sieht man bei Parlamentsdebatten. Der Gehalt des dort Vorgebrachten ist oft erdrückend. Eine gestikulierende Masse, darüber eine Kanzlerin, die sich im Schweiße ihres Angesichts bemüht, die Würde des Hauses wieder in Fluss zu bringen. Einige Abgeordnete mit mehr oder weniger intelligenten Gesichtern, diese Auserkorenen der Nationen, gähnten sich gegenseitig an. Der Vize sieht ersichtlich gelangweilt in den Saal.

Der Bundespräsident – ein machtloser, aber teurer Mann, ein Grüßaugust, ein Ordensverleiher, ein Kranzniederleger. Welche Grauen seine Wallfahrten zu den Stätten der einstiegen Lager, welch Kniefall der Anbiederung. Wo bleibt der mutige Politiker, der das nicht tut, zumal es rund um Israel und Palästina durchaus Wichtigeres zu regeln gibt. Ist das Amt eines Repräsentanz-Präsidenten in einer Demokratie nicht überflüssig?

Der Ministerhaufen –, über Menschenköpfe hinweg die Zukunft ganzer Generationen bestimmend, dann wieder verwerfend: Automausstieg, Atomeinstieg usw. Dabei wäre es, die Zukunft vorauszusehen nicht so schwer. Man müsste nur das Versprochene halten.

Politische Tagungen, nachts abgehalten, was dem Volk Schwerstarbeit vormachen soll, müssten ›Nachtungen‹ heißen. An Zombies erinnern die Teilnehmer in ohnedies. Schablonengesichter, damit ihnen nicht jeder ihre Gefühle an der Nasenspitze ansieht. Und alle mit schmalen Lippen, weil sie ach so viel herunterschlucken müssen. Oft setzt sich der durch, der im Morgengrauen über größere physische Reserven verfügt. Den Beschlüssen, im Zustand akuter physischer und mentaler Erschöpfung getroffen, sieht man das leider an. Meist erst später. Oft nicht durchdacht oder mit so vielen losen Enden, dass sie den nächsten Gipfel herausfordern.

Was mögen Politiker nicht an sich. Diese oft gestellte Frage beantworten sie gerne mit ›Meine Ungeduld.‹ Wollen dynamischer wirken. Oder: Was bedauern Sie? – ›Nicht mehr Zeit für meine Kinder zu haben.‹ Warum rät ihnen bloß keiner: Muss du sie dir eben nehmen, Dampfplauderer!

Und dann diese ›Kaminzimmergespräche‹ mit der Kanzlerin, aus denen nicht zitiert werden darf, worin aber stets das gesagt wird, was tags darauf auch in der Pressekonferenz gesagt wird. Trotzdem schleppen sich Journalisten hin; denken, dass ihre Arbeit Einfluss auf den Fortgang irgendeiner Krise hat. Sie überschätzen sich.

›Wer kein Verhältnis zur Macht hat, kann auch nicht gestalten‹, sagte Bundeskanzler Helmut Kohl und ›Vermeide Situationen, in denen du improvisieren musst.‹

Wladimir Iljic Lenin war vom Gegenteil überzeugt und meinte, ›Planeinhaltung ist genau dasselbe, als würde man die Anwendung einer Heilmethoden bei einer Krankheit fordern, wohl wissend, dass mehrere Methoden helfen.‹ Vor Lenins Einsicht wird Wulffs improvisierte Informationspolitik in Salamitaktik erklärbar. Von Aristoteles hält Wulff dagegen nichts. Dieser schrieb: ›Das wichtigste bei der Demokratie ist, dass die Bekleidung der Ämter keinen Gewinn abwirft.‹ Eine hehre Botschaft.

Es stimmt, kaum wo klaffen Ansprüche und Wirklichkeit so weit auseinander wie in der Politik. Und mag Wulff entschuldigen, was Joschka Fischer sagte: „Die Verwandlung des Amtes durch den Menschen dauert länger als die Verwandlung des Menschen durch das Amt.“ Aber wer Ohnmacht offenbart, dem wird man Macht nicht zutrauen.

Und dann all diese Wahlgelegenheiten zur Dauerbeschäftigung der Massen. Kombiwahlen wie beispielsweise in Skandinavien würden höhere Wahlbeteiligungen bescheren. Hohe Wahlbeteiligungen aber wünschen sich etablierte Parteien nicht. Sonst würden sie ja Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahlen zusammenlegen. Die Gefahr, dass die Bundespolitik die Lokalpolitik bei einem Kombiwahlkampf übertünchen würde, ist nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil – es wäre schön, wenn die Wahlentscheidungen der Bürger von Lokal- zur Globalpolitik einander beeinflussten.

Schön auch die Idee, Wahlen mit Volksbefragungen zu verbinden. Aber Gott behüte. Das wäre ja gelebte Demokratie.

Stattdessen Wahlen, Wahlen, nur um noch mehr Präsidenten und Minister an Diäten und lebenslange Staatpensionen heranzuführen.

Wenn doch schlechte Politik so enden würde, wie es am Wahltag klingt, in der Wahlurne, auf Nie-mehr-Wiedersehen in dieser Urne begraben.

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