Fragt man, wer wann den ersten bemannten Flug mit Motorkraft durchgeführt hat, wird einem heutzutage jedes Kind antworten, dass dies die Gebrüder Wright waren – und zwar im Jahre 1903. Forscht man jedoch genauer nach, stellt man fest, dass es doch erhebliche Zweifel an dieser "historischen Tatsache" gibt
Zwei Deutsche Flugpioniere: Karl Jatho und Gustav Weißkopf
Wenig bekannt ist, dass einige Monate vor den Gebrüder Wright ein Hannoveraner fast so etwas wie einen Motorflug durchführte. Tatsächlich hob die Maschine bei den Flugversuchen von Karl Jatho kurzzeitig vom Boden ab. Der Flugpionier selbst hielt diesen Luftsprung aber offenbar nicht für einen „richtigen“ Flug, er vermutete unter anderem, dass sich seine Maschine nur durch das Gefälle der Startbahn ein wenig vom Boden erhoben hatte und beanspruchte auch nie, den ersten Motorflug der Welt durchgeführt zu haben.
Es spricht aber einiges dafür, dass ein anderer Deutscher als erster Mensch mit Motorkraft geflogen ist: Gustav Weißkopf aus dem Städtchen Leutershausen in Franken, das unweit von Ansbach liegt. Für seinen bereits mehr als zwei Jahre vor den Versuchen der Gebrüder Wright durchgeführten Motorflug soll es einige Belege geben.
Ein Schulbub experimentiert mit Fluggeräten und wird Seemann
Gustav Weißkopf wurde 1874 in dem kleinen mittelfränkischen Städtchen geboren. Schon als Schulbub interessierte er sich stark für den Vogelflug und stellte Versuche mit selbst gebastelten Flugmodellen an, was ihm den Spitznamen „Der Flieger“ einbringt.
Nachdem er mit 13 Jahren Vollwaise geworden ist, lernt Gustav Schlosser. Als Geselle geht er nach Hamburg und wird dort shanghait, also entführt und in den Dienst als Seemann gepresst. Nach dem er jahrelang zur See gefahren ist, wandert er zunächst nach Brasilien aus, wo es ihm offenbar nicht gefällt. Er landet schließlich in den USA, wo er seinen Namen zu Gustave Whitehead anglisiert und den Rest seines Lebens verbringt.
Flugzeugbauer in Boston und Bergmann in Pittsburgh
Schon 1897 befasst sich Weißkopf in Boston mit dem Bau von Segelflugzeugen. Aber sein eigentliches Ziel ist der motorgetriebene Flug. Im Jahr 1899 – er ist inzwischen nach Pittsburgh übersiedelt und verdient sein Geld in einer Kohlengrube – wagt er einen Flug mit einem dampfbetriebenen Flugzeug, der aber an einer Hausmauer endet. Sein Copilot und Arbeitskollege Louis Darvarich, der im hinteren Teil der Maschine den Kessel heizte, wird dabei schwer verletzt. Er bestätigt diesen Flug 1934 durch eine eidesstattliche Erklärung.
1900 findet man den rührigen Franken und Wahlamerikaner Whitehead in Bridgeport, Connecticut wieder. Hier gelingt ihm nach Zeitungsberichten auch der erste Motorflug und zwar am 14. August 1901. Bezeugt wurde dieses Ereignis unter anderem von dem Sonntagsblatt „Bridgeport Herald“ in der Ausgabe vom 18. August desselben Jahres.
Gestohlener Ruhm?
Wenige Menschen wissen heute etwas über Gustave Whitehead alias Gustav Weißkopf, den mutmaßlich ersten Motorflieger der Welt. Wie bereits erwähnt, gelten die Gebrüder Wright als die Erbauer des ersten funktionstüchtigen Motorflugzeuges. Doch wieso fiel dieser Ruhm nicht Gustav Weißkopf zu?
Die Verfechter der These, dass der Leutershausener Amerikaner als erster Mensch geflogen sei, führen vor allem an, dass dies auf Machenschaften des Smithsonian Institutes zurückzuführen sei: Auf der Website der Flughistorischen Forschungsgemeinschaft Gustav Weißkopf (FFGW) kann man nachlesen, dass sich das Smithsonian Institute bis heute einer objektiven Erforschung der Frage entgegenstelle.
In der Tat klingen die allgemein geäußerten Begründungen für die Nichtanerkennung der Flüge von Gustav Weißkopf etwas dünn und an den Haaren herbeigezogen: Vor allem wird damit argumentiert, dass kein Foto von den Flügen (es waren wahrscheinlich mehrere) vom 14.08.1901 existieren. Es gibt jedoch den erwähnten Zeitungsartikel, der den Herausgeber des Blattes selbst als Augenzeugen nennt und noch eine ganze Reihe weitere.
Möglicherweise war Gustav Weißkopf einfach nicht Geschäfts- und Werbemann genug, seine technischen Erfolge ins richtige Licht zu rücken und wurde deshalb untergebuttert, wozu die Aversionen der Amerikaner gegen Deutsche in der Zeit des Ersten Weltkrieges ein übriges taten. Fest steht jedoch, das Gustav Weißkopf ein außergewöhnlicher Mann und exzellenter Maschinenbauer war, der die Ehrungen mehr als verdient hat, welche ihm heute nicht nur von seiner Heimatstadt zuteil werden.
