Selbst wenn Harald Gerlach nicht mehr als diese 100 Porträtgedichte hinterlassen hätte, wäre er ein bedeutender Lyriker zu nennen. Diese Sammlung ist aber nur ein kleiner Ausschnitt aus einem überaus umfangreichen Werk, das Gedichtbände, Romane und Dramen ebenso umfasst wie zahllose Essays und Radiofeatures. Der 1940 im schlesischen Bunzlau geborene und 2001 im badischen Leimen gestorbene Schriftsteller war ganz fraglos ein literarisches Multitalent.
"Sozialismus ist ein Brotaufstrich"
Geordnet ist der von Bettina Olbrich (Leimen) und Ulrich Kaufmann (Jena) kompilierte und herausgegebene Band nicht in der Reihenfolge der Entstehung der Texte, sondern, das ist ein legitimes Verfahren, nach den Lebensdaten der Porträtierten. Den Auftakt bildet daher ein Gedicht auf Pontius Pilatus und den Abschluss ein autobiografisch-surreales Porträtgedicht, das mit einem Vers ausklingt, der auch dem Buch den Titel lieh: „aber du der ich / war.“ Es finden sich ferner Texte auf Luther, Shakespeare, Johann Christian Günther, Johann Gottfried Seume, Schiller, Hölderlin, Bettina von Arnim, Nietzsche, Brigitte Struzyk und Wulf Kirsten All diese und viele weitere Persönlichkeiten waren für Harald Gerlach Weggefährten im Geiste. Der Begriff des Porträtgedichts ist hier weit gefasst. Denn mit „Rheinebene“, das ganz am Anfang steht, „Zum alten Schwan“, „Kochberg, per pedes“, „Wurmlinger Kapelle“ und „Winkel“ finden sich hier auch lyrische Texte über Landschaften, Orte und Einrichtungen.
Mag das 1979 erstmals veröffentlichte Gedicht „Eike von Repgow“ zunächst den Verfasser des sog. „Sachsenspiegels“ (dem ersten systematischen deutschen Rechtsbuch) ehren, so konnte man diesen Text in der DDR gar nicht anders als doppelbödig verstehen, lautet die letzte Strophe doch: „Recht ist Wehr / gegen Willkür. Wer / Unrecht spricht, dem / nimm die Krone.“ Das dauerte zwar noch zehn Jahre, aber dann war Erich I. ein König ohne Land. Und noch der Ausruf „Sozialismus ist / ein Brotaufstrich, kein Grund / zur Unruhe“, zu lesen im Gedicht „Nächtlich mit Kant“ (1984), scheint heute banal, war aber eine mutige Äußerung.
Dem eigenen Lied auf die Kehle getreten
Wie Gerlach stammte auch der Barockdichter Martin Opitz, der mit der „Deutschen Poeterey“ die erste Poetik hinterlassen hat, aus Bunzlau. Gerlach hat auch ihm ein Gedicht zugeeignet: In „Zlatna oder Martini Optii Reise“ wird er als Wegbereiter der deutschen Literatur gefeiert: „Klopstock wird kommen, / Sprache öffnen / wie ein Buch.“ Ohne Opitz kein Klopstock. Und wie seltsam-beruhigend klingt doch das Ende des Gedichtes „Vallis Clausa oder Petrarcas Lebensplan“ (1998): „Alle Bilder lügen. Außer denen, / die wir in die Welt setzen.“ Sollte nach der Lektüre der Porträtgedichte Harald Gerlachs ein Fazit gezogen werden, bietet sich der Doppelvers an, mit dem das „Wanderlied“ (1979) nach Ulrich von Hutten endet: „Und so gut ers vermocht, / sprach er im Liede sich aus.“ Das ist kein geringes Dichterlob. In „Letztes Stück“ gedenkt Harald Gerlach dem aus Verzweiflung über die Entwicklung in der Sowjetunion von eigener Hand aus dem Leben geschiedenen Wladimir Majakowski, indirekt aber auch Franz Fühmann. Der Vers „Wie lange / kann man dem eigenen Lied auf / die Kehle treten?“ ist ein Reflex auf den Kollegen und Selbstzweifler, der 1973 in seinem Buch „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ notierte: „... und ich bin auch dem eigenen Lied auf die Kehle getreten.“
Porträtgedichte erschließen sich besser, wenn man den Kontext zum Leben und ggf. Werk der Porträtierten stiftet. Deshalb sind Anmerkungen unverzichtbar. Die beiden Herausgeber haben diese detailliert formuliert. Und Thomas Spaniel, Lyriker und Rechtsanwalt in Personalunion, leitet den Band mit einem ebenso klugen wie einfühlsamen Vorwort ein. „aber du der ich war“ ist ein wichtiger und gewichtiger Gedichtband, der einen Beitrag leisten mag, dass man sich auch künftig an Harald Gerlach und seine so facettenreiche Dichtung erinnert.
Harald Gerlach: aber du der ich war. 100 Porträtgedichte aus drei Jahrzehnten. Hrsg. von Bettina Olbrich und Ulrich Kaufmann. Wartburg-Verlag, Weimar 2011, 151 S., br., 16 €.
