Häftlinge in Oldenburg im Ersten Weltkrieg

Ernährung und Gesundheitsstand der Strafgefangenen weitgehend stabil

Während die Insassen geschlossener Anstalten im Ersten Weltkrieg oft von Mangelerkrankungen bedroht waren, blieb die Versorgungslage im Oldenburger Gefängnis recht gut.

Unterernährung und gesundheitlicher Verfall des Ersten Weltkrieges betrafen insbesondere die Insassen geschlossener Anstalten, weil sie in der Regel gänzlich von ihren geringen Rationen abhängig waren. Deshalb zählten etwa Strafgefangene zu den hochgradig von Unterernährung, Mangelerkrankung und Hungertod bedrohten Bevölkerungsgruppen. Ein im Zuge von Rationierung, Rationensenkung und Qualitätsverlust zwangsläufig auftretender Gewichtsverlust bis hin zu Fällen von ausgesprochener Unterernährung zeigte rasch erhebliche, gesundheitliche Folgeerscheinungen unter vielen Strafgefangenen. Schon Anfang 1916 traten „in einzelnen Anstalten Ödeme auf“, und in „manchen geschlossenen Anstalten erkrankten Ende 1916 und Anfang 1917 bis zu einem Viertel der Belegung an Ödemen mit einer Mortalität von etwa 50 v.H.“ (Max Rubner, Der Gesundheitszustand). In der Haftanstalt der Residenzstadt Oldenburg jedoch gelang es, die Hungerkrise einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Gute Ernährungslage in den Kriegsjahren 1914/1915

Die Häftlinge in der Haftanstalt Oldenburg setzten sich aus Strafgefangenen, die längere Haftzeiten zu verbüßen hatten, und Untersuchungsgefangenen beziehungsweise vereinzelten Polizeigefangenen zusammen. Gleichwohl war ein erheblicher Teil der Häftlinge während des Krieges für längere Zeit auf die Anstaltskost angewiesen. Ab dem 1. Mai des Jahres sank die tägliche Schwarzbrotration für Männer von bislang 650 g auf 300 g. Die Schwarzbrotration für Frauen wurde von 500 g auf 230 g reduziert. Der Ausfall konnte allerdings durch eine Erhöhung der Anteile von Milch, Fett, Kartoffeln und Grütze kompensiert werden. Außerdem verblieb den Häftlingen das Recht, zusätzliche Lebensmittel anzukaufen. 99 Untersuchungshäftlinge und sechs Strafgefangene, die über einen kleinen Arbeitsverdienst verfügten, machten hiervon Gebrauch. Insgesamt scheinen die veränderten Ernährungsbedingungen in der Haftanstalt von Seiten der Gefangenen akzeptiert worden zu sein. Ja, ein preußischer Häftling zeigte sich nach Lage der Akten sogar „begeistert über die Verhältnisse in Oldenburg im Vergleich zu denen in Preussen und in Holland, sowohl was die Kost als auch was die Behandlung durch das Personal anging“.

Brotmangel im Kriegsjahr 1916 konnte ausgeglichen werden

Im Frühjahr 1916 war die Versorgungslage aber deutlich angespannter. Insbesondere die Brotknappheit wurde von den Gefangenen schwer empfunden, obwohl sie, wie es in den Akten heißt, zumeist einsahen, „daß man sich angesichts des Krieges bescheiden müsse“. Der Brotmangel konnte allerdings weitgehend ausgeglichen werden, mit Hafermehl und Hafergrütze etwa, „so daß die Ernährung der Gefangenen nicht schlechter wurde“ und Klagen über die Ernährung die Ausnahme blieben. Entsprechend galt auch der Gesundheitszustand der Gefangenen als gut. Zwar zeigt der Jahresbericht bei einem geringfügigen Rückgang der Verpflegungstage einen deutlichen Anstieg der Krankmeldungen, die jedoch durchweg leichterer Art waren. Nur in einem einzigen Fall wurde eine Hospitalüberweisung notwendig.

Mangelerkrankungen auch im „Steckrübenwinter“ nicht zu verzeichnen

Im weiteren Verlauf des Krieges erschwerten sich die Versorgungsbedingungen erheblich, insbesondere durch die Mangellage des Winters 1916/17 und die Reduzierung der Brotration auf 250 g. Die Gefängnisverwaltung konnte die Ausfälle aber offenbar mit Hilfe ihres findigen Lebensmittellieferanten kompensieren: Käse, Eier und Kunsthonig ersetzten das fehlende Brot. Zudem ließ die Anstalt für Notfälle noch Steckrüben und Kohl in Fässern einmachen. Der dringendste Mangel konnte durch Steckrüben ausgeglichen werden, die in der Heizungsanlage des Gefängnisses getrocknet wurden, was offenbar recht gut funktionierte. Der Gesundheitsstand der Gefangenen blieb weitgehend stabil und insbesondere verzeichnen die Akten keinerlei Erkrankungen durch Unterernährung. Und selbst im letzten Kriegsjahr gelang es der Haftanstalt Oldenburg noch, die Hungerkrise einigermaßen zu umschiffen. Zwar erhielten die Gefangenen Brot, Fleisch, Fett und Kartoffeln nur im Umfang der offiziellen Rationen, die nicht zum Überleben ausreichten, aber zusätzliche Mengen an Graupen, Grütze, Haferflocken und Gemüse konnten den Mangel ausgleichen. Zwar machte sich insbesondere der Brotmangel bemerkbar, zumal bei all jenen Gefangenen, die ausschließlich auf die rationierte Anstaltskost angewiesen waren. Doch immerhin konnte sich eine „große Zahl von Gefangenen“ zusätzliche Lebensmittel von ihren Angehörigen beschaffen, so dass sich die knappen Rationen für die Masse der Inhaftierten offenbar hinreichend ergänzen ließen.

Literaturhinweis

Max Rubner, Der Gesundheitszustand im Allgemeinen, in: F. Bumm, Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, 1. Halbband, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1928

Quellenhinweis

Staatsarchiv Oldenburg, Bestand Nr. 133, Ministerium der Justiz, hier: Aktenbestand Haftanstalt.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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