Günther Jauchs hilflose Talk-Show - eine Rezension

Auschwitz - Bundesarchiv 175-04413 CC-BY-SA
Auschwitz - Bundesarchiv 175-04413 CC-BY-SA
"Gerät Auschwitz in Vergessenheit?" - dieses Thema versuchte Günther Jauch in seiner Sendung am 5. Februar auszuloten. Leider mit wenig Erkenntnisgewinn

Dass eine Talk-Runde zum Thema Holocaust mehr nachdenklich stimmt als unterhält, wusste der geübte Jauch-Zuschauer schon vor dem Einschalten des Fernsehgerätes. Jauchs Thema: "Die letzten Zeitzeugen - gerät Auschwitz in Vergessenheit?" versprach jedoch einen erkenntnisreichen TV-Abend. Seine Gäste waren leider nicht alle Zeitzeugen aus erster Hand. Der Schauspieler Christian Berkel beispielsweise: Berkel hat eine jüdische Mutter. Dazu gesellte sich der Sportmoderator Marcel Reif, dessen Vater nur knapp dem KZ entgangen war. Jauch bot auch ein junges Gesicht auf: Die noch in Amt und Würden der Piratenpartei stehende 24jährige Marina Weisband, die sich zum Judentum bekennt. Der Trumpf des Moderators sollte Anita Lasker-Wallfisch, extra aus London nach Berlin gereist, sein. Diesen Trumpf spielte Günther Jauch allerdings nicht aus. Anita Lasker-Wallfisch, heute 86 Jahre alt, überlebte als Jüdin die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Auschwitz. Ihre Eltern wurden von den Faschisten ermordet.

Am Anfang ein gelungenes Kurzporträt

Ein kurzer Film über Anita Lasker-Wallfisch mit Informationen, wie sie Auschwitz überleben konnte, indem sie dem KZ-Arzt Mengele die Träumerei von Schumann auf ihrem Cello vorspielte wann immer er das wollte und wie die heute agile Seniorin aus ihren Erinnerungen liest, machte Mut zum weiter schauen. Mit dem ersten Interview versuchte Jauch dann noch mal den Lebensweg von Anita Lasker-Wallfisch nachzuzeichnen. Nervig dabei die Kamera mit nicht inhaltsbezogenen Fahrten und Schwenks. Respekt fordernde Aussagen dagegen von Frau Lasker-Wallfisch. Mit wenigen Worten zeichnet sie das Bild Mengeles nach. Als gut aussehend, elegant, der ihre Musik nach Schlimmen Tun zur Entspannung brauchte - der Sarkasmus dieser Frau, die unter den Faschisten gelitten hatte, war nicht zu überhören, und ihr Satzzeichen lautete: "So war das!", was so klang wie: "Jetzt habt ihr es gehört". Sie habe nach dem Krieg die Deutschen gehaßt, auch wenn sie dieses Wort aus ihrem Vokabular strich. Anita Lasker-Wallfisch wollte deutschen Boden nicht mehr betreten, jedoch brach sie dieses Gelübde 1994 ausgerechnet bei einer Konzertreise nach Celle, ganz in der Nähe von Bergen-Belsen. Sie besuchte die Gedenkstätte und es entwickelte sich eine umfangreiche Korrespondenz, schließlich habe man Zeitzeugen gesucht. Heute käme sie gern und oft nach Deutschland. Die Jüdin nehme heute ein ganz anderes Deutschland wahr. Sie sehe sehr gute Seiten an diesem Land und verstehe sich ebenso gut mit der Jugend. Sie sprach vom großen Schweigen über Auschwitz auch in Großbritannien und darüber, wie schließlich nach 50 Jahren dieses Schweigen gebrochen wurde.

Jauch ohne Konzept

Nach der aussagekräftigen Steilvorlage von Anita-Lasker Wallfisch ging es dann in die Talk Runde mit den anderen geladenen Gästen. Und spätestens an dieser Stelle wirkte Günther Jauch, als sehne er sich dem Ende der Sendung entgegen. Sollte Jauch ein Fragekonzept bei sich gehabt haben, so nutzte er es zumindest nicht. Marcel Reif hatte zum Thema nicht viel zu sagen, weil in seiner Familie über das Leben des Vaters und Entgehen vor dem KZ nicht gesprochen wurde. So geriet seine Schilderung in die Länge. Glänzen konnte der Moderator auch mit seiner ersten Frage an Christian Berkel nicht. Seine Mutter sei eine so genannte Halbjüdin. Berkel klärte Jauch dann auch gleich über das Judentum auf und darüber, dass es da keine Halb,- Viertel,- oder Achteljuden gibt. Ansonsten sei er Agnostiker. Auf die völkische Schiene wollte sich dann Berkel wahrscheinlich nicht begeben. Wußte Jauch nicht, dass der Begriff aus dem Vokabular der Nürnberger Rassegesetze stammt? Das vorgesetzte "so genannt" reicht da nicht aus.

Aber auch Schauspieler Berkel hatte eigentlich nicht viel zum Thema zu sagen, weil in seiner Familie ebenso nicht darüber gesprochen wurde. So blieb ihm nur die Chance, über die abenteuerliche Flucht seiner Mutter durch Europa zu berichten, was natürlich die Titelfrage der Sendung nicht gerade beantwortete.

Gerät denn nun Auschwitz in Vergessenheit?

Selbstverständlich gerät Auschwitz nicht in Vergessenheit. Ein anderes Fazit der Sendung wäre schließlich ein Fiasko gewesen. Also ging Jauch auf diese Frage nicht mehr groß ein. Wie aber die Erinnerung halten? Da sprang dem Moderator die Piratin Marina Weisband zu Seite, die er lange Zeit so ziemlich unbeachtet neben sich "duldete". Auf die Frage, wie viele ihrer Freunde denn von den Nazis etwas wüßten, meinte sie, ein jauchsches Erschrecken provozierend: "Alle". An die sechs Mal habe sie in der Schule den Holocaust behandelt. Und das sei schon fast zu viel gewesen, weil die Gefahr bestünde, dass ein "Zuviel" abstumpfe.

Das kann man so sehen aber auch so. Die Anwesenden nickten jedenfalls eifrig. Einen kleinen Höhepunkt wollte sich Jauch allerdings noch gönnen. So warf er das Ergebnis einer Studie in die Runde, die in Deutschland bei 20 Prozent der Bevölkerung Antisemitismus ausmache. Aber auch das war nicht der große Wurf. Die Gäste setzten zweifelnde Gesichter auf. Kein Wunder, hatte doch Jauch vergessen zu erläutern, welche Definition des Arbeitsbegriffes der Studie zu Grunde lag.

Anita Lasker-Wallfisch bot dann doch noch eine Erkenntnis: Für sie sei das deutsche Nazi-Erbe nicht ständige Schuld der jetzigen Generation, sondern eine Verpflichtung für die Zukunft.

So hatte wenigsten ein Gast dem Abend noch einen kleinen Erkenntnisgewinn beschert. Jauch konnte leider dazu nichts beitragen.

Jonny Michel, privat

Jonny Michel - Im vorigen Jahrhundert, 1951, in Chemnitz geboren, hatte ich kurz danach meinen ersten Umzug zu bewältigen - ich zog nach ...

rss