Harald Schwammer, der "Herr der Elefanten"

Dr. Harald Schwammer - Adele Sansone
Dr. Harald Schwammer - Adele Sansone
Ein kleines Porträt von Dr. Harald Schwammer - Vizedirektor und Kurator im Tiergarten Schönbrunn - Wien.

Der älteste Zoo der Welt liegt mitten in der kaiserlichen Sommerresidenz Schönbrunn in Wien und fast hätte ich geschrieben, Dr. Harald Schwammer. Vizedirektor und Zoologischer Abteilungsleiter, ist einer der Bewohner darin.

Wer aber ist nun Harald Schwammer?

Dr. Harald Schwammer ist Vizedirektor, Zoologischer Abteilungsleiter im Tiergarten Schönbrunn und seit 2009 wissenschaftlicher EEP-Koordinator für den Afrikanischen Elefanten. Nicht gehetzt, sondern schwungvoll und voller Elan, kommt er zu dem vereinbarten Termin in sein Büro. Seinen Hund zu Füßen, beginnt das Gespräch.

Was ist ein Kurator? Was macht eigentlich ein Kurator im Zoo?

Das Wort „Kurator“ kommt vom lateinischen Wort „curare“ (sich sorgen um, Sorge tragen), „curator“ ist demnach der „Pfleger, der Sorgende“. Im Zoo bedeutet dies, dass der jeweilige Kurator für sämtliche Angelegenheiten seiner „umsorgten“ Tiere zuständig ist. Planung von Neuaufnahmen, Abgaben, für mögliche Geburtenregelungen, für die Unterbringung, die Betreuung und auch, wie weit die Behandlung eines erkrankten Tieres angemessen ist. Üblicherweise teilen sich einige Kuratoren eines Zoos den Tierbestand. „Wien ist anders, das muss ich gleich sagen“ poltert er breit lachend los. „Da geschieht diese Aufteilung nicht so streng. Ich bin sozusagen für alle großen Säugetiere – Elefanten, Flusspferde, sämtliche Großbären, Eisbären, Menschenaffen, Kleinaffen, Großkatzen zuständig. Darüber hinaus aber auch für Greifvögel und Pinguine. Auch das Regenwaldhaus gehört in meinen Bereich.“ Deshalb wurde auch die kürzlich dort entdeckte neue Schneckenart nach ihm benannt: Schwammeria.

Anton Weissenbacher ist als Zoologischer Abteilungsleiter für das Aquarien- und Terrarienhaus zuständig. Der dritte Kurator, Mag. Herwig Pucher ist zuständig für die Bereiche Nashörner, Bison, Serau und Südamerika-Anlage, Haustierpark, Pferde, Vögel (inkl. Vogelhaus), Pandas, Koalas, Giraffen und den Tirolerhof. Er ist auch der Zuchtbuchführer für die Japanische Serau.

Welche Berufausbildung braucht ein Kurator im Zoo?

Seit 1993 arbeitet er im Zoo – er wurde von Dr. Pechlaner, dem damaligen Zoodirektor, der Universität Wien abgeluchst. Schwammer studierte Zoologie und arbeitete bereits in seiner Studienzeit als Pfleger im Zoo. Während seiner Ausbildung hat er sowohl wissenschaftlich an Zoos gearbeitet, aber auch im Freiland. Dieser wissenschaftliche Hintergrund ist auch für seine Entscheidungen für die Tiere prägend: "Gehege, Beschäftigungsmöglichkeiten – alles so natürlich, wie irgend möglich. Enrichment, also Bereicherung, soll nicht unbedingt über Spielzeug geschehen – außer bei den Affen, sondern über das Ermöglichen natürlicher Abläufe und Beschäftigung."

Dr. Harald Schwammer, ein Mann in vielen Funktionen

Eine nicht vollständige Auflistung seiner Tätigkeiten: Sachverständiger für Naturschutz, Artenschutz, Tierhandel und Tierhaltung. Präsident der EEKMA (Der Verein der Elefantenpfleger und -manager), Präsident des Vereines der Freunde des Tiergartens Schönbrunn. Mitbegründer des Austrian Sri Lancan Elephant Research and Conservation Project ASERC und EEP-Koordinator für die Afrikanischen Elefanten.

