In Rob Lettermans Literaturverfilmung „Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu“ verschlägt es Starkomiker Jack Black („Schwer verliebt“, „King Kong“) ins winzige Königreich Liliput, wo er zahlreiche Abenteuer bestehen muss. Kann diese am 10. Februar 2011 in den deutschen Kinos anlaufende Neuverfilmung durch Charme und Originaltreue punkten oder stehen die Spezialeffekte im Mittelpunkt?
Gullivers Reisen: Jack Black kommt auf Liliput zu!
Allzu viel Glück hatte der sympathische Gulliver (Jack Black) bislang nicht im Leben. Nach Jahren als Laufbursche in der Poststelle eines Reiseverlags befindet er sich immer noch auf der ersten Sprosse der Karriereleiter. Da tröstet es auch wenig, dass er einen Mitarbeiter zugewiesen bekommt. Denn dieser wird kurz darauf zu seinem neuen Boss befördert! Dem etwas behäbigen Gulliver platzt der Kragen: Irgendetwas muss er unternehmen, um seinem Leben neuen Schwung zu verleihen.
Kurzerhand marschiert er ins Büro der bildhübschen Redakteurin Darcy (Amanda Peet, „2012“), in die er seit langem ebenso hoffnungslos wie heimlich verliebt ist, und bietet ihr seine Dienste als Reisejournalist an. Darcy gibt ihm tatsächlich eine Chance: Gulliver soll über seine ausgedehnten Reisen in Mexiko einen Reiseartikel schreiben. Dieser war in Wahrheit aber noch nie in Mexiko und trägt aus Reiseführern und Internetartikeln die nötigen Informationen aus zweiter Hand zusammen, um einen Artikel verfassen zu können.
Überraschenderweise beeindruckt sein Reisebericht Darcy so sehr, dass sie ihm den ersten richtigen Auftrag erteilt. Gulliver soll einen Monat lang das Bermudadreieck erforschen und darüber einen Artikel schreiben. Der in der Nautik völlig unbeleckte Gulliver nimmt dennoch an. Gleich nach Reiseantritt gerät sein Boot in einen Sturm und kentert. Doch wie durch ein Wunder überlebt er und erwacht an einem Strand wieder, der von tausenden winzigen Menschlein gesäumt ist. Damit beginnen seine Probleme erst, denn als potenziell gefährlicher Riese ist er in Liliput nicht sonderlich beliebt und macht sich mit dem eitlen General Edward (Chris O’Dowd, „The IT Crowd“) sofort einen mächtigen Feind …
Kulturschock in Liliput
„Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu“ macht von der ersten Sekunde an kein Hehl daraus, sich als federleichte Komödie für alle Altersgruppen zu verstehen. Dementsprechend inszenierte „Monsters vs. Aliens“-Regisseur Rob Letterman eine kraftlose Zurschaustellung moderner Computereffekte, ohne auf eine packende Geschichte Rücksicht zu nehmen. Viele der meist müden Gags ergeben sich quasi automatisch durch Jack Blacks Körperfülle, die ausgiebig thematisiert wird.
Großer Wert wird einmal mehr auf popkulturelle Referenzen gelegt. Egal, ob passend oder nicht: Auf Teufel komm raus wird die US-amerikanische Kultur geplündert, seien es Popsongs, Coca-Cola, iPhones oder Filme. Was beispielsweise in „Shrek“ noch halbwegs erfrischend wirkte, auch, weil es nicht bis zum Überdruss ausgewälzt wurde, ist inzwischen zu einer nervigen Selbstverständlichkeit avanciert, ohne die kaum eine Komödie noch ihr Auslangen findet.
Als Kulturschock entpuppen sich Jack Blacks Mitbringsel aus einer weitaus moderneren Welt nur kurz. Denn schon bald wippt fast ganz Liliput im Takt von Rocksongs und erfreut sich an Theaterdarbietungen von „Star Wars“ und „Titanic“. Einzig und allein General Edward – mit lustvoller Übertreibung von Chris O’Dowd verkörpert – ist mit der Aufgabe jeglicher Tradition nicht einverstanden, was ihn wiederum zum formellen Bösewicht macht.
Iron Man? Yes, he can!
Der eitle Antagonist rächt sich am verhassten Eindringling, der ihm indirekt die geliebte Prinzessin (Emily Blunt) abspenstig macht, durch die Konstruktion eines „Iron Man“-würdigen Kampfanzugs. Wie eine dermaßen überragende Technologie in einem mittelalterlichen Königreich überhaupt existieren kann, wenn bereits ein Brand zur unlösbaren Aufgabe für die Liliputaner ausartet, ist unerheblich. Immerhin sind die Winzlinge auch imstande, Gulliver innerhalb kürzester ein riesiges, ansehnliches Apartment am Meer zu errichten.
Mit Jonathan Swifts kluger Satire auf das britische Königreich hat „Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu“ nur noch wenig gemeinsam. Fast mutet es bizarr an, dass eine der wenigen direkten Referenzen an Swifts literarische Vorlage die Löschung eines Großfeuers mittels Gullivers Urinstrahl betrifft. Hingegen wird etwa die Reise ins Land der Riesen, Brobdingnag, eher beiläufig angerissen und dient lediglich dazu, Jack Black in Puppenkleidern präsentieren zu können. Ein für Kinder möglicherweise ungemein witziger Anblick. Bei erwachsenen Zuschauern dürften eher die Augen rollen.
Spezialeffekte triumphieren über Story
Im Zentrum des Films stehen ganz klar die Spezialeffekte, wobei deren Qualität nicht immer dem höchsten technologischen Stand entspricht. Der Story fällt kaum irgendeine Gewichtung zu. Völlig spannungs- und einfallslos wird eine bereits unzählige Male zuvor erzählte Liebesgeschichte inszeniert, die ebenso vorhersehbar wie langweilig ausfällt. Daran, dass Gulliver sein Herzblatt gewinnen und mental gestärkt aus seinem Abenteuer hervorgehen wird, besteht natürlich auch von Anfang an kein Zweifel. Weshalb dies allerdings dermaßen konfliktfrei und rasch vonstatten gehen muss, dürfte ein Geheimnis von Regisseur Letterman bleiben.
„Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu“ ist eine zu Zelluloid gewordene Befindlichkeitsschau modernen Mainstreamkinos: Erprobte Gags neu aufwärmen, bekannte Schauspieler verpflichten und bloß nicht fordern, ein möglichst breites Publikum ansprechend und deshalb eine simple und vorhersehbare Story erzählen. Und natürlich jedem Trend hinterher hecheln, in gegenständlichem Falle der 3D-Boom. Ob all dies Charme und Atmosphäre besitzt, witzig ist oder noch viele Jahre später irgendjemanden begeistern könnte, ist unerheblich.
Der Moment und der schnelle Dollar bzw. Euro sind alles, was zählt. Aus dieser Perspektive betrachtet hat „Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu“ alles richtig gemacht. Ob es dem an originellen und berührenden Storys interessierten Zuschauer gefällt, steht freilich auf einem anderen Blatt.
Originaltitel: „Gulliver's Travels“
Regie: Rob Letterman
Produktionsland und -jahr: USA, 2010
Filmlänge: ca. 90 Minuten
Verleih: 20th Century Fox
Deutscher Kinostart: 10. Februar 2011
FSK: ab 6 Jahren
Offizielle Website: www.gulliversreisen-derfilm.de
