
- Anke Jelassi - Anke Jelassi
Früher war alles einfach: Der Herr hielt der Dame die Tür auf und zahlte im Restaurant die Rechnung. Und heute? Die Sache mit der Gleichberechtigung kann schon mal zu Unsicherheiten führen, meint Benimm-Expertin Anke Jelassi und beantwortet die wichtigsten Fragen zu Stil und Etikette im Jahre 223 nach Knigge.
Suite101: Frau Jelassi, lässt der Herr der Dame in Zeiten der Gleichberechtigung noch den Vortritt?
Anke Jelassi: Am Arbeitsplatz herrscht in Sachen Höflichkeit völlige Gleichheit. Und obwohl die Sonderbehandlung der Frau im Job aufgehoben ist, kommt sie immer noch vor: Ist ein Kunde ein Kavalier der alten Schule, kann es sein, dass er ein Problem damit hat, wenn seine Geschäftspartnerin ihm den Vortritt lässt. Viele Frauen freuen sich zwar über höfliche Gesten, dennoch ist im Job ist Zurückhaltung angebracht: Frau kann nicht als erfolgreiche Managerin auftreten und sich gleichzeitig von allen Seiten hofieren lassen.
Suite101: Im Berufsleben gibt es zumindest einige Regeln, wie sieht es aber im privaten Umfeld aus?
Anke Jelassi: Zugegeben: Für einen Mann ist es nicht immer leicht, die Lage richtig einzuschätzen. Will er die Frau zu ihrem Schutz zur Haustür begleiten, betrachtet sie das vielleicht als zu intim. Zahlt er immer die Rechnung, fühlen sich manche Frauen in ihrer Selbstständigkeit angegriffen. Doch die Frage, wer zahlt, lässt sich regeln, bevor peinliche Situationen entstehen. Einladungen sollten vor dem Essen deutlich ausgesprochen werden. Möchte sich der Gast revanchieren, kann er vorschlagen, später auf seine Kosten noch etwas trinken zu gehen. Und dabei ist es egal, ob der Herr die Dame oder die Dame den Herrn einlädt.
Suite101: Ist es inzwischen altmodisch, für eine Frau die Autotür zu öffnen?
Anke Jelassi: Nein, absolut nicht. Es bleibt eine höfliche Geste, für Beifahrer die Autotür zum Einsteigen zu öffnen. Die alte Regel ist sogar erweitert worden: Die Frau als Gastgeberin sollte einem Mann gegenüber genauso handeln. Allerdings nur, wenn dadurch kein Verkehrsteilnehmer gefährdet wird. Sicherheit geht vor Höflichkeit. Dieser Satz gilt für Männer ebenso.
Suite101: Wer steht bei einer Begrüßung eigentlich noch auf?
Anke Jelassi: Herren sollten in solchen Situationen immer aufstehen. Diese alte Regel ist unverändert. Der Satz: „Eine Dame bleibt zur Begrüßung eines Herrn immer sitzen", gilt hingegen nicht mehr uneingeschränkt. Im Berufsleben stehen Frauen heute genauso auf wie Männer. Im privaten Bereich entscheidet jede Frau selbst, ob sie aufstehen möchte. Viele moderne Frauen tun dies bereits seit Jahren. Sie möchten auf derselben Gesprächsebene mit dem zu begrüßenden Mann sein.
Suite101: Wer geht denn nun die Treppe zuerst hinauf, die Dame oder der Herr?
Anke Jelassi: „Ein Herr darf die Fesseln einer Dame nicht sehen" – diese Zeiten sind in Deutschland vorbei. Heute geht der weibliche oder männliche Gast vor dem Gastgeber oder der Gastgeberin die Treppe hinauf und nach ihm oder ihr hinunter. Damit für den Fall des Falles Schutz geboten ist.
Der Schutzgedanke kommt übrigens auch zum Tragen, wenn die einladende Person als erste das Restaurant betritt. Auf geschütztem, übersichtlichem Terrain geht ein Gast zuerst, so ist auch das Betreten eines Aufzugs geregelt. Ist beim Durchqueren eines Raums genügend Platz, geht der Begleiterschutz links vom Gast: links schützt rechts.
Suite101: Wie verhält es sich, wenn Dame und Herr gemeinsam auf dem Bürgersteig gehen. Gilt auch hier „links schützt rechts“?
Anke Jelassi: Im Privatleben schützt der Mann die Frau und geht an der befahrenden Straßenseite, das kann also einmal links und einmal rechts sein.
Suite101: Wer bestellt im Restaurant? Spricht nur der Mann mit dem Kellner?
Anke Jelassi: Es bestellt derjenige, der am Abend die Regie führt – egal, welchen Geschlechts. Da heißt: Wer zahlt, bestellt auch. Lädt also die Dame ein, dann bestellt sie auch für ihre Gäste. Lädt der Herr ein, bestellt er und übernimmt im Anschluss auch die Rechnung.
Suite101: Wie begleiche ich diskret die Rechnung?
Anke Jelassi: Wenn Sie der Frage „Wem darf ich die Rechnung bringen?" zuvorkommen wollen, sagen Sie als Gastgeber dem Kellner schon vorher Bescheid. Damit vermeiden Sie die Situation, die Rechnung an den Tisch gebracht zu bekommen. Sie entschuldigen sich kurz bei Ihren Gästen und begleichen die Rechnung außer Sichtweite direkt und diskret beim Kellner.
Suite101: Das Essen ist bezahlt, man möchte gehen. Sollte der Herr der Dame nun den Mantel an den Tisch bringen und ihr hinein helfen?
Anke Jelassi: Je nach Örtlichkeit bringt der Mann den Mantel an den Tisch oder die Frau geht mit zur Garderobe. Auf jeden Fall sollte der Herr der Dame in den Mantel helfen und dies nicht dem Ober überlassen. Außerdem zieht sich der Herr zuerst den eigenen Mantel an, damit die Dame nicht zu lange im warmen Mantel steht.
Suite101: Bei Essenseinladungen gibt die Gastgeberin das Signal zum Essensbeginn, indem sie mit einem Blick in die Runde zum Besteck greift. Darf heutzutage auch der Gastgeber dieses Zeichen geben?
Anke Jelassi: Nur wenn es keine Gastgeberin gibt oder diese ihre Aufgabe versäumt wahrzunehmen. Oder wenn der Gastgeber im Mittelpunkt steht, spricht er, hat zum Beispiel ins Restaurant eingeladen anlässlich seines 60. Geburtstages. Wenn er diese Feier jedoch im eigenen Heim durchführt, wäre wieder die Gastgeberin am Zuge.
Suite101: Frau Jelassi, vielen Dank für das Gespräch!
