
- Haiti: 150 Millionen Goldfrancs wert - Dieter Schütz / pixelio.de
“Hand in Hand, Schulter an Schulter werden wir Haiti ändern. Wir werden dieses Land wiederherstellen“, versprach der neue Präsident des Landes, der Konpa-Musiker Michel Martelly bei seiner Amtseinführung. „Wir müssen diese Erniedrigung beenden, immer unsere bettelnde Hand für Hilfe auszustrecken.“
Amtseinführung des neuen Präsidenten
Weil das Parlamentsgebäude, der Regierungspalast und die Kathedrale bei dem Erdbeben letzten Jahres, in dem 300.000 Menschen starben, zerstört worden waren, musste die Feier unter einem Provisorium, das in die blau-rote Flagge Haitis gewickelt war, stattfinden. Immer noch leben Tausende in Zelten, der Wiederaufbau verläuft nur langsam. Und während die Welt nach dem verheerenden Tsunami 2004 Indonesien mit Milliarden an Hilfsgeldern überschüttete, die zur Hälfte in die Taschen korrupter Politiker und Bürokraten flossen, fließt die ausländische Hilfe für das ärmste Land der westlichen Hemisphäre mit 80 Prozent Analphabeten nur zögerlich. Es erscheint wie ein Beweis der anhaltenden Rache des Weißen Mannes an den Schwarzen, die einst unverfroren genug gewesen waren, ihren weißen Herren die Stirn zu bieten.
Erste US-Intervention auf der Insel
Haiti oder Saint Domingue, wie es damals hieß, war 1798 noch nicht einmal ein Staat, als die Vereinigten Staaten zum ersten Mal intervenierten. Der vormalige Sklave Toussaint Louverture führte in der einträglichsten französischen Kolonie den einzigen erfolgreichen Sklavenaufstand der Geschichte. Seine Truppen hatten den Hafen von Porto Plata genommen. Die USA schickten ein Kommando, das ein im Hafen liegendes französisches Schiff kaperte, „um diese Krankheit (die Abschaffung der Sklaverei) auf diese Insel zu beschränken“, wie der Sklavenhalter und US-Vizepräsident Thomas Jefferson sagte. „Solange wir den Schwarzen verbieten, über eigene Schiffe zu verfügen, können wir ihnen erlauben, als Freie zu leben und sogar lukrative Handelskontakte mit ihnen pflegen.“
Erlangung der Unabhängigkeit
Es nützte nichts, die Sklavenarmee und die Malaria besiegten die 50.000 Mann starke französische Armee, die Napoleon geschickt hatte, und erklärten 1804 die Unabhängigkeit Haitis. Diese Schande, dass es nicht Engländer, Preußen oder Russen, sondern Schwarze waren, die napoleonischen Truppen die erste Niederlage beibrachten, scheint ihnen der Weiße Mann nie verziehen zu haben. 200 Jahre lang sollte Haiti dafür bluten und bezahlen.
Embargo und Erpressung
1825 hatte Frankreich Haiti gezwungen, jährliche Zahlungen zu leisten als Kompensation für Profite, die den einstigen Plantagenbesitzern und Sklavenhaltern entgingen, weil sich die Sklaven befreit hatten. Im Gegenzug hoben Frankreich, England und die USA das Embargo auf, das sie seit 1804 über die Republik verhängt hatten, und erklärte sich Paris bereit, Haiti als unabhängigen Staat anzuerkennen. (Die USA erkannten Haitis Unabhängigkeit erst 1862 an, nachdem sich die amerikanischen Südstaaten von der Union getrennt hatten.) Auf 150 Millionen Goldfrancs bezifferten die französischen Buchhalter den Verlust, die alle Wertgegenstände auflisteten, die den einstigen Kolonialisten und dem französischen Staat durch die Revolution verloren gegangen waren. (Gezählt wurden neben immobilen Werten auch die Bevölkerung einschließlich der Verhandlungsemissäre Haitis, die 21 Jahre zuvor als Sklaven ja ebenfalls einen monetären Wert dargestellt hatten.) Während des gesamten 19. Jahrhunderts musste die haitianische Regierung darum immer wieder Kredite zu weit überhöhten Zinssätzen in Frankreich aufnehmen, diese Zahlungen fraßen regelmäßig 70 Prozent aller Deviseneinnahmen des Inselstaates und machten aus der einst reichsten Kolonie Frankreichs das Armenhaus Amerikas. Wenn schlechtes Wetter die Kaffee- oder die Zuckerernte verhagelte, musste Haiti in Frankreich Kredite zum doppelten des üblichen Zinssatzes aufnehmen, um seine Zahlungen auch weiterhin leisten zu können.
