Vor rund fünf Jahren inszenierte Nicolas Stemann im Deutschen Theater Berlin den „Don Carlos“ als Beobachtungs- und Überwachungsstaat. Und 2009 ließ Florian von Hoermann in Karlsruhe den spanischen Hofstaat wie einen Mafia-Clan spielen. Nichts dergleichen ist bei Markus Dietz zu finden, der seine Figuren zu Getriebenen macht, die als Opfer ihrer Obsessionen und ihres Machtkalküls agieren. Die Bühne ist weitgehend kahl, an der Bühnenwand befindet sich eine lange Sitzreihe, wo sich die Schauspieler, die sich mitunter verkrampft oder entflammt auf dem Boden wälzen, immer wieder erholen können. Im Verlauf des Dramas wird auch mal eine Wand vorgefahren, die eine permanent vorhandene rote Lache überdeckt. Das bewegliche Bollwerk bildet unter anderem die nackte Hintergrundkulisse für das große Gespräch zwischen dem König Philipp II. und dem Marquis von Posa.

Macht versus Gedankenfreiheit

René Schwittay, der in „Endstation Sehnsucht“ den herben, rohen Stanley spielt, muss sich diesmal als Marquis zurücknehmen und sein Gebaren mit einem deutlich softeren Einschlag versehen. Leider ist er dabei etwas zu weit gegangen: dem Kämpfer für Gedankenfreiheit fehlen das Pathos und die letzte Leidenschaft, um dafür zu sorgen, dass bald die Fürstengröße mit dem Bürgerglück versöhnt wird. Es ist durchaus ein Anliegen von Markus Dietz, die bürgerliche Emanzipation – zumindest die des Denkens – hervorzuheben, das beweist schon die Tatsache, dass er das Drama mit einem Ausschnitt von Kants Abhandlung „Was ist Aufklärung?“ beginnen lässt. Der König wird von Bernd Geiling gespielt, der bei der verschobenen Premiere den ursprünglich geplanten Peter Pagel ersetzt hat. Geiling verkörpert in passabler Weise einen Machtmenschen, der ausschließlich für eigene Gefühle Verständnis aufbringt und den Verstandesschwärmer als Unterlegenen behandelt. Als der Marquis mit der Forderung „Geben Sie...“ anfängt, ergänzt Philipp II. sogleich scharf: „Gedankenfreiheit!“ Ja, das war es, was der Marquis sagen wollte, aber dem König imponiert nicht der Freiheitswunsch, sondern die Kühnheit, mit dem diese mitgeteilt wird. Derartige Personen, die lediglich einen Samen säen oder in den Raum werfen, kann man zumindest prima zur Befestigung des eigenen Machtsystems einspannen. Gut auch, dass ein in die Schranken gewiesener Ansprechpartner für etwaige einsame Stunden vorhanden ist.

Hartnäckige Gefühle

Im Mittelpunkt des Abends steht Dennis Herrmann als Don Carlos, der relativ planlos agiert und von einem inneren Leidenschaftsmotor angetrieben scheint. Die Vorlage verlangt einen etwas naiven Kronprinzen, der ein Sklave seiner unbändigen Emotionen ist und in ein uferloses Intrigenspiel hineinschlittert. Dennis Herrmann wirkt tatsächlich so, als sei er im Aufbau befindlich und in seiner Entwicklung noch nicht fertig: von einer Flamme und von Verzweiflung zerrieben hangelt er sich durch den Abend. Seine Gefühle hat er hartnäckig an seine königliche Stiefmutter geheftet, der Franziska Melzer zwar etwas herrschaftliche Würde zu verleihen vermag, die aber wiederholt von einem Rückfall in profane, gänzlich unaristokratische Verhaltensmechanismen bedroht ist. Meike Finck spielt Prinzessin Eboli als eine Frau von charismatischer Blässe, die Don Carlos mit einem Brief in eine komfortable Höhle des Schlosses lockt, um daraus eine Liebeshöhle zu machen. Wie sie da sehnsüchtig auf dem Boden liegt, ganz Gefühl, ganz Fleisch! Das Bein mit dem prallen, etwas überkompakt proportionierten Oberschenkel von sich gestreckt, ist diese Eboli ganz der Liebe geöffnet. Sie ist die Inkarnation unverwüstlicher Leidenschaft, doch mehr Konturen springen bei dieser Figur nicht heraus.

Triumph der Statthalter Gottes

Ein kleiner Lichtblick ist Domingo (Michael Schroth), der Beichtvater des Königs, der als intellektuell wirkender, kühl kalkulierender Kirchenagent Beichtgeständnisse ausplaudert und dem König eröffnet, dass seine Tochter wahrscheinlich ein Bastard sei. Selbstverständlich startet der machtgierige Philipp II. angesichts des abtrünnigen Sohns und der Gattin sogleich eine Auslöschungsoffensive. Der Anwalt des Allmächtigen wirkt wie ein mittelklassiger Mafiosi, der am Ende den Großinquisitor unterstützt. Immerhin versteht Markus Dietz etwas von Steigerung, denn das lange dahinplätschernde Drama erreicht noch eine gewisse Spannung, die durch herabfallende leere Pfandflaschen eingeleitet wird. Der Marquis opfert sich für den mittlerweile im Gefängnis sitzenden Kronprinzen: der kraftlose Ritter des freien Gedankens sinkt darnieder, der König ist bestürzt und will seinen Sohn freilassen. Weit oben im Bühnenrang stehen einige Schauspieler, die als aufständische Bürger die Freiheit des Kronprinzen fordern. Was aber passiert? Ein Großinquisitor wird herangeschoben, gespielt von einem Kind (Caspar Krzysch) im Rollstuhl. Das Gesicht ist gefärbt, die Haare sind auf schütter getrimmt - ein verwester Säugling oder ein kindlicher Greis. Geiling, der inzwischen sein Hemd abgeworfen hat und eine leicht schlaffe Brust entblößt, verneigt sich vor dem Großinquisitor und fügt sich seinem Entschluss. Das heilige Feuer obsiegt: Don Carlos wird an der Decke befestigt und aufgehängt, mit den Füßen nach oben. Markus Dietz hat seine Inszenierung zu sehr vom Blatt abgelesen und die eigene Note vermissen lassen. Im Gespräch mit dem König sagt der Marquis einmal: „Ich bin ein Bürger derer, die kommen werden...“ Zuweilen werden veraltete, überholte Gesellschaftssysteme abgelöst und durch etwas Neues ersetzt. Hier wäre die Chance gewesen, einen Brückenschlag zur aktuellen Generation zu finden, die ja von bestimmten Zukunftshoffnungen geprägt ist. Dietz hat diese Chance an sich vorüberziehen lassen.

Don Carlos

von Friedrich Schiller

Regie: Markus Dietz, Ausstattung: Ines Nadler, Musik: Ole Schmidt, Dramaturgie: Helge Hübner.

Mit: Bernd Geiling, René Schwittay, Meike Finck, Franziska Melzer, Michael Schrodt, Dennis Herrmann, Philipp Mauritz, Armin Dillenberger, Philipp Oehme, Sabine Scholze, Nele Jung, Nele Klaus/Henriette Poloni, Caspar Krzysch/ Heinrich Poloni, Carlo Degen

Hans Otto Theater Potsdam

Premiere vom 12. April 2012

Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Bildnachweis: © HL Böhme