Georg Friedrich Händels Oper „Alessandro“ wurde vor knapp 286 Jahren in London uraufgeführt und erlebte zahlreiche Wiederaufführungen erst unter Händel, später unter anderen Dirigenten. Dass sie schließlich ein wenig in der Versenkung verschwand, hängt wesentlich mit der aufwendigen Sängerbesetzung zusammen. Händel standen damals zwei Soprandiven der Spitzenklasse zur Verfügung und der berühmteste Kastrat seiner Zeit Senesino, ein Alt. Deren Ansprüche an eigene Arien, Spitzentöne, szenische Präsenz fanden sowohl im Libretto als auch in der Partitur ihren Niederschlag.
Fest schöner Stimmen bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe
Für die Karlsruher Inszenierung wurden zahlreiche Barockspezialisten verpflichtet. Ein Fest schöner Stimmen, die von den Deutschen Händel-Solisten unter der Leitung von Michael Form mit stupender Technik und kraftvollem Klang begleitet werden.
Der Inhalt der Oper ist schlicht und im Übrigen wesentlich schlüssiger als der manch anderer Barockopern: Alexander liebt Rossane. Er bedenkt aber auch Lissaura mit Freundlichkeiten, die eine ist eine Barbarin, die andere eine Sklavin. Beide haben es auf Alexander abgesehen. Eifersüchteleien und Missverständnisse sind die Folge, aber am Ende bekommt Alexander seine Rossane, und Lissaura erhört Tassilo, der sie schon immer liebt. Um Alessandros Hochmut, sich als Sohn des Zeus anbeten lassen zu wollen, dreht sich eine, neben allerlei kriegerischem Tun, dramaturgisch von Librettist Paolo Antonio Rolli geschickt eingefügte Nebenhandlung.
Das alles braucht, unter anderem ob der Da capo-Arien, seine Zeit. Doch bürgt die Klasse aller Beteiligten für einen kurzweiligen Abend. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, jemanden herauszuheben. Yetzabel Arias Fernandez lässt ihre Rossane in ihren Koloraturen genauso innig leiden, wie Raffaella Milanesi als Lisaura Affekte von Wut und Verzweiflung formvollendet vocalisiert. Lawrence Zazzo präsentiert mit seinem virilen und beweglichen Countertenor einen Erobererkönig par excellence. Martin Oro komplettiert das Ensemble mit lyrischer Note. Andrew Finden, Sebastian Kohlhepp und Rebecca Raffell gelingen – stimmlich bestens disponiert – einige Kabinettsstückchen, die ihnen Michael Bernhard choreographiert hat.
Alessandro glänzt in reibungsloser Ästhetik
Zum musikalisch bewegenden Ergebnis gehört ein überzeugendes Bild- und Regiekonzept. Claudia Doderer verkleinert durch das schnörkellose Bühnenbild mit schlichten Seiten- und Rückwänden geschickt die Bühne aufs barocke Maß. Eine Öffnung gibt den Blick nach „draußen“ frei, wo neue Auftritte spannungsvoll vorbereitet werden. Wenn sich, zum Beispiel, die beiden Prinzessinnen in historisch inspirierten Kostümen aus papiernen Salzsäulen winden.
In diesem Bühnenbild lässt Regisseur Alexander Fahima die Protagonisten sich nie zufällig sondern choreographiert bewegen, so erzeugen sie Spannung oder gar Heiterkeit. Videoeinspielungen verstärken die komponierten Affekte oder illustrieren, nicht immer gelungen, anklingende militärische Handlungen. Ein wenig lässt die Ästhetik eines Robert Wilson grüßen. Auf der Strecke blieb dabei, den Inhalt der Oper in Beziehung zu Heute zu setzen. Hochmut und Eitelkeit sind wahrlich keine ausgestorbenen Phänomene.
Das Premierenpublikum sparte bei der Premiere am Freitag, 17. Februar, zu recht nicht mit Szenenapplaus und auch nicht mit Bravorufen für Protagonisten und Orchester. Erst als sich das Regieteam zeigte, erhob sich ein mittlerer Buhsturm. Wieso war nicht zu ergründen. Nachfragen unter anderen Premierenbesuchern zeitigten die Vermutung, die Inszenierung sei zu modern. Es hätte moderner sein können. Immerhin ist einer von Fahimas Regie-Lehrherren, Calixto Bieito, der schon mal das singende Personal nackend seine Arien schmettern lässt. Das ist akustisch zwar meist ergötzlich, optisch aber eher frustrierend, umso mehr, wenn das dahinter stehende Konzept nicht einleuchtet.
Weitere Vorstellungen Von Georg Friedrich Händels Oper "Alessandro" finden im Großen Haus des Badischen Staatstheaters am 22., 24. und 26. Februar 2012 statt.
