
- Lübeck - Ein literarisches Porträt - Wachholtz-Verlag
Wer die Worte Literatur und Lübeck hört, wird schnell an den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und die "Buddenbrooks" im Lübeck des 19. Jahrhunderts denken. Auch Heinrich Manns "Professor Unrat" spielt in der Hansestadt. Tatsächlich wird der Schriftstellerfamilie Mann in der Anthologie "Lübeck - Ein literarisches Porträt", Literatur aus und über Lübeck, ein eigenes Kapitel gewidmet. Doch auf rund 250 Buchseiten gibt es viele weitere Schätze zu entdecken - beginnend im 18. Jahrhundert, geschrieben von Dichtern und Autoren, deren Namen wohlvertraut sind, und solchen, die weniger bekannt sind. Ganz kurze Texte, wie "die silhouette von Lübeck" von Reiner Kunze, oder auch Romanauszüge, wie "Man weiß nicht, was noch werden mag" aus Hans Falladas."Die Stunde, eh' du schlafen gehst".
Die Manns - Viktor, Klaus, Heinrich, Katia, Thomas, Erika, Michael und Frido Mann
Zwei Frauen und sechs Männer aus mehreren Generationen der berühmten Schriftstellerfamilie kommen mit ihren Texten zu Wort. Katia Mann etwa mit ihren auf eineinhalb Seiten wiedergegebenen "ungeschriebenen Memoiren", die unter anderem einen Einblick geben in die Frage der Wohnverhältnisse einer großen Familie. Oder Michael Manns Sichtweise über "Schuld und Segen im Werk Thomas Manns", am 6. Juni 1975 als Festvortrag gehalten anlässlich des 100. Geburtstages von Thomas Mann.
Sechs weitere Kapitel und Titel, die neugierig machen:
- Panorama - von Mascha Kalékos Limerick über Lübeck bis hin zu dem "Versuch, das Holstentor zu Lübeck im Geiste etwas anzuheben" von Jonas Geist, ein amüsantes und detailreiches Porträt rund um das Lübecker Wahrzeichen.
- Die Kinder von Lübeck - darunter ein Romanauszug aus "Alles anständige Menschen" von Michael Holzner oder ein Auszug aus "Hitler kam aus der Dankwartsgrube (und kommt vielleicht mal wieder - Eine Kindheit in Deutschland) von Rolf Winter.
- Dichterleben - von besonderer Bedeutung ist hier der gebürtige Lübecker Emanuel Geibel, einer der meistgelesenen deutschen Lyriker seiner Zeit, der mit seiner Epistel über Travemünde vertreten ist.
- Seeluft - die schnupperte beispielsweise Richard Wagner "Unterwegs nach Riga", bei einer Reise, die in Lübeck begann. Dieser kurze Text zeigt eindrücklich, wie sehr die deutsche Sprache sich doch verändert hat.
- Geschichte einer Stadt - Doris Runge setzt einer süßen Institution ein Denkmal mit ihrem kurzen Gedicht "café niederegger". Gunter Grass darf als weiterer Lübecker Literaturnobelpreisträger nicht fehlen . Die Herausgeber haben seinen Text "Der Fuffzigerschwindel" für die Anthologie ausgewählt. Und selbst Märchenhaftes ist zu finden: "Rebundus im Dom zu Lübeck" von Jacob und Wilhlem Grimm, über Rebundus, den eine weiße Rose als Grabblume unter seinem Sitzkissen in große Aufregung versetzt.
- Das letzte Kapitel trägt den Titel "Damals". Damals machte etwa Hans Christian Andersen einen "Gang durch die Stadt", Hans Franck schrieb üder "Die Pilgerfahrt nach Lübeck" und Theodor Fontane stellt seine "Grete Minde" vor, an deren Seite er das Holstentor glücklich zu Gesicht bekam, unter blau-goldenem Himmel und bei einer Fahrt mit dem Floß.
Mit ganz unterschiedlichen Texten ermöglicht das Buch seinen Lesern und Leserinnen die literarische Begegnung mit der Stadt Lübeck und einiger ihrer Bürger. Es sind romantische Texte darunter und kritische Auseinandersetzungen, sachliche und sehr poetische. Es ist ein Buch geworden, in dem man gern für eine kurze Auszeit blättern wird, um sich einem der Texte und Auszüge zuzuwenden, aber auch ein Buch, in das man sich versenken kann.
Gebürtige oder sesshafte Lübecker und Reisende in Lübeck und Travemünde
Nicht jeder der vorgestellten Dichter und Autoren hat in Lübeck gelebt. Einige kamen als Reisende und waren so beeindruckt, dass sie ihre Impressionen zu Papier brachten. Travemünde kommt dabei als beliebtes Seebad eine besondere Bedeutung zu. Neben Reisebeschreibungen präsentiert die Anthologie Essays, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Romanauszüge, Erzählungen und Gedichte. So vielfältig wie die Textgattungen sind die Schreiber und ihre Ansichten von einer Stadt, deren Zauber sich auch heute kaum ein Besucher entziehen kann.
Dichterworte aus Lübeck lassen Bilder und Stimmungen in Leserköpfen entstehen
Bis auf den historischen Stich auf dem Buchcover gibt es keine Abbildungen in dieser Sammlung. Bilder aber entstehen in den Köpfen der Leser, die sich auf diese vielfältige literarische Reise quer durch die Jahrhunderte und durch die Stadt der Kirchen, Tore und Türme, Gassen und Gänge einlassen, die für Stunden der Muße auf den Spuren vieler Dichterinnen und Dichter wandeln, die einer unverwechselbaren Stadt in Tradition und Moderne ihren Stempel aufgedrückt haben.
Herausgeber und Förderer der Lübecker Anthologie
Gregor Gumpert, Jahrgang 1962, ist Literaturwissenschaftler. Neben seinen Gastprofessuren ist er als Herausgeber und Ausstellungskurator im Bereich Literatur tätig. Ewald Tucai, Jahrgang 1963, ist freier Architekt, Ausstellungsgestalter und Herausgeber im Bereich Literatur und Kunst. Beide Herausgeber leben in Berlin.
Drei Förderer leisteten ihren Beitrag zum Erscheinen des Buches:
- Possehlstiftung Lübeck
- Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck
- Literaturhaus Schleswig-Holstein e. V.
Gregor Gumpert, Ewald Tucai, Ein literarisches Porträt, Wachholtz-Verlag 2011, gebunden mit Schutzumschlag, 255 Seiten, 19,90 Euro
