Gustav Stille - Antisemit im dt. Kaiserreich

Ein unbekannter Ideengeber Adolf Hitlers

Buchcover  - http://www.amazon.de/Kampf-gegen-das-Judenthum-Kai
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Rezension zu Hans- Jürgen Döscher, „Kampf gegen das Judenthum". Gustav Stille (1845- 1920). Antisemit im deutschen Kaiserreich, Berlin 2008.

Zu den ideengeschichtlichen Wurzeln des Nationalsozialismus und zu den Quellen von Adolf Hitlers Weltanschauung liegt mittlerweile eine umfängliche Forschungsliteratur vor. Zumeist hat sie aber nur die rassentheoretischen und völkischen „Klassiker“ des späten 19. Jahrhunderts im Blick, so zuletzt vor allem Paul de Lagarde, Houston Stewart Chamberlain und Theodor Fritsch. Die völkischen Publizisten der zweiten und dritten Reihe werden dagegen häufig als marginale und exotische Figuren abgetan, obwohl die Auswertung ihrer Lebensläufe und Schriften die Entdeckung neuer Quellen und überraschender Rezeptionswege verspricht. Das zeigt Hans-Jürgen Döschers Studie am Beispiel des niedersächsischen Antisemiten Gustav Stille (1845- 1920).

Herkunft Gustav Stilles

Als Sohn einer niedersächsischen Pastorenfamilie studierte Stille Medizin in Tübingen und Kiel, bevor er sich als praktizierender Arzt in Ihlienworth (1872) und später in Stade (1903) niederließ. Wegen seiner Dienste als Militärarzt wurde er 1904 zum Sanitätsrat und 1918 zum Geheimen Sanitätsrat ernannt. Bereits seit Anfang der 1880er Jahre stand Stille mit antisemitischen Kreisen in Verbindung. In den 1890er Jahren schloss er sich der Deutsch- Socialen Partei (DSP) an, für die er als Obmann in der Provinz Hannover fungierte und Propagandaschriften verfasste beziehungsweise herausgab. Darüber hinaus betätigte er sich erfolgreich als niederdeutscher Heimatschriftsteller. Noch 1949 (!) wurde in Hamburg eine Straße nach dem „Heimatdichter“ Stille benannt.

Vom Nationalliberalen zum Antisemiten

Stilles Weg in den Antisemitismus ist – gemessen an der Rosenbergschen Krisentheorie – geradezu ein klassischer Fall. In einem Briefwechsel mit dem Sozialistenführer Karl Kautsky (1854- 1938) bekannte Stille, er sei zuerst Nationalliberaler gewesen. Der „Gründerschwindel“ und die „Große Depression“ hätten ihn aber zu der Erkenntnis geführt, dass die „soziale Frage“ nur durch die Bekämpfung des „jüdischen Kapitalismus“ gelöst werden könne. Liberalismus und Kapitalismus seien jüdische Erfindungen zur Ausbeutung Deutschlands. Hier wird der Einfluss Otto Glagaus (1834- 1892) überdeutlich, für dessen Zeitschrift Kulturkämpfer Stille auch tatsächlich Beiträge lieferte.

Vom Neo- Malthusianismus zur Lebensraumideologie

Dass Stille eine deutliche politische Kehrtwende vollzogen hat, belegt ein Blick auf seine bevölkerungspolitischen Schriften Ende der 1870er Jahre. In ihnen vertrat er neo- malthusianische Thesen und plädierte für die Beschränkung der Geburtenzahl, um Hungerlöhne in der Industrie und Erbteilung in der Landwirtschaft abzuwenden. Wie einst der britische Ökonom Thomas Robert Malthus (1776- 1834) forderte er die Angleichung des Bevölkerungswachstums an den angeblich eng begrenzten Nahrungsmittelspielraum. Diese Position revidierte Stille in den 1890er Jahren und forderte nun stattdessen die Gewinnung von Lebensraum im Osten für die germanische Rasse.

