
- Rita Feldmeier, Eddie Irrle - HL Böhme
Henry de Catt ist ein recht unbedeutender Autor und früherer Hofschreiber Friedrichs, rückt aber in diesem Stück in den Mittelpunkt. Während er vom Monarchen einen Auftrag für eine königliche Selbstdarstellungsoper erhält, drängt ihn die engste weibliche Kamarilla des Thronfolgers Friedrich Wilhelm dazu, den König mittels Gift beiseite zu schaffen. Dass der Schreiber de Catt zum Hof gehört, merkt man seinem Äußeren an. Bei seiner Erscheinung hat sich eine exzessive, raubtierhafte Esslüsternheit Bahn gebrochen, die vorzüglich zum Pomp der ihn umgebenden Genusswelt passt. Von dieser unbeschwerten Lebensform bekam das Volk allerdings nicht viel mit, es spürte eher die Knute. Aber davon ist in dieser Inszenierung kaum die Rede, noch weniger erfährt man von den tatsächlichen historischen Abläufen.
Vom Hofschreiber zum Opernschreiber
Gleich zu Beginn tritt Rita Feldmeier mit Dreispitz als König Friedrich auf und deklamiert, was der legendenumwobene Herrscher für die Nachwelt bedeutet. Nach dieser Einführung des Monarchen, der die Folter abschaffte, dafür aber den Spießrutenläufen genießerisch zusah, entspinnt sich auch schon die Handlung. Der von Raphael Rubino gespielte de Catt hat eine Frau namens Ulrike, die eine professionelle Opernsängerin ist und sich im Alltag so gebärdet, als sei das Leben eine Probebühne für ihre Daueraffektiertheiten. Hochgezüchtet wie ein Kunstprodukt, ist jede ihrer Lebensäußerungen übertrieben und aufgebläht. In der zu schreibenden Oper ist ihr eine Rolle zugedacht, die sie aus den Niederungen der Mediokrität ins Schillernde emporheben soll. Genau wie diese Figur ist der Abend grell überzeichnet, und das mit voller Absicht: Tobias Wellemeyer wollte wohl einen Kracher landen, der mit scharfen Kontrasten und schrillen Effekten angefüllt ist. So kommt es dazu, dass der Thronfolger Friedrich Wilhelm (Eddie Irrle) zunächst in einem mit Kissen beladenen, vergitterten Bett zu sehen ist, umgeben von drei koketten Liebhaberinnen, die ihn wie kichernde Turteltauben umschwärmen. Ein besonderer Regieeinfall ist es, den Thronfolger in einer SS-Uniform auftreten zu lassen, als habe man eine Zeitreise in die Berliner Ufa-Filmstudios gemacht.
Es zischt und explodiert
Die Inszenierung ist eine Mixtur aus diversen Passagen und Einsprengseln, die scheinbar wahllos aneinandergereiht werden. Auf der Drehbühne befindet sich ein Gerüst und an der Wand steht groß in Leuchtschrift „Sans Souci“, so dass der Eindruck entsteht, hier befinde sich ein Vergnügungslokal mit Animierdamen. Animiert wird schon an diesem Abend, allerdings zum Mord, und zwar von den drei besagten, erotisch hochgestylten Frauen, wobei sich die virtuosenreiche Melanie Straub diesmal auf eine starke Einengung ihres Talents beschränken muss. Auf der Bühne ist auch die Küche der de Catts installiert, wo es in der Nähe des Sicherungskastens gelegentlich zischt und ein bisschen explodiert. Zuweilen ist die ganze Bühne von einer Nebelwand überzogen, die dann von Rita Feldmeier quasi weggesungen wird, indem sie einige hörbare Balladen beisteuert. Etwas aus der Fassung gerät der König allerdings, als der Vater Friedrich Wilhelm I. (Roland Kuchenbuch) in einem roten Latex-Adlerkostüm vor ihm auftaucht und die Schwingen bedrohlich um ihn klammert. Erschrocken weicht Friedrich zurück und aus dem Publikum ertönen einige zaghafte Lacher – damit hat Wellemeyer ein Teilziel auch schon erreicht.
Gedrillte Soldaten und ominöse Pappkartons
Insgesamt unternimmt der Regisseur zahlreiche Anstrengungen, damit am Ende ein derber Schwank herauskommt, der für das geistige Niveau nichts, für die pure Unterhaltung aber fast alles tut. Wellemeyer lässt beispielsweise zwei Männer mit bloßem Oberkörper auftreten, die wie Hunde auf dem Boden kriechen und ihr Essen in einem Napf serviert bekommen. Dies ist nicht etwa eine Annäherung an die SM-Szene, sondern soll die Servilität von Friedrichs Soldaten demonstrieren, die nur als Werkzeuge im preußischen Repressionsapparat benutzt wurden. Der in voller SS-Montur agierende Thronfolger ist einer von den blonden, langen Kerls, aber auch ein sportlicher, eher genussabstinenter Leptosome, der zur Unterstreichung seiner Potenz auch mal ein Würstchen vors eigene Naturgemächt hält. Gedrillte Soldaten defilieren mit halbem Hitlergruß über die Bühne und irgendwann tauchen Pappkartons auf, aus denen zwei abgeschnittene, blutige Köpfte hervorgezogen werden. Und sterben muss auch die gute Ulrike, die von ihrem Gatten, vom niedergedrückten, kniefallerprobten Opernschöpfer de Catt betrauert wird. Um all diese Gestalten kreist immer wieder Rita Feldmeier, die als Zentralgestalt mit großen, dramatischen Kulleraugen mal sprechend, mal singend den Abend begleitet. Diese Inszenierung wurde nicht gerade für ein anspruchsvolles Bildungsbürgertum gemacht, doch es gibt auch Vertreter dieser Schicht, die selbst bei den derbsten Einfällen noch lachen können.
Fritz! Ein Theaterspiel für den König von Preußen
von Uwe Wilhelm
Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ines Burisch, Musik: Gundolf Nandico, Video: Marc Eisenschink, Choreographie: Marita Erxleben, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi.
Mit: Raphael Rubino, Rita Feldmeier, Patrizia Carlucci, Eddie Irle, Marianna Linden, Melanie Straub, Roland Kuchenbuch, Charlotte Sieglin, Michael Schrodt, Friedemann Eckert, Dennis Herrmann.
Hans Otto Theater Potsdam
Aufführung vom 21. Januar 2012 (Dauer: 2 Stunden 15 Minuten)
Bildnachweis: © HL Böhme
