Grundlagen des literarischen Übersetzens

In diesem Kurzartikel finden Sie die Basics, die beim literarischen Übersetzen wichtig sind.

1. Grundlagen des literarischen Übersetzen – eine Einführung

Warum gerade dieses Thema? Das literarische Übersetzen hat schon lange eine wissenschaftliche Bedeutung erlangt. Nicht erst seit gestern schlägt es eine Brücke zwischen der Linguistik und der Literaturwissenschaft und ist für jeden, der interdisziplinär arbeiten möchte von großem Wert. Es liefert einen Zugang zu verschiedenen Literaturen. Jede Sprache hat dabei ihre Gesetzmäßigkeiten. Es gilt Zielsprache und Ausgangssprache zu beachten. In diesem Fall geht es um das Übersetzen aus dem Russischen ins Deutsche.

Gibt es denn das ideale Übersetzen? Hierzu sagte Coseriu: „ Ein allgemeingültiges Übersetzungsideal ist eine contradictio in adieco, denn eine allgemeingültige optimale Invarianz für das Übersetzen kann es ebenso wenig geben, wie es ein allgemeingültiges Optimum für das Sprechen überhaupt gibt.“.[1] Das bedeutet also, dass es kein Übersetzungideal gibt. Dennoch gilt es einige Dinge zu beachten, auf die ich nun näher eingehen möchte.

Die erste Frage ist die nach der wörtlichen oder der sinngemäßen Übersetzung. Beides sind Extreme die möglichst gemieden werden sollten.[2] Es gilt das richtige Maß zu finden und sich dennoch am Originaltext zu orientieren. Der Übersetzer sollte sich auch fragen, ob ein Text übersetzbar ist. Dazu muss er gewisse Kriterien erfüllen. Diese haben sich im Verlauf der literaturwissenschaftlichen Entwicklung herausgebildet. Das Literaturübersetzen begann mit „einer blinden Verehrung des heiligen Originals“[3] Übersetzer versuchten für jedes unbekannte Wort ein eigenes einzusetzen. Das führte häufig zu unverständlichen Übersetzungen. Es handelte sich hierbei häufig um Übersetzungen aus dem Lateinischen oder Altgriechischen. Eine Wort – für –Wort – Übersetzung ist somit nicht der ideale Maßstab.

Es gab viele Gegner dieser Übersetzungsmethode. Deshalb gingen diese dann dazu über, der Zielsprache keine Gewalt anzutun. Ziel war eine ideale Übereinstimmung in Sache und Wort.[1] Nach Hieronymus gilt es sich an propietas[2], gratia[3], rubor[4], sapor[5] und den Wohlklang der fremden Sprache zu halten.[6] Das ist insoweit richtig, dass dadurch die Eigenheiten der Ausgangssprache im Wesentlichen erhalten bleiben.

Die dokumentarische Übersetzung ist eine Art der Übersetzung, bei der der Übersetzer sich dem „Wort und der Wahrheit des Dichters gegenüber verpflichtet fühlen soll“.[7] Dadurch wird „das Fremde spürbar“ gemacht „ohne zu befremden“.[8] Nun noch zur freien Übersetzung. Diese ist schon in Cicero begründet. Dieser stellte aber keine allgemeingültige Übersetzungstheorie auf. Er begründete in seinen Gedanken lediglich die freie Übersetzung als „verfremdende Übersetzung“[9].

Welcher Disziplin ist die Übersetzungswissenschaft zuzuordnen? Eine Möglichkeit wäre die Linguistik. Auf die verschiedenen Unterdisziplinen der Sprachwissenschaft möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Für mich ist die Zuordnung zur Literaturwissenschaft wesentlich interessanter. Allein das Literaturübersetzen aber rechnet man der Literaturwissenschaft zu. Schleiermacher weist darauf hin, „dass die Sprache der Wissenschaft und die Sprache der Dichtung nicht gleichgesetzt werden dürfen.“[10] Deshalb ist eine Abgrenzung der literarischen Übersetzung von der linguistischen Übersetzungswissenschaft notwendig.[11]

Abschließend ist hier also zu sagen, dass das literarische Übersetzen, ein komplexes Gebilde ist, das eine weitere Zuwendung erfordert und an dieser Stelle nicht ausführlich behandelt werden kann. Im Folgenden möchte ich mich auf den Zugang zur russischen Literatur in der Bundesrepublik Deutschland konzentrieren und dabei näher auf die Rezeption von Prosa eingehen. Diese soll sich im späteren Verlauf der Arbeit besonders interessant im Wirkungsfeld Swetlana Geyers erweisen.

