Hans-Werner Sinn: Warum Deutschland ein Schulden-Tsunami droht

Hans-Werner Sinn  - Harald Rossa
Hans-Werner Sinn - Harald Rossa
Hans-Werner Sinn analysierte die Euro-Krise und ihre Auswirkungen in einem Vortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Hans-Werner Sinn ist der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München und sicher einer der bekanntesten lebenden Ökonomen in Deutschland. Und dabei natürlich auch ein heftig umstrittener Ökonom.

Am 9.Mai 2011 trat Hans-Werner Sinn auf Einladung von Professor Michael Burda mit dem provozierenden Titel „Warum Deutschland ein Schulden-Tsunami droht“ in der Humboldt-Universität zu Berlin vor ein großes Publikum. Dabei analysierte er die Wirkungen der Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen innerhalb der Staaten in der Euro-Zone. Dabei stellte er eindrücklich dar, wie brisant die Lage schon ist. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte er die Entwicklung der wenig bekannten Target-Forderungen und –Verbindlichkeiten der Nationalbanken und der Europäischen Zentralbank (EZB) im Euroraum. Und unterbreitete als Lösungsansatz die Vorschläge der European Economic Advisory Group (EEAG). Womit er bei seinen Kollegen im Saal nur bedingt Zustimmung fand.

Target-Forderungen und -Verbindlichkeiten

Target-Kredite sind in den Augen der Europäischen Zentralbank durch den Zahlungsverkehr entstandene Kontokorrentkredite bzw. –forderungen von nationalen Notenbanken gegen die EZB. Die heben sich innerhalb der Eurozone auf und haben eigentlich keine Wirkungen auf die Geldpolitik.

Sinn führt aus, dass diese Target-Kredite und -forderungen in den letzten 3 Jahren zu teilweise astronomischen Summen angeschwollen sind. Denn, so Sinn weiter, die Zentralbanken einiger Eurostaaten, vor allem Deutschlands, haben über diesen Mechanismus den notwendigen Kapitalimport der GIPS-Staaten (Griechenland, Irland, Portugal, Spanien) finanziert weil private Kapitalgeber sich aus der Kreditgewährung an diese Staaten heraushielten.

Brisant wird dieses Vorgehen nach der Analyse von Sinn deshalb, weil dieses System der kurzfristigen Finanzierung von notwendigen Kapitalimporten seine natürlichen Grenzen hat. In etwa 2 Jahren wäre diese Form der Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite der GIPS-Staaten am Ende oder nur noch mit inflationärer Ausweitung der Geldmenge im Euroraum aufrecht zu erhalten.

Die Rettungsschirme

Es war daher notwendig zum Ausgleich der Leistungsbilanzungleichgewichte neue Mechanismen zu entwickeln. Aber ihr Problem, so Ifo-Chef Sinn, ist im Endeffekt dasselbe wie bei den Targetkrediten. Schlechtem Geld wird frisches Geld nachgeschoben. Und eine Spirale immer weiter wachsender Kredite setzt sich in Gang.

Daher, so Sinn weiter, müssen die Rettungsmaßnahmen für die Krisenländer so gestaltet werden, dass der Geldfluss zwischen den Notenbanken und den Staaten langsam und berechenbar reduziert wird. Dann sind diese Länder zur Durchführung von Maßnahmen gezwungen, mit denen die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft im Euroraum und gegenüber Drittländern wieder erlangt wird. Denn nur so lassen sich langfristig die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen vermeiden.

Die Diskussion

Die Diskutanten des Abends lobten Hans-Werner Sinn für die Analyse der aktuellen Probleme und stimmten der weitestgehend zu. Doch zweifelten einige an der Machbarkeit angerissener Lösungswege zur Bewältigung der Euro-Krise und auch an der Durchsetzbarkeit des Vorschlags der EEAG. Es gab da auch Pessimisten, die das Ende des Euro kommen sehen.

Quellen

Hans-Werner Sinn: „Warum Deutschland ein Schulden-Tsunami droht“. Vortrag und Diskussion zur Euro Krise am 9.5.2011 in der Humboldt-Universität zu Berlin

Stefan Ruhkamp: „Misstrauen lähmt den Geldverkehr“. In: faz.net vom 19.4.2011

Hans-Werner Sinn: „Die riskante Kreditersatzpolitik der EZB“. In: faz.net vom 4.5.2011

European Economic Advisory Group: A New Crisis Mechanism for the Euro Area.