
- Von links: Stephan Weil mit E. Rabe und C. Tech - Grazyna Gintner
Im „Turbowahljahr“ 2011 wählt auch die Landeshauptstadt Hannover ihre kommunalen Vertreter, deswegen ist auf dem politischen Parkett Vorsicht geboten, besonders was das Vermischen von Amt und Partei betrifft. Aus diesem Grunde wünschte sich der Oberbürgermeister Stephan Weil, am 19. Januar 2011 nicht als Oberbürgermeister begrüßt zu werden, sondern als einfacher Genosse - bei der Visite im Stadtbezirk Ricklingen, der aus mehreren Teilen besteht, wie Mühlenberg, Wettbergen und Ricklingen.
Stephan Weil und der erste Hut
Der Besuch begann um 10 Uhr und endete in den späten Abendstunden: ein wahrer Marathontrip von Mühlenberg über Wettbergen nach Ricklingen, wo man sich unter anderem die Geschäfte am Ricklinger Stadtweg anschaute. „Wir machen eine Wanderung“, stimmte sich Stephan Weil am Morgen ein. Das Wetter konnte sich an diesem Tag nicht entscheiden, ob es regnen sollte oder nicht. Die Schirme packte man entweder aus oder ein. Stephan Weil brachte vorsorglich einen großen roten mit, außerdem schützte ihn ein Hut. Der erste in seinem Leben, wie er gestand, „sehr praktisch für einen Brillenträger“.
Canarisweg: Der schlechte Ruf eilte voraus
Der Oberbürgermeister als einfacher Genosse, der Bürgermeister des Stadtbezirks Ricklingen Andreas Markuth, die örtlichen Genossen und Vertreter verschiedener Organisationen trafen sich zuerst im Canarisweg. Das ist für viele Hannoveraner keine gute Adresse. Stephan Weil gab später zu, dass er auch nichts Gutes erwartete. In Erinnerung hatte er die Situation in Sahlkamp, wo drei bis vier „abschiebefähige“ Familienclans den ganzen Stadtteil terrorisieren und trotzdem hier bleiben dürfen, weil kein Staat sie aufnehmen will. Er wurde angenehm überrascht.
Nachbarschaftsarbeit – ein Erfolgsmodell
In der kleinen Küche kochten zwei Frauen das Essen für heute. „Wenn du noch länger bleibst, kriegst du etwas“, versprach eine von ihnen dem Oberbürgermeister, der sich interessiert umschaute und Fragen stellte. Jeden Tag bereitet man im Rahmen des Mittagstisches Mahlzeiten für fast 50 Menschen zu. In einem kleinen Zimmer nebenan werden sie verspeist. Außerdem finden sich hier Räume für ein Internet-Café für Kinder und Erwachsene, Platz für Mütter und die ganz Kleinen und eine Mucki-Bude für die Jugendlichen, mit 350 Anmeldungen. Nach dem Rechten schaut dort der Ex-Leistungsschwimmer Walentin Cernin. „Kommen Sie uns besuchen“, schlug er dem Gast vor.
Das Projekt Nachbarschaftsarbeit Canarisweg wird vom Quartiersmanagement Mühlenberg GBH (an diesem Tag durch Edda Rabe vertreten) getragen und kräftig von der Gagfah unterstützt. Das Immobilien Management Gagfah stellt mehrere Wohnungen kostenlos zur Verfügung. „Das lohnt sich?“, fragte Stephan Weil. Ja, antworte Peter Reese von der Kundencenterleitung, die Zahl der leeren Wohnungen ginge um die Hälfte zurück. Das Image des Stadtteils verbesserte sich durch das Projekt.
Die Nachbarschaftshilfe bietet nicht nur Hilfe: 14 Anwohner jobben hier in der Woche 30 Stunden und das Job Center bezahlt dafür. Bis jetzt. Das kann sich ändern. Die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will die 1-Euro-Jobs durch die Bürgerarbeit ersetzen. Ob es dann weiter so viele Beschäftigte bleiben, könne heute noch niemand sagen, verkündete Carsten Tech, Leiter des Projekts. Obwohl es sich lediglich um Arbeitsgelegenheiten handelt, lobte Stephan Weil das Projekt: Die Einwohner lernen die Verantwortung für ihr eigenes Quartier zu übernehmen und das zähle mehr als viele Sozialarbeiter.
Johanneshof – gegenseitige Hilfe
Einer der nächsten Stationen der Begehung war der Johanneshof in Wettbergen, wo 18 Behinderte untergebracht sind. Sie wohnen auf 750 Quadratmetern und arbeiten außerhalb des Hofes. Im Gegensatz zum Canarisweg liegt der Johanneshof in fast dörflicher Umgebung. Stephan Weil sprach in diesem Zusammenhang von „einer gefestigten Dorfgemeinschaft“. Fast jeder Bewohner dieses Stadtteils trug etwas dazu: Eine Kollekte während des Gottesdienstes brachte immer viel Geld, wenn man für den Johanneshof sammelte, erzählte die Leiterin des Hauses Silke Krüning-Sell. Auch Sachspenden wie Möbel fanden sich sofort nach einem Appell in der Kirche. In der Einrichtung verzichtete man auf die Zivis: Die Behinderten helfen sich gegenseitig.
Ein Bunker voller Bürger
Am Abend luden Genossen in den so genannten Bunker - in die Begegnungsstätte in Ricklingen - zum Bürgerempfang. Die Vertreter der vier Ricklinger Sportvereine (TSV Saxonia, TuS, Sportfreunde und SV 08) nutzten diese Gelegenheit und unterschrieben öffentlichkeitswirksam einen Kooperationsvertrag. Sie wollen sich gegenseitig unterstützen und sich helfen bei Einkäufen, Nutzung der Sportflächen und der Gestaltung der Zukunft.
Stephan Weil zog vor den Bürgern eine Bilanz des Tages. Er nannte positive Beispiele wie Canarisweg und Johanneshof und sah sich in seiner Meinung bestätigt, dass sich Menschen in Hannover „sauwohl“ fühlen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass viele Aufgaben - wie „die teuerste und sanierungsbedürftigste“ IGS in Mühlenberg - vor der Stadt stehen. In die Zukunft müsse man investieren. Wie sein Vorgänger im Amt, Herbert Schmalstieg mal sagte „Stillstand ist ein Rückschritt“. Zum Schluss richtete Stephan Weil eine Bitte an die Versammelten: „Nehmen Sie Ihre Interessen in eigene Hände und gehen Sie am 11. September wählen, egal für welche Partei Sie abstimmen“. Obwohl er da „eine Vorliebe hätte“.