1. Wege zur russischen Literatur

Literatur ist Wortkunst. Wenn man sie so versteht, ist ein Werk zuallererst einer Sprachgemeinschaft zuzuordnen und nicht den Kriterien der Veröffentlichung. Geht man hier von den historischen Bedingungen aus, ist zu sagen, dass die DDR einen größeren Bezug zur russischen Literatur hatte. Dies ist schlüssig, da die Deutsche Demokratische Republik sozialistisch beeinflusst war und kulturelle Komponenten, wie Literatur übernommen wurden. Also muss ich bei einer Einordnung den Buchmarkt berücksichtigen. Russisch war allerdings in der BRD nicht die erste und wichtigste Sprache in der Literaturrezeption. So ist also die Kunst des Wortes von der Sprache abhängig in der sie geschrieben wird.[1] Dostojewski veröffentlichte von 1845 bis 1880 viele bedeutende Werke in russischer Sprache. Gehen wir zurück zu dem worum es im ersten Kapitel ging. Das Umfeld in dem die Texte rezipiert wurden, war in der Bundesrepublik Deutschland ein anderer als im Russland des 19. Jahrhunderts.

Die andere Perspektive der Rezeption ist also die Übersetzung. Wenn nun der Rahmen der Rezeption stimmig ist und der Buchmarkt eine Übersetzung fordert, so braucht es auch Übersetzer. Ein Beispiel dafür ist Svetlana Geyer. Sie selbst übersetzte beispielsweise Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe[2] bereits 1964. Im Jahr 1993 erschien dann eine überarbeitete Fassung des Romans von Svetlana Geyer. Warum übersetzt man einen Roman zweimal? Geyer selbst gibt die Antwort zu dieser Problematik:„Dostojewski ist eben ein Beispiel dafür, dass Übersetzungen sterblich sind und jede Lesegeneration eine eigene Übersetzung braucht.“.[3] Im Folgenden erklärt sie, dass eine Übersetzung im Wesentlichen nicht verbessert werden kann. Nicht einzelne Worte sind entscheidend, sondern nach Novalis das Ganze. Es ist der Maßstab für die Gültigkeit der Übersetzung.[4] Das schließt ein, dass sich eben bei den Romanen Dostojewskis sowohl die Zeit als auch die Lesegeneration verändert hat.

Dieser kurze Exkurs zeigt, dass das Feld der Übersetzung im zeitlichen Rahmen ein sehr komplexes Feld ist. Das Beispiel der BRD ist nur ein kurzer Abriss der Literaturrezeption, aber natürlich nicht mustergültig, denn es gibt nicht nur Lesegenerationen, sondern auch regionale und lokale Rezeptionsgemeinschaften, was nicht nur für die russische Sprache gilt. Ich möchte hier also abschließend zwischen diesen beiden Gruppen trennen.

2. Svetlana Geyer – Ein Leben zwischen den Sprachen

Dieser Teil meiner Arbeit soll kein biografischer Abriss sein. Er soll vielmehr am Beispiel einer Frau zeigen, wie mit der literarischen Übersetzung umgegangen wurde. Sie ist eine der wichtigsten Übersetzerinnen der Texte Dostojewskis. In der Ukraine geboren, begann sie bereits mit 5 Jahren bei einer Walja Jakowlewna Deutsch zu lernen.[5] Diesen Unterricht hatte sie ihrer Mutter zu verdanken. 1939 nun kam der Krieg[6] und die Mutter konnte sich den Unterricht nicht mehr leisten. Dennoch schloss sie ihr Abitur mit Bestnoten ab. 1943 wurde sie nach Deutschland geholt. Geyer fuhr mit ihrer Mutter mit einem Güterzug in elf Tagen von Kiew nach Dortmund. Dort kamen sie zuerst in ein Lager und von dort aus im März 1944 nach Berlin. Dort wurde sie in deutscher Sprache geprüft und bekam einen Staatenlosen-Pass, den es unter Hitler eigentlich gar nicht gab. Die SS dichtete ihr sogar eine deutsche Großmutter und einen deutschen Vater an. Graf Stamati[7] sorgte dann dafür, dass sie einen Studienplatz für Germanistik in Freiburg bekam. Dieses Studium schloss sie erst 1957 mit einer Arbeit über den Entwicklungsgedanken bei Novalis ab.[8] Eigentlich wollte Geyer gar nicht Übersetzerin werden, da sie den Studiengang Übersetzen als sinnlos empfindet. Sie sagt: „Man kann übersetzen nicht lernen. – Was mich von Anfang an interessierte, ganz praktisch und ganz konkret: Wie verhalten sich die Sprachen zueinander, „Ruhest du auch“ zu «????????? ? ??»?“.[9] Zum anderen wollte sie ihre eigene Grenze ausloten, wie sie selbst sagt. Eine Übersetzung „[…] ist eben nicht das Original. […] Und ich glaube – ich glaube, dass das Deutsche etwas unheimlich Wichtiges für das Russische ist.“.[10] Auch sagt sie Kultur sei Tradition und das schon seit dem ersten Weltkrieg. Sie begann zu übersetzen, ohne zu wissen, dass es den Beruf der Übersetzerin überhaupt gab. Sie tat, weil sie das Verfahren des Übersetzens interessierte. Sie zeigt in ihren Aussagen auch, was die Problematik des literarischen Übersetzens ist. Sprachen sind ihrer Meinung nach nicht kompatibel.[11] Was meint sie damit? In meinen Augen will sie damit eine Sache ansprechen, die auch ich beim literarischen Übersetzen immer wieder so empfinde. Ein Übersetzer kann einen Text nicht einfach von einer Sprache in eine andere übertragen. Wie bereits erwähnt muss man hierbei auf die Gegebenheiten und Traditionen der Sprache achten. Eine Übersetzung muss die Kultur der Ausgangssprache, aber auch der Zielsprache berücksichtigen. Das trägt dazu bei, das Interesse des Lesers in der Zielsprache zu wecken und nicht abzuschrecken. So mussten Übersetzungen aus dem Russischen in der DDR an den sozialistischen Kontext angepasst werden.