Leiter des EEP ( Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) für Afrikanische Elefanten

Pressemeldung aus dem Tiergarten: „Vizedirektor Dr. Harald Schwammer wurde zum wissenschaftlichen Koordinator bestimmt. Es ist zum ersten Mal, dass ein internationales Zuchtbuch für eine gefährdete Tierart von Wien aus verwaltet wird. Damit wird der Tiergarten Schönbrunn in Person von Harald Schwammer endgültig zu einer internationalen Drehscheibe für Elefantenhaltung. Der Koordinator entscheidet in Zusammenarbeit mit einem Komitee, welche Tiere zur Zucht zugelassen und in welchen Zoos sie zusammengeführt werden. Der Standard der Anlage, in der die Tiere gehalten werden und die Art und Weise, wie sie gepflegt werden, können von den Leitern solcher Erhaltungszuchtprogramme maßgeblich beeinflusst werden. Das Zuchtbuch für Afrikanische Elefanten, das nun in Wien liegt, wurde bisher vom Zoo Tel Aviv geführt.“ Schwammer wurde schon 2007 von zehn Spezialisten aus vier Kontinenten, in deren Verantwortung die internationalen Elefantenzuchtbücher liegen, zum Koordinator eines "Global Elephant Management Program“ gewählt. Dessen Ziele: Förderung von Naturschutz, Bildung und Forschung, um das Überleben der Elefanten in der Wildnis und in menschlicher Pflege zu gewährleisten.

Was kann uns der „Vater der Elefanten“ zu den Schönbrunner Elefanten erzählen?

Voller Begeisterung erzählt Dr. Schwammer vom Umbau des Elefantengeheges 1996. Dass es ein Glücksfall gewesen sei, das neue Gehege längs ausgerichtet gestalten zu müssen. In einem quadratischen Gehege wäre diese Raumgestaltung kaum möglich gewesen. So entwickelten sich verschiedene nicht gleich einsehbare Bereiche. Ein Anreiz für die Tiere öfter hin- und her zu gehen, weil es Winkel und Ecken zu erforschen gibt, über die Ecken mit einander über Infraschall zu kommunizieren. Das kommt sowohl dem natürlichen Bewegungsdrang entgegen, als auch der Neugier. Das sogenannte Möblieren eines Geheges: verschiedene Böden – Sand, Kies, Rinde, das Wasser, die Palisaden, zwischen denen man Äste und Zweige oder auch Heu unterbringt. Die Elefanten finden das Material und müssen es selber rausholen. Sie haben damit Beschäftigungsmaterial, quasi Spielzeug, aber auch gleichzeitig Futter, Zahnpflege. Daher sei künstliches Spielzeug darüber hinaus kaum nötig. Die Tiere werden immer wieder mit etwas Neuem überrascht. In Folge ging auch das stereotype Verhalten, wie Weben, von vorher fast 50 Prozent auf knappe 5 Prozent zurück. Außerdem können sich die einzelnen Tiere der Herde auch aus den Augen gehen. Auch das ist für das Wohlbefinden einer sozialen Gruppe dringend notwendig.

Und nun zum aktuellen Liebling, dem Elefantenkalb Tuluba

„Tuluba“, seine Augen leuchten beim Erzählen auf. „Großartig, wie wiederum diese Geburt von der Mutter Numbi quasi inmitten der Herde vollkommen problemlos und natürlich vor sich gegangen ist.“ Meine Frage nach den Abnahmesorgen, die vielerorts bestehen; Dr. Schwammer beruhigt sofort: „Das Jungtier kann 6 bis 10 Jahre im Zooverband verbleiben. Es hat einen älteren Bruder, Kibo, der ihn bereits von klein auf an die Eingliederung in der Herde gewöhnt. Erst dann wird es dringlich ihn an einen anderen Zoo abzugeben.“

Tuluba ist übrigens derzeit wirklich ein temperamentvolles und sehr unternehmungslustiges Elefantenkind. Wer Gelegenheit hat den Tiergarten Schönbrunn zu besuchen, soll sich für das Beobachten des kleinen Elefanten viel Muße mit nehmen. Es wird sich lohnen.

Tuluba-Kalender 2011

Der mehrfach ausgezeichnete Naturfotograf Daniel Zupanc hat den Elefantennachwuchs in seinen ersten Lebenswochen fotografiert. Die Fotos finden sich im neuen Tuluba-Kalender, der im Buchhandel und im Tiergarten um 14,90 Euro erhältlich ist.Daniel Zupanc, Tuluba - Kleiner Elefant mit großen Ohren, ISBN: 978-3-902644-07-7

Das Gespräch mit Dr. Harald Schwammer führte Adele Sansone für suite.101.de

Noch mehr Tierisches aus Schönbrunn?

Bildnachweis: Foto Tuluba Wasserratte + Fotokalender, Tiergarten Schönbrunn, D. Zupanc

Adele Sansone, Adele Sansone

Adele Sansone - Als Autorin für suite101.de interessieren mich vor allem die Bereiche Pflanzen und Tiere: Wie leben sie heute? Wie sind die einzelnen ...

rss