Molière einmal ganz ohne Martin Wuttke. Nicht nur in der Berliner Volksbühne, auch in Potsdam verlegt man sich auf den komödiantischen Reiz des französischen Gesellschaftsdramatikers. Die Schule der Ehemänner ist ein heute eher selten gespieltes Stück, in dem zwei ungleiche Brüder die Vormundschaft über zwei Schwestern erhalten. Zukunftspläne gibt es auch: die Mündel werden, wenn die Zeit reif ist, geheiratet und aus der Entmündigung herausgeführt. Leider befindet sich Isabelle, die beim besitzergreifenden Misanthropen Sganarelle untergebracht ist, im Zustand des Eingesperrtseins, beinahe im Vorhof der Hölle. Laisser faire ist die Lebensmaxime vom Bruder Ariste, der deshalb von Leonore nicht nur geschätzt, sondern auch geliebt wird.

Liebe erzeugt Gerissenheit

Diese Inszenierung ist fast ein Kotau vor der Frau, eine kleine Huldigung. Die Botschaft ist eindeutig, in großer, leicht gebogener Leuchtschrift prangt über der Bühne: Schule für Männer. Darunter, an der Bühnenwand haften einige kopflose Figuren, offensichtlich Männer, umgeben von einer Frau mit Kopf, deren Busen von einer Musiknote geprägt ist. Auf der rechten Bühnehälfte ist ein in Herzform gestaltetes Fensterchen, wo gelegentlich das Gesicht von Isabelles Verehrer Valère (René Schwittay) auftaucht, um die entfachte Glut am Glimmen zu halten. Elzemarieke de Vos als Isabelle ist die Auserwählte, die aus der Zwangsgemeinschaft mit Sganarelle ausbrechen möchte und, weil sie ebenfalls ihre Wahl getroffen hat, verführerisch mit den Augen funkelt. Mitunter lässt sich auch die Augen rollen – eine Geste, die eigentlich einen Vorwurf, etwas Anklagendes zum Ausdruck bringen soll, aber bei ihr auch etwas Verlockendes hat. Diese Frau ist gerissen, aus Liebesgründen. Mit Hilfe von Intrigen und Täuschungsmanövern schafft sie es, sich aus Sganarelles Knechtschaft zu befreien und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Abend ist in jeder Hinsicht grell überzeichnet, und das mit voller Absicht. Wer Elzemarieke de Voss damals in Ostermeiers Berliner Schaubühne gesehen hat, hätte ihr wohl kaum dieses komödiantische Talent zugetraut. Derbkomisch ist das manchmal, die Nuancen fehlen – aber es ist schön anzusehen.

Gefühlsmäßig betäubt

Ursprünglich sollte die Veranstaltung am See stattfinden, vor allem für Leute, die ein kostümreiches Spektakel in einer Atmosphäre mediterraner Leichtigkeit genießen möchten. Die Stadt Potsdam wollte keine 350 000 Euro für ein beschauliches Projekt herausgeben, das vor allem der Revitalisierung von Naturästheten gedient hätte, und so wurde als Veranstaltungsort das Betriebsgelände ausgewählt, der sogenannte Gasometer. Wer sich da einen Blick auf die Natur gestatten möchte, sieht kein Wasser – es bleibt der Himmel über Potsdam. Dieser Umstand hält selbst bekannte Persönlichkeiten nicht von einem Besuch ab, beispielsweise Katharina Thalbach, die die Premiere vielleicht auch deshalb besucht hat, um sie als Rekrutierungscamp für ihre nächste Komödie zu inspizieren. Aufgefallen ist ihr mit Sicherheit Philipp Mauritz, der als gefühlsmäßig betäubter, menschenverachtender Sganarelle alle Register des Komödiantischen zieht. Aasig spielt er diese Figur, zynisch, aber letztlich gutgläubig – gegen die intrigante Macht der Liebe hat er keine Chance. Ein übertölpelter Kerkermeister, dessen Gemeinheit schaurig lustig daherkommt.

Im symbiotischen Freiheitstaumel

Wolfgang Vogler als Ariste wirkt wie ein sozialpädagogisch versierter linker Westdeutscher der 1970er Jahre. Ein derartiges Phänomen gab es aber schon im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Eine extrem lange Leine, Verständnis für fast alles, Vertrauen und Offenheit – das sind die essentiellen Eigenschaften des Ariste. Bei einer etwas durchtriebeneren Frau als Leonore (Meike Finck) würde das schiefgehen, doch sie mag ihn eben wegen dieser Eigenschaften. Mitunter hat es den Anschein, als habe sie einen Östrogen-Überschuss und giere nach mehr Leben, nach Wachstum, nach Übermaß. Entfesselt und losgelöst sitzt sie mit ihrer Dienerin Lisette (Nele Jung) auf einem Motorroller. Der dient jedoch nicht zum Ausbruch, sondern ist ein Symbol von Freiheit, die ihr von Ariste gewährt wird. Begleitet wird dieser Abend von einer dreiköpfigen Band und Gesängen, die zumindest hörbar sind. Am Ende finden die charmante Isabelle und der überkühlte Valère unter notarieller Absicherung zusammen, vielleicht ist es sogar eine von Seelenglut umwogte Symbiose, obwohl René Schwittay die Rolle des libidinös übersteigerten, emotional abgestumpften Gerüstbauer-Typus’ wohl besser liegt. Philippe Bessons Inszenierung ist eine kleine Verneigung vor dem weiblichen Freiheitskampf. Ohne Seeblick, in einer improvisierten, letztlich ausgearbeiteten Konstruktion. Unter dem Himmel von Potsdam.

Die Schule der Ehemänner

Von Molière

Neu übertragen von Katharina Schlender

Regie: Philippe Besson, Ausstattung: Henrike Engel, Musik: Andreas Dziuk, Choreografie: Marita Erxleben, Dramaturgie: Stefanie Eue.

Mit: Philipp Mauritz, Wolfgang Engler, Elzemarieke de Vos, Meike Finck, Nele Jung, René Schwittay, Matthias Hörnke, Andreas Dziuk, Christian Deichstätter.

Musiker: Andreas Dziuk, Christian Deichstätter, Bela Brauckmann.

Hans Otto Theater Potsdam

Premiere vom 15. Juni 2012

Dauer : ca. 2 Stunden, eine Pause

Bildnachweis: © HL Böhme