Editor's Choice

Hartz IV - wieviel kostet menschenwürdige Unterstützung?

Wenig Geld - Christian Seidel/pixelio
Wenig Geld - Christian Seidel/pixelio
„Gedemütigt und ohnmächtig" - eine arbeitslose Alleinerziehende zum täglichen Überlebenskampf und zur gegenwärtigen Debatte um fünf Euro mehr

Susanne war viele Jahre als Grafikerin angestellt, bis sie im Zuge der Rationalisierung ihres Verlages arbeitslos wurde. Mittlerweile bekommt sie nur noch ALG II (Hartz IV) für sich und ihren 15jährigen Sohn. Sie sieht sich die Sendung „Anne Will – Ist Nehmen seliger denn Geben?“ an. Stunden vorher wurde bekannt, dass die Regelsätze um fünf Euro steigen und Kinder zukünftig durch Sachleistungen gefördert werden sollen. Susanne: „ Es ist unerträglich, ein Tritt in die Weichteile. Was soll dieser Mist? Diese fünf Euro werden doch schon durch den Verwaltungsaufwand mit Neuberechnung und Porto aufgefressen."

Zur Sendung

Susanne: "Frau von der Leyen ist schon fast bewundernswert. Wie diese beinharte, föngestärkte Blondine Fiesheiten immer noch so rüberbringt, dass man sie trotzdem fast sympathisch findet, ist schon ganz hohe Schule. Armer Herr Ernst – wie ein Springteufel, hat in allem recht, steht aber alleine gegen vier. Herr Fleischhauer, kommt sehr arrogant rüber, bisher mochte ich den „Spiegel“, aber jetzt…..Allen Politikern, die sich erdreisten, über die faulen Arbeitslosen herzuziehen, die es sich mit dem mickrigen Geld so gemütlich machen, wünsche ich, mindestens ein halbes Jahre damit mal auskommen zu müssen, dann würden sie anders reden!"

Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben

Susanne: "Mein Kind ist tatsächlich die größte Armutsfalle: Da mir Kindergeld (das muss man sich mal vorstellen: Jeder Millionär darf es behalten, uns wird es angerechnet) und der Kindesunterhalt angerechnet werden, ist es so, dass ich mit Kind weniger zur Verfügung habe als ohne. Warum redet keiner darüber, dass von den 359 Euro auch Telefon, Praxisgebühr, HVV (Hamburger Verkehrsbetriebe), Strom, und zum großen Teil der Wasserverbrauch gezahlt werden müssen? Von Medikamenten, Kleidung, Schulessen und anderen Sachen ganz zu schweigen. Was wir von der Arge erhalten, reicht gerade mal für Miete und Nebenkosten. Ich gehe putzen, aber dass über 100 Euro hinaus schon wieder so viel abgezogen wird, ist ungerecht und kontraproduktiv."

Alleinerziehende haben laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bundesweit das größte Armutsrisiko. So sei ihr Anteil bei den "Hartz IV"-Empfängern inzwischen fünfmal so hoch wie bei Paaren mit Kindern, sagte DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamyin der "Rheinpfalz am Sonntag".

Auch die Psyche leidet

Susanne: "Es macht mich krank, meinem Sohn ständig sagen zu müssen „das geht nicht“, er versteht es zwar irgendwie, aber dieser Blick zerreißt mir das Herz! Ich fühle mich doppelt bestraft: Einerseits bin ich ohne eigenes Verschulden in dieser Situation und muss damit irgendwie zurechtkommen, andererseits habe ich ein schlechtes Gewissen meinem Sohn gegenüber und fühle mich als Versagerin. Frau von der Leyen lag sicher noch nie nachts wach und hat gegrübelt, wie sie eine neue Jeans finanzieren soll. Erklären Sie mal einem 15jährigen, dass für neue Kleidung kein Geld da ist. Ich gehe auch ins Sozialkaufhaus, das macht mir nichts, aber mein Sohn trägt keine gebrauchten Sachen. Das Ende vom Lied ist, dass ich knapse wie blöd, oder mich an seinen Vater wenden muss. Der zahlt jedoch relativ viel Unterhalt, was leider gleich beim Staat durch die Anrechnung verschwindet und ist deshalb auch nicht wirklich zugänglich. Ich bete, dass meine Zähne noch nicht so schnell wieder Kronen oder Ähnliches brauchen, das könnte ich mir gar nicht leisten. Auch eine Zahnreinigung für 60 Euro ist nicht drin – schon das auszusprechen klingt einerseits so albern aber auch pervers."

Bestimmte Bevölkerungsgruppen, die besonders von Armut betroffen sind, wie zum Beispiel Arbeitslose, Wohnungslose Alleinerziehende und so weiter, haben ein signifikant erhöhtes Morbiditäts- (force of morbidity) sowie Mortalitätsrisiko. Dass es einen Zusammenhang zwischen Sozialer Lage und Krankheit gibt, haben zahlreiche sozial- und naturwissenschaftliche Untersuchungen belegt. (Uni Weimar)

Abgestempelt

Susanne: "Es ist mir peinlich, wenn es nicht sein muss, sage ich, ich bin freiberuflich tätig. Da man leider mit den paar faulen Säcken, die anscheinend keinerlei intellektuelle und kulturelle Interessen haben und sich deshalb damit „eingerichtet“ haben, in einen Topf geworfen wird, verschweige ich es lieber. Aber sich selbst belügen kann man schlecht und deshalb fühle ich mich wie der Bodensatz der Gesellschaft. Man lebt ja nicht nur von Essen und Trinken, sondern will auch mal rausgehen, ins Theater, ins Museum, einen Kaffee trinken , das geht so gut wie gar nicht. Am schlimmsten ist der Gang zur Arge: Da sitzt man vor einem Sachbearbeiter (die ja leider alle sechs Monate wechseln, noch so ein Schwachsinn) und muss sich rechtfertigen für all die Wohltaten, die einem zuteil werden. Es gab tatsächlich mal einen, der zur mir sagte: „Frau E., wie können wir Ihnen helfen?“ – da bin ich fast in Tränen ausgebrochen.

Alles in Allem: Hört auf, auf den Schwächsten herum zu trampeln, es gibt genügend Einsparpotential bei Anderen: Banker, Pharmalobby, Engergieunternehmen. Und Frau von der Leyen kann sich ihre fünf Euro sonst wo hinstecken!“

Titelseite des Abendblatts vom 27.09.10: „Gerettete Banken zahlen wieder üppige Gehälter“ und „Hartz IV-Satz steigt um fünf Euro pro Monat“.

Bildnachweis: Seidel/pixelio.de

Julia Strelow, Stephan Wallocha

Julia Strelow - Autorin der Bücher: "Ratgeber Nachhilfe - Informationen, Adressen, Berichte" sowie "Jetzt sind wir dran?! - Frauen in der ...

rss