Rassenantisemitismus

Auch die „Judenfrage“ war aus Stilles Perspektive eine Rassenfrage. Der Antisemitismus sei eine natürliche Abwehrreaktion der arischen Völker gegen die ewigen und unveränderlichen Wesensmerkmale der Juden. Über diese „Wesensmerkmale“ wollte Stille in seinem Hauptwerk Der Kampf gegen das Judenthum (1891, 8 Auflagen bis 1912) aufklären, um seine Leser vom gefühlsmäßigen zum vernunftmäßigen Antisemitismus zu führen. Zu diesem Zweck präsentierte Stille die komplette Palette der zeitgenössischen Vorurteile, Stereotype und Feindbilder kompiliert aus den Schriften anderer Antisemiten (Naudh, Marr, Glagau, Lagarde, Fritsch). Letztendlich wurde „der Jude“ zum universalen Feind erklärt, der alle Verwerflichkeiten der westlichen Moderne (Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie, Urbanisierung, Massenpresse und so weiter) erfunden habe, um sie zur Vernichtung des Deutschtums einzusetzen. Zur Lösung der „Judenfrage“ empfahl Stille eine Kombination aus Sozialreformen und Ausnahmegesetzen gegen Juden, was dem Programm der DSP punktgenau entsprach. Bemerkenswert ist, dass Stille sein Werk in der Auflage von 1912 nochmals radikalisierte, indem er die Rassentheorien von Gobineau und Chamberlain einarbeitete und politische Gewalt nicht mehr ausschloss.

Lebensreform als biopolitische Aufrüstung

Um sich für Rassenkampf und Lebensraumpolitik biopolitisch zu stärken, plädierte der Mediziner Stille in Fritschs Zeitschrift Hammer für ein lebensreformerisches Programm. Die Abstinenz von Alkohol, Fleisch, Kaffee und Tabak sowie die Erhaltung des erdverbundenen Bauerntums sollen den Volkskörper für die zukünftigen Aufgaben wappnen. Auch die Rassenzuchtpläne Willibald Hentschels (1858- 1947) unterstützte Stille.

Rezeption im Kaiserreich

Zur Rezeption von Gustav Stilles Schriften im Kaiserreich hat Döscher leider nur wenige Quellen ausfindig gemacht. Auch ist ihm entgangen, dass der niedersächsische Antisemit in einem Verlag publizierte, der dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband (DHV), der größten Angestelltengewerkschaft des Reiches, angeschlossen war. Daher könnte Stilles Leserkreis bereits im Kaiserreich größer gewesen sein als Döscher vermutet.

Rezeption im Nationalsozialismus

Über den Göttinger Arzt und Hannoveraner Gauleiter Ludolf Haase hat Stilles Gedankengut unmittelbar die frühe NSDAP geprägt. Für Adolf Hitler lässt sich eine Rezeption nicht eindeutig nachweisen, in jedem Fall dürfte Hitler über Fritschs Handbuch der Judenfrage und die Zeitschrift Hammer mit Stilles Schrifttum in Kontakt gekommen sein. Zutreffend weist Döscher auf die frappierenden Übereinstimmungen der frühen Reden und Schriften Hitlers mit Stilles Auslassungen hin, die sich zum Teil sogar bis in einzelne Formulierungen verfolgen lassen. Besonders gilt dies für die Gegenüberstellung von Gefühlsantisemitismus und Vernunftantisemitismus, für die Schlagwörter „national“ und „sozial“, die Ablehnung des Malthusianismus aus rassenpolitischen Gründen und die Forderung nach Lebensraum im Osten.

Die sich hier aufdrängende Frage nach Kontinuität und Diskontinuität im deutschen Antisemitismus beantwortet Döscher leider nicht eindeutig. Als Beleg für die Tradition eines spezifisch deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ will er seine Befunde nicht verstanden wissen. (S. 114) Die Abgrenzung zu Goldhagen wirkt allerdings inkonsequent, wenn der Autor nur zwei Seiten weiter behauptet, die Nationalsozialisten hätten „während des Zweiten Weltkriegs vollzogen, was schon lange zuvor angelegt war, unter anderem in Stilles Schriften“. (S. 116)

Literarische Quellen?

Eine Forschungslücke bleibt in Döschers Studie offen. Der Autor hat nur Stilles politisches, nicht jedoch sein literarisches Schrifttum ausgewertet. Dabei ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass sich völkisches Gedankengut seit dem späten 19. Jahrhundert nicht nur über weltanschauliche Programmschriften, sondern auch und gerade über belletristische Werke verbreitete. Hier ist insbesondere die enge Verbindung zwischen Rassenantisemitismus und Heimatkunstbewegung, verkörpert zum Beispiel durch Julius Langbehn (Stilles Studienfreund!), Friedrich Lienhard, Adolf Bartels und Max Bewer, zu nennen. In dieser Tradition stand auch Gustav Stille.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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