Tobias Wellemeyer hat sich für einen respektvollen Umgang mit Solschenizyns „Krebsstation“ entschieden, das zeigt schon allein das gewaltige Aufgebot an Schauspielern (15 Personen). Offenkundig war es das Anliegen des Regisseurs, auch noch die kleineren Nebenrollen zu besetzen, um ein möglichst authentisches Abbild des Romans zu liefern. Ein großes Gesellschaftspanorama, das den damaligen Stand des sowjetischen Sozialismus nach Stalins Tod erschöpfend charakterisiert, ist dabei aber nicht herausgekommen. Fast alle Insassen des Krankenhauses sind dem Untergang geweiht und liegen in Agonie, mit Ausnahme von Apparatschik Pawel Rusanow, der lediglich an einem Halsgeschwür leidet, auf seine Entlassung drängt und ansonsten seine rigorose Liebe zum System verkündet.

Ein Apparatschik unter den Kranken

Die Krebskranken stammen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, einige von ihnen sind Intellektuelle oder zumindest Gebildete, stechen aber nicht durch einen besonders feinsinnigen, gewählten Sprachgebrauch hervor. Die Krankheit zieht die Menschen in einem Maße herab, dass sie alle Fassaden fallenlassen und eine gewöhnliche, nur durch die individuelle Lebensgeschichte leicht abgewandelte Einheitssprache verwenden. Allein Rusanow (Jon-Kaare Koppe) bewahrt Haltung und möchte, gemäß seiner gehobenen Position, die als unterprivilegiert betrachteten Mitpatienten gelegentlich zurechtweisen. Aber trotz seiner Parteihörigkeit und dem Bestreben, die letzten Reste der rückschrittlichen Bourgeoisie auszutreiben, ist er kein Mensch, vor dem man sich ernsthaft fürchten muss. In der Bearbeitung von John von Düffel ist Rusanow zwar ein Paragrafenreiter und Systemfanatiker, aber er hat auch moderate Züge, die ihn nicht zu einem dämonischen Ungetüm anwachsen lassen. Seine Gattin (Marianna Linden) kommt wie eine Salondame im Pelzmantel daher und die Tochter (Friederike Walke) reüssiert als Dichterin, deren Linientreue vermutlich die Karriere angeschoben hat.

Vegetieren, jammern und würgen

Von einer poststationären Karriere träumt auch der Geologe Wadim (Eddi Irle), der, an den Rollstuhl gefesselt, bald seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in die sowjetische Forschungswelt ergießen möchte und einmal einen muskulösen Körper von nordischer Pracht präsentiert, obwohl er das eigentlich gar nicht können dürfte. Im Zentrum der Handlung steht Solschenizyns Alter Ego Kostoglotow, den Wolfgang Vogler als einen verzweifelten, sehnsüchtigen, aber nie hoffnungslosen Menschen hinlegt. Das Intermezzo in der Klinik ist seine vorläufige Rettung, denn sogleich nach seiner Heilung muss er zurück in die Verbannung, um seine vergleichsweise milde, 7-jährige Haftstrafe fortzusetzen. So geschieht es denn am Ende des Dramas, und die Onkologin Dr. Hangert trauert. Melanie Straub, deren Körperbau die damalige Lebensmittelknappheit veranschaulicht, spielt diese Figur sehr reduziert, sachlich und, im Gegensatz zu ihren sonstigen Rollen, ohne exaltierte Anflüge. Eine Spur resoluter kommt die Bestrahlungsleiterin Dr. Donzowa (Andrea Thelemann) daher, die, wie sich später herausstellt, ebenfalls ein Brustkarzinom hat und unters Messer muss. Die Zuschauer erleben über drei Stunden ein Vegetieren, Dahinsiechen, Jammern und Würgen – einen Zusammenhalt, die Solidarität einer Notgemeinschaft gibt es nicht, stattdessen ringt jeder Einzelne mit sich selbst und hofft auf das Unmögliche. Dies soll erreicht werden durch sinnlos angeordnete Bestrahlungen und die bizarre Verabreichung von Medikamenten: Männer erhalten weibliche Hormone und umgekehrt.

Die Moribunden erfahren vom Tauwetter

Irgendwann taucht der Kaufmann Tschaly (Christoph Hohmann) auf, ein frohlockender Bonvivant mit kaputtem Magen, der an die Patienten Sekt und Leckereien verteilt. Ein Moribunder im Spätstadium ist bereits so angeschlagen, dass er etwas Kaviar aus der Dose nicht mehr herunterbringt und stattdessen ausspuckt. Doch auch Tschaly gehört zum Untergangskollektiv, ebenso wie ein abgehalfterter Geistesmensch (Roland Kuchenbuch), der das Denunziantentum aus Überlebensgründen verteidigt. Gespielt wird auf einer weitgehend kahlen Krankenhaus-Bühne, die von ständig hin- und hergeschobenen Betten eingenommen wird und zwecks Raumteilung über eine zweite Wand verfügt. Wellemeyer kann auch diesmal nicht auf den Effekt des Trockennebels verzichten und sucht die Atmosphäre durch Lichtveränderungen zu intensivieren. Im zweiten Teil, der im März 1955 einsetzt, zeichnet sich eine Tauwetterperiode ab, hohe Richter und Parteifunktionäre werden entlassen, aber es will Wellemeyer nur in Ansätzen gelingen, die aufglühenden Hoffnungen adäquat darzustellen. Insgesamt lebt die Inszenierung von der Energie Wolfgang Voglers, der für den Zuschauer zumindest ein Identifikationsangebot darstellt, obwohl er etwas leidenschaftlich-unüberlegt und eruptiv agiert. Kein uninteressanter Abend, aber eine Reduzierung des Ensembles und eine Handlungsstraffung hätten der Inszenierung ganz gut getan.

Krebsstation

von Alexander Solschenizyn

Bearbeitung von John von Düffel

Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ines Burisch, Musik: Gundolf Nandico, Dramaturgie: Carola Gerbert.

Mit: Wolfgang Vogler, Melanie Straub, Jon-Kaare Koppe, Andrea Thelemann, Friedemann Eckert, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Roland Kuchenbuch, Bernd Geiling, Marianna Linden, Raphael Rubino, Juliane Götz, Friederike Walke, Franziska Hayner, Kristin Suckow.

Hans Otto Theater Potsdam

Premiere am 23. März 2012

Kritik vom 25. März 2012

Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Bildnachweis: © HL Böhme