Weitere US-Interventionen
Beseelt von Manifest Destiny mischten sich die USA zunehmend in die inneren Angelegenheiten der Staaten Lateinamerikas. „Mehr, mehr, mehr!...Bis unsere nationale Bestimmung erfüllt ist...und der ganze grenzenlose Kontinent unser ist“, hatte der Essayist John L. O’Sullivan 1845 in seinem Hausblättchen, den New York Morning News, geschrieben. 1856, die USA hatten nur wenige Jahre zuvor halb Mexiko an sich gerissen, annektierten sie die zwischen Jamaica und Haiti gelegene Insel Navassa mit ihren wertvollen Guanofundstätten. Ein paar Jahrzehnte später, 1891, blockierte die US-Navy die Küsten Haitis, um die Regierung zu zwingen, den USA die Mole von Saint Nicholas als Marinestützpunkt zu überlassen.
US-Besatzung und Kontrolle
1913 unterstützte das US State Department ein Konsortium amerikanischer Investoren bei der Übernahme der Banque Nationale d’Haiti, die einzige Handelsbank des Landes und gleichzeitig Haitis Finanzbehörde. Im März 1915 reagierte Washington auf Klagen amerikanischer Banken, bei denen Haiti tief verschuldet war, besetzte das Land, machte es zu einem de jure Protektorat der USA und schrieb ihm 1917 eine neue Verfassung. (Franklin D. Roosevelt, damals Undersecretary for the Navy in Präsident Woodrow Wilsons Regierung, betonte später gerne, er persönlich habe diese neue Verfassung geschrieben.) Diese Konstitution schaffte das Verbot fremden Landbesitzes ab – eine der Schlüsselkomponenten des haitianischen Rechts, das sofort nach dem Ende der Unabhängigkeitskämpfe 1804 eingeführt worden war. Als die unter US-Aufsicht gewählte Nationalversammlung dieses Dokument ablehnte und eine eigene schrieb, die dieses Verbot wieder enthielt, wurde sie von der Besatzungsmacht kurzerhand aufgelöst. Die von den USA geschriebene Verfassung wurde 1919 durch ein Plebiszit angenommen, in dem weniger als fünf Prozent der Bevölkerung abstimmten. Dennoch bestätigte das State Department die Rechtmäßigkeit des Plebiszits mit dem Hinweis, dass „die Leute, die abstimmten, ohnehin zu 97 Prozent Analphabeten waren und in den meisten Fällen nicht verstanden, worüber sie abstimmten.“
Nun kontrollierte eine US-Verwaltung die Finanzen und die Politik im Staat und baute einen Marinestützpunkt, um die Seewege zum Panamakanal besser schützen zu können. Haiti’s Präsident wurde der Zutritt zum amerikanischen Offiziersclub in Port-au-Prince untersagt, weil er ein „französisch sprechender Nigger“ war, wie US-Außenminister William Jennings Bryan die Haitianer zu nennen pflegte. Unter der Besatzung war der schwarzen Bevölkerung (90 Prozent, der Rest sind Kreolen) der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt. Gleichzeitig wurden sie von den Marines in Zwangsarbeit beim Straßenbau eingesetzt. Einen Aufstand sogenannter Cacos (Bauernguerillas), die Posten der Besatzungstruppen angriffen, schlugen die Marines mit grausamer Härte nieder. Hunderte Haitianer wurden gefoltert, an Kirchentore genagelt und erschossen.
1934 zogen die USA im Rahmen von Roosevelts Good Neighbor policy ihre Besatzungstruppen wieder ab, behielten aber auch weiterhin die Kontrolle über Haitis Außenhandel, um sicherzustellen, dass das verarmte Land tatsächlich all seine Schulden bezahlte. Erst 1947, nachdem Port-au-Prince die letzte Rate der 150 Millionen Goldfrancs an Paris gezahlt hatte, gab Washington das Finanzwesen an Haiti zurück. In den Jahren um die Jahrtausendwende sollten diese 150 Millionen Goldfrancs wieder das Schicksal und die Zukunft Haitis bestimmen.
Quellen:
- Dubois, Laurent, „Avengers of the New World – The Story of the Haitian Revolution“, Harvard University Press, 2004
- Schmidt, Hans, „The US Occupation of Haiti: 1915-1934“, Rutgers University Press, Chapel Hill, NC
