Nur wenige Filmreihen spülten mehr Geld in die Kinokassen, als jene, in deren Zentrum der verstörend-geniale Kannibale Dr. Hannibal Lecter steht. Spielte er in „Roter Drache“ (auch unter dem Titel „Blutmond“ bekannt) anfangs noch eine zwar wichtige, aber kleine Nebenrolle, avancierte er mit Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ zum bekanntesten und beliebtesten Psychopathen der Filmgeschichte.
Wenig verwunderlich daher, dass der britische Regisseur Peter Webber („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) versuchte, mit dem zugkräftigen Namen einen großen Filmhit zu landen. Doch weder an den Kinokassen noch bei den Kritikern fand „Hannibal Rising“ großen Anklang. Der Gründe, weshalb der mittlerweile bereits vierte Teil rund um Dr. Lecter enttäuschte, gibt es mehrere. Die Abwesenheit von Anthony Hopkins und Jodie Foster ist dabei noch der geringste.
Hannibals tragische Jugend
1944 an der Ostfront: Unaufhaltsam drängt die Rote Armee die Wehrmacht zurück. Auch das kleine Litauen wird in Mitleidenschaft gezogen: Deutsche Soldaten okkupieren das Schloss der seit Generationen ansässigen Familie Lecter. Mit knapper Not gelingt der Familie die Flucht in eine versteckt gelegene Jagdhütte. Doch das Schicksal lässt sich nicht überlisten: Bei einem Scharmützel werden Hannibal Lecters Eltern getötet, woraufhin er sich in der Rolle des Beschützers seiner kleinen Schwester Mischa wiederfindet.
Weiteres Unheil dräut in Gestalt russischer Nazi-Kollaborateure. Die gewissenlosen Männer nehmen die beiden Kinder gefangen und begehen im Angesicht des Hungertodes eine unfassbare Tat: Sie töten Mischa und nähren sich an ihrem Fleisch. Der junge Hannibal verfällt ob des Gesehenen halb dem Wahnsinn und landet nach dem Krieg in einem Waisenhaus.
Hannibal Lecters Rache
Acht Jahre später flieht der mittlerweile erwachsene Hannibal Lecter nach Frankreich, um Unterschlupf bei seinem Onkel zu finden. Dieser ist inzwischen zwar verstorben, doch dessen chinesische Frau Shikibu (Gong Li) erbarmt sich des verstörten Hannibal und nimmt ihn bei sich auf. Durch Zufall macht der introvertierte junge Mann eine folgeschwere Entdeckung: Jene Männer, die seine Schwester töteten und verzehrten, haben sich gleichfalls nach Frankreich abgesetzt. Für Hannibal ein Wink des Schicksals: Von Shikibu in die Kunst des Schwertkampfs unterwiesen, rüstet er sich für einen erbarmungslosen Rachefeldzug …
Prequel zu „Roter Drache“
Formell stellt „Hannibal Rising“ ein Prequel, also eine Art Vorgeschichte zu Michael Manns 1986 verfilmten „Roter Drache“ dar, der wiederum 16 Jahre später ein Remake erfuhr. Gleich dieser Neuverfilmung leidet auch „Hannibal Rising“ an einer gewissen Prise Substanzlosigkeit: Will der Zuschauer tatsächlich wissen, aus welchen Gründen Lecter zu dem wurde, was Millionen Leser und Zuschauer sowohl fürchten, als auch lieben?
Schließlich stellte genannte Figur in „Das Schweigen der Lämmer“ selber fest, dass es keine Gründe für sein außergewöhnliches Verhalten gäbe und er „einfach so sei“. Dies konterkariert der von Peter Webber inszenierte Streifen aber. Und schlimmer noch: Der Mensch hinter dem Monster entpuppt sich als Opfer grausamer Umstände, die ihn zu dem machten, was er später wurde.
„Hannibal Rising“ überraschend langatmig und unspektakulär
Nicht einmal in Punkto Spannung kann „Hannibal Rising“ überzeugen. Der vom Franzosen Gaspard Ulliel verkörperte junge Lecter wird anfangs als wehrloses Opfer schrecklicher Zeiten geschildert, später als von Rachegelüsten beseeltes Monstrum mit attraktivem Antlitz. Auf nervenzerfetzende Dramatik wie etwa in „Das Schweigen der Lämmer“ oder Ridley Scotts „Hannibal“ wartet der Zuschauer vergebens: Mitunter unfreiwillig komische Dialoge, ein Hauch östlichen Mystizismus und düstere Schauplätze können nicht über die spannungsarme Inszenierung hinwegtäuschen.
Überraschende Entwicklungen sind angesichts der Kenntnis um die zeitlich später angesetzten Filme faktisch ausgeschlossen. Doch selbst die blutig bebilderten Morde des Racheengels Hannibal vermögen nicht zu fesseln.
Einfallsloser Thomas Harris
Nach zwei Stunden schließt sich der Kreis zu seinen späteren Taten und hinterlässt einen schalen Nachgeschmack: Manche Geheimnisse sollten besser nie verraten werden. Thomas Harris, der nicht nur erneut die literarische Vorlage, sondern diesmal auch das Drehbuch verfasste, scheint seiner berühmten Schöpfung nichts Neues mehr abgewinnen zu können. So schmerzlich die Erkenntnis für Millionen Hannibal-Lecter-Fans auch sein mag: Harris erwies mit „Hannibal Rising“ der charmant-bösartigen Figur letztendlich einen Bärendienst.
Nie zuvor war Hannibal furchteinflößender: Doch anstatt vor ihm zu zittern, fürchtet man als Fan um seinen „guten“ Ruf als charismatischer Psychopath.
Wie merkte Dr. Lecter selbst in „Das Schweigen der Lämmer“ so treffend an: „Gedächtnis ist das, was ich statt einer Aussicht habe“.
Folglich sollte man seine faszinierenden Untaten besser gut im Gedächtnis behalten, statt sich vor der Aussicht auf weitere banale Enthüllungen aus seiner Jugend zu fürchten.
Originaltitel: „Hannibal Rising“
Regie: Peter Webber
Produktionsland und -jahr: GB / F / I / Tschechien, 2007
Filmlänge: ca. 117 Minuten
Verleih: Tobis
Deutscher Kinostart: 15.02.2007