Svetlana Geyer zeigt weiter, dass es keine zutreffende Definition für das Übersetzen gibt. Derselben Meinung bin ich auch, wenngleich die Literatur zum literarischen Übersetzen, wie bereits in meinem ersten Kapitel gezeigt, verschiedene Definitionen für verschiedene Arten liefert.[12] Das schließt aber eben auch ein, dass man diese Definitionen auf philosophische und kulturwissenschaftliche Ansichten stützt, was ich keineswegs für falsch halte, denn es liefert zu mindestens einen Rahmen in dem wir uns bewegen können. Geyer bezeichnet die Definition des Übersetzens als eine falsche Metapher und begründet dies mit der Etymologie des Wortes. Die Vorsilbe trans- oder über- wie sie in den meisten Sprachen verwendet wird, beinhaltet „[…] einen Transport von hier nach da.“. Svetlana Geyer schrieb einen Text über Puschkin und sagt, dass er die Übersetzer als „Postpferde der Weltliteratur“ bezeichnete.[13] Das Problem ist und bleibt dabei, dass die Fracht[14], wie Geyer es nennt, niemals ohne Makel transportieren, so wie sie ihn aufgeladen haben. Beim Übersetzen ist es keineswegs möglich, dem Text der Ausgangssprache keine Verletzung zuzufügen. [15]

Geyer beschreibt, dass der Übersetzer sich in ein Gehäuse begibt. In diesem befindet er sich und er kann nicht aus ihm hinaus. Das bedeutet zwangsläufig, dass er gefangen ist. Der Übersetzer kann dem Zieltext aber seinen Stil als Leben einhauchen, was einschließt, dass er sich dennoch an das Original hält. Die Frage, die sich hierbei für mich auftut, ist die nach der Authentizität. Ist es denn wichtiger dem Werk dadurch Leben zu geben, dass man seinen eigenen Stil verwendet oder sollte man so nah wie möglich am Original bleiben? Man sollte als literarischer Übersetzer dabei eine ausgewogene Ansicht haben. Wer zu sehr seinen eigenen Stil verwendet, stellt sich nicht nur zwischen den Autor und das Original, sondern auch das Original und den Leser. Daraus ergibt sich für mich eine interessante Theorie. [16] Meine Grafik möchte ich wie folgt erläutern. Sie stellt den nicht idealen Zustand des Übersetzens dar. Oben an steht das Werk im Original, das aber auch im Fuß der Grafik noch mal notwendig wird. Der Leser wird am Ende dieser Ausführung erfahren warum. Das Original liefert die Grundlage für die Übersetzung, und diese ist abhängig vom Erfolg und der Rezeption des Originals. Das bedeutet also, dass der Übersetzer einer Zielsprache sich zwischen das Werk und den Leser drängt, wenn dieser zu sehr auf seinen eigenen Stil bedacht ist. Dann nämlich empfindet der Rezipient nicht mehr den Stil des Originals. Dies sollte möglichst nicht passieren. Der Idealzustand sähe in einer Grafik nahezu genauso aus, nur dass die Verbindung zwischen Leser und Übersetzer wegfallen müsste. Normalerweise sollte der Übersetzer nicht oder nur wenig mit dem Rezipienten in Kontakt treten. Er ist nur der Mittler oder Vermittler des Inhaltes vom Originaltext, wenn er sich an das Original und dessen Maßstäbe hält. Je mehr sich der Übersetzer also zwischen Original und Leser mit seiner Übersetzung drängt, umso dicker müsste man die Verbindung zwischen diesen Teilen darstellen. Im Fall Geyer muss man aber sagen, dass sie sich kaum zwischen den Leser und den Originaltext drängt. Diese Darstellung ist natürlich noch ausbaufähig, aber dafür ist an dieser Stelle nicht der Raum und die Zeit.

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass dieses Gehäuse ein starrer fester Körper ist, nämlich die Persönlichkeit des Übersetzers. Diese ist wie meine Veranschaulichung durch die Grafik gezeigt hat, genauso wichtig, wie die Ungleichheit, oder wie Geyer es nennt, Inkongruenz zwischen den Sprachen.[17] Es gab bereits vor der Arbeit von Svetlana Geyer eine unzählige Menge von Übersetzungen der Romane Dostojewskis. Diese hat sie selbst konsumiert, sich aber nicht von deren Stil beeinflussen lassen, als sie sie selbst übersetzte. Dennoch sollten diese Texte ihre bis heute wichtigsten Übersetzungen sein, was nicht nur was mit dem Bekanntheitsgrad des Autors der Originale zu tun haben soll. Es liegt sicher auch an der Perfektion der Übertragungen, wie ich es nennen würde. Was Geyer auch noch so besonders macht und ich bis hierhin nicht erwähnt habe, sie bildet eine Ausnahme in der Kombination der Sprachen. Ihre Muttersprache bildet die Grundlage für ihre Texte und die Zielsprache ist eine Fremdsprache. Das gibt es auf dem Markt der literarischen Übersetzungen nur sehr selten. Meist ist eher die umgekehrte Konstellation so bedeutsam.

[1] Warnke 2000: S. 29.

[2] Erschienen in russischer Sprache 1866.

[3] Gut 2010: S. 149.

[4] Ebd.

[5] Gut 2010: S.59ff.

[6] Gemeint ist hier der Zweite Weltkrieg. In Polen begann er 1939, in der Sowjetunion aber erst 1941 mit dem Überfall am 22.6.

[7] Stamati war ein hoher rumänischer Adliger, der mit dem griechischen Königshaus verwandt war. Er war in dem Ministerium für die besetzten Ostgebiete tätig. (Gut 2010: S.90).

[8] Gut 2010: S. 109.

[9] Ebenda S.110.

[10] Ebenda S. 111.

[11] Ebenda S. 117.

[12] Ebenda.

[13] Diese Aussage geht darauf zurück, dass er es gesagt haben soll. Es ist nicht eindeutig belegbar, aber wird häufig verwendet. Ich finde dieses Zitat sehr bemerkenswert und habe es deshalb hier verwendet.

[14] Der zu übersetzende Text

[15] Gut(2010) S. 118.

[16] Siehe Grafik im Anhang. Erklärung im Text folgend.

[17] Gut(2010) S. 121.

[1] Ebd. S. 18.

[2] Eigenart

[3] Anmut

[4] Kraft

[5] Besonderer Ton

[6] Vgl. hierzu: Kloepfer, Rolf: Die Theorie der literarischen Übersetzung. München: Fink. 1967, S.33.

[7] Horn – Helf: S.22.

[8] Kloepfer 1967:79.

[9] Woll. Dieter: „Übersetzungstheorie bei Cicero?“ In: Lüdke[Hrsg.]: 1988, S. 341 – 350.

[10] Kloepfer 1967:10.

[11] Kloepfer 1967:126.

[1] Coseriu, Eugenio: „Falsche und richtige Fragestellung in der Übersetzungstheorie.“ In: Albrecht[Hrsg.]: Energeia und Ergon. Band I. Schriften von Eugenio Coseriu(1965 – 1987). Tübingen: Narr.1988, S. 295 – 309.

[2] Horn – Helf, Brigitte: Technisches Übersetzen in Theorie und Praxis. A. Francke Verlag, Tübingen, 1999, S. 17.

[3] Ebd. S. 18.

Das bin ich., Madlen Peilke

Madlen Peilke - Ich studiere Geschichte und Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt und werde dieses Studium im Sommer diesen Jahres ...